Verschollen

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2001, Titel: 'Försvinnanden', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 282, Übersetzt: Kerstin Schöps
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 282, Übersetzt: Kerstin Schöps

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Jochen König
Klar, poetisch, analytisch - ein kleines Meisterwerk

Rezension von Jochen König Dez 2007

In einer Sommernacht des Jahres 1972 verschwindet die 19jährige Anna-Greta Södin vorm Haus ihrer Eltern spurlos. Knapp 30 Jahre später werden unweit der Stelle ihres Verschwindens drei skelettierte Leichen gefunden. Ein Skelett ist das von Anna-Greta. John Nielsen, der Journalist mit der dunklen Vergangenheit, begibt sich - halbherzig unterstützt durch den ortsansässigen Polizisten Olle Ivarsson - auf Spurensuche. Dabei ist er längst ins Visier des damaligen Mörders geraten, der zwar nichts sehnlicher als seine Entlarvung wünscht, aber auch vor weiteren Morden nicht zurückschreckt, wenn ihm jemand außer Nielsen zu nahe kommt.

Auf seiner Reise in die Vergangenheit begibt sich Nielsen in die kleine abgeschottete Welt des Ortes Bräcke, in dem nach Anna-Gretas Verschwinden nichts mehr so war wie zuvor. Zerfressen von Gerüchten, Misstrauen und Mutmaßungen gehen Menschen zugrunde, aber das Verbrechen wird nie aufgeklärt. Erst als Nielsen auf eine Familientragödie in der Nachbarschaft der Södins stößt, die letztlich Anna-Greta und die anderen Opfer in den Untergang reißt, kommt er dem Killer und dessen ehemaligen Komplizen bedenklich nahe.

Verschollen ist der erste auf Deutsch erschienene Kriminalroman des schwedischen Schriftstellers Åke Smedberg. Er liefert als Einstieg ein kleines Meisterwerk ab.

Wer erwartet, aufgrund des ländlichen Handlungsortes und der skandinavischen Herkunft des Autors, bei Verschollen handele es sich um einen gemütlichen Krimi, der langsam und stoisch seine Kreise zieht, bis die Schuldigen schließlich dingfest gemacht werden können, der irrt. Smedberg ist kein Autor der Ausschweifungen, seine Prosa ist klar, poetisch und von einer analytischen Präzision, die alleine seine Romane schon lesenswert macht. Er ist ein genau beobachtender Chronist, der in dem durch sein körperliches Handicap (amputierter Unterschenkel) gezeichneten John Nielsen einen unorthodoxen Protagonisten besitzt, der sich als idealer Transporteur unbequemer Wahrheiten eignet. Nielsen ist zwar Journalist, wegen seines Berufs gerät er immerhin ins Blickfeld des Killers, und besitzt so die scheinbare Legitimation in dem Vermisstenfall zu recherchieren. Doch am Ende wird er seine Erkenntnisse nicht für einen oder mehrere Artikel nutzen, sondern gibt sich damit zufrieden, überlebt und manche Dinge ins Reine gebracht zu haben.

Was ihm alles zugetragen wird, hätte für mehrere reißerische Titelstories vollkommen gereicht: zerstörte Familien, in denen Tabletten- und Kindesmissbrauch an der Tagesordnung sind, zwangsgesteuerte Beziehungen, die zum Tod von Menschen führen, und immer wieder übles Gerede und Vermutungen, die das Leben zur Hölle machen. Das ist einer der gewagtesten Kniffe Smedbergs: sowohl Nielsen wie der Leser werden mit Hörensagen abgespeist, müssen ihrer eigenen Urteilskraft trauen, denn den Berichterstattern der unterschiedlich wahrgenommenen Begebnisse kann man es nicht.

So bleibt am Ende auch einiges im Vagen, seien es Schicksale oder dunkle Obsessionen, deren Vorhandensein aus zweiter Hand übermittelt wird. Smedberg lotst seinen "Helden" Nielsen auf verschiedene Spuren, ob und wohin man als Leser folgen will, muss jeder selbst entscheiden; Smedberg kaut nicht vor, was man zu denken und empfinden hat. Auf dieser Grundlage entwickelt sich Verschollen zum äußerst spannenden und nachdenklichen Thriller. Ob die Präsentation des Täters der Weisheit letzter Schluss ist, sei mal dahin gestellt. Es ist eine nachvollziehbare Möglichkeit, die vieles zum Abschluss und einiges in Ordnung bringt; sie verschafft Täter und Ermittler vermutlich ein wenig Seelenfrieden, aber sie macht nichts Ungeschehen und lässt einige Fragen offen.

 

"Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sich etwas veränderte. Es fühlte sich an, als würde er aufhören zu fallen. Endlich hatte er wieder festen Boden unter den Füßen.
Unverwandt starrte er nach oben zu der blauen Stelle am Himmel, die zunehmend größer wurde. Vielleicht war das schon alles, was man erwarten, worauf man hoffen durfte, dachte er. Dass der Himmel aufklarte und einem das Atmen erleichterte. Für eine Weile wenigstens."

 

Wie später in Vom selben Blut - dessen Konstruktion noch ein wenig gewagter ist - gibt es auch hier einen stilvollen Schluss für ein bemerkenswertes Buch. Das wohl nur noch antiquarisch zu bekommen ist. Eigentlich müssten Tränen fließen...

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