Das Grab im Wald

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2008
  • New York: Dutton, 2007, Titel: 'The Woods', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 420, Übersetzt: Gunnar Kwisinski
Das Grab im Wald
Das Grab im Wald
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Thorsten Sauer
83°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2008

Die Rückkehr eines Totgeglaubten kann zum Albtraum werden

Wer Kein Sterbenswort kennt, nun im Buchladen Cobens neuestes Werk zur Hand nimmt und den Klappentext liest, wird vermutlich zunächst glauben, sich vergriffen und Kein Sterbenswort erwischt zu haben, so ähnlich lesen sich die Inhaltsangaben. Doch Vorsicht, wer danach glaubt, dass Coben nur kalten Kaffee zu einem zähen Gebräu aufwärmt, der irrt gewaltig.

Jeder hat etwas zu Verbergen

Bezirksstaatsanwalt Copeland hat sein Leben im Griff; zumindest oberflächlich betrachtet. Er ist ein erfolgreicher Anwalt und bereitet seine politische Karriere vor, zu der ihm sein aktueller Fall die nötige Publicity verschaffen soll.

Doch hinter der Fassade nagen die erschütternden Ereignisse der Vergangenheit an der Psyche des selbstbewussten Erfolgsmenschen: Vor zwanzig Jahren wurden vier Jugendliche in einem Ferienlager brutal ermordet. Zwei fand man, zwei blieben verschwunden. Eine der Verschwundenen ist Copelands Schwester. Sie hatte sich gemeinsam mit den drei anderen aus dem Lager geschlichen und war einem Serientäter zum Opfer gefallen. Copeland selbst hätte es verhindern können, wäre er auf seinem Posten geblieben. Er hatte in dieser Nacht - als Betreuer der Gruppe - Wache, war aber abgelenkt von seiner Ferienbekanntschaft, mit der er sich selbst in den nahe gelegenen Wald zurückgezogen hatte. Auch beim zweiten Schicksalsschlag der ihn traf, hatte er seinen Posten verlassen. Dieses Mal nicht aus Liebe, sondern aufgrund einer Schwäche. Er hielt den Anblick des Leidens seiner an Krebs sterbenden Frau nicht mehr aus und lies sie in ihrer letzten Stunde alleine.

Doch inzwischen hat er gelernt zu kämpfen und er lässt sich nicht mehr einschüchtern. Auch nicht von den Verteidigern der beiden Studenten, die er wegen Vergewaltigung anklagt. Der Fall erregt große Aufmerksamkeit, weil die Familien reich sind und Einfluss haben. Sie haben die beiden besten und skrupellosesten Strafverteidiger engagiert, die Copeland mit der offenen Drohung in seiner Vergangenheit nach kompromittierenden Details zu suchen, zu einem Vergleich bewegen wollen.

Der bleibt hart, doch eine unerwartete Wendung bringt ihn unvermittelt in eine Lebenskrise und an den Rand einer juristischen Niederlage in seinem wichtigsten Fall: Er wird aufgefordert, die Leiche eines Mordopfers zu identifizieren. Der Tote entpuppt sich als Gil Perez, der zwanzig Jahre zuvor mit Copelands Schwester verschwunden und seither für tot gehalten wurde. Offensichtlich ist er vor zwanzig Jahren dem Mörder entkommen. Warum hielt er sich seitdem aber versteckt und lebt Copelands Schwester womöglich auch noch? Der tote Gil ist nur der Anfang, belastende Dokumente tauchen auf und Copelands Jugendliebe meldet sich. Der Staatsanwalt beginnt an allen Fronten zu kämpfen: mit den Geistern der Vergangenheit und mit zwei Strafverteidigen, die listig daran arbeiten, ihn unter Druck zu setzen.

Never Change a Running System

Man kann die Romane von Harlan Coben genauso leicht lieben, wie in einer Kritik zerreißen. Vor allem deshalb, weil sich Coben stur an sein Erfolgsrezept aus Kein Sterbenswort hält: Ein mitten im Leben stehender Protagonist, der seine schweren Schicksalsschläge gerade eben einigermaßen verarbeitet hat, wird plötzlich von der Vergangenheit eingeholt und in den Strudel eines Verbrechens gerissen.

Man könnte ihm Einfallslosigkeit unterstellen, doch Coben gelingt es diese Ausgangssituation geschickt zu variieren. Er behält die Elemente bei, die aus der Geschichte einen Pageturner machen, setzt aber neue Schwerpunkte und schlägt damit eine völlig neue Richtung ein. Während Kein Sterbenswort von der Action getragen wurde und Gewalt eine wesentliche Rolle spielte, geht es bei Das Grab im Wald mehr um die psychologische Spannung, Gewalt spielt nur eine untergeordnete Rolle. Coben konzentriert sich auf die inneren Konflikte der Figuren und wartet in bester Grisham-Manier sogar mit einer langen und trotzdem fesselnden Gerichtsepisode auf.

Das hohe Erzähltempo erkauft er sich dabei mit einem erzählerischen Kniff, der in Mode zu kommen scheint: die Ich-Erzählung mit Perspektivewechsel. Der Leser ist dem Ich-Erzähler Copeland häufig einen kleinen Schritt voraus, weil Coben regelmäßig Passagen in der dritten Person einfügt, in denen der Leser die Geschichte aus einer anderen Perspektive erfährt. Das macht er aber hervorragend und ohne logische Brüche. Die ganze Geschichte insgesamt ist grandios konstruiert und erzählt. Tiefgang darf man bei einem solchen Thriller freilich nicht erwarten aber alle, die sich nach einer schlaflosen Nacht und dem berühmten Eine-Seite noch-Gefühl sehnen, denen sei Das Grab im Wald dringend empfohlen.

Das Grab im Wald

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