Das Auge des Osiris

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • London, New York: Hodder & Stoughton, 1911, Titel: 'The Eye of Osiris: a Detective Romance', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, Seiten: 368, Übersetzt: Sonja Hauser, Bemerkung: Mit einem Nachwort von Lars Schafft
  • München: Heyne, 1990, Seiten: 302, Übersetzt: Sonja Hauser

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Michael Drewniok
Tod und zerstückelt und doch stets präsent

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2007

London im Spätsommer des Jahres 1904: Der Gerichtsmediziner, Dozent und Kriminalist Dr. John Thorndyke wird von seinem ehemaligen Studenten Paul Berkeley über einen bizarren und damit interessanten Fall in Kenntnis gesetzt: Vor zwei Jahren ist der angesehene Ägyptologe John Bellingham nach seiner Rückkehr von einer Forschungsexpedition spurlos verschwunden. Zuletzt sah man ihn als Besucher im Haus seines Cousins George Hurst, und im Garten seines Bruders Godfrey fand man seinen geliebten Skarabäus-Anhänger.

Zurück blieb nur Johns vertracktes Testament: Godfrey ist sein Erbe, doch antreten kann er es nur, wenn Johns Leiche auf einem der Friedhöfe bestattet wird, die er genau vorschrieb. Ansonsten - und nur dann - soll George erben. Ohne Leiche kann Johns Letzter Wille allerdings nicht vollstreckt werden; eine verfahrene Situation, zumal Godfrey inzwischen verarmt ist.

Thorndyke ist fasziniert: Dieses Problem will er lösen! Sein junger Geschäftspartner Jervis sowie Berkeley unterstützen ihn. Dreh- und Angelpunkt der Ermittlung ist die Frage nach dem Verbleib von John Bellingham. Dieses Rätsel scheint sich endlich zu lösen, als an verschiedenen Plätzen sorgfältig ausgelöste Menschenknochen gefunden werden, die sich zum Skelett eines älteren Mannes zusammenfügen lassen. Der letzte Beweis dafür, dass dies John sterbliche Überreste sind, kann jedoch zunächst nicht geführt werden.

Es bleibt dem streng logisch denkenden und systematisch ermittelnden Dr. Thorndyke überlassen, die gleichzeitig kargen und zahlreichen Indizien zu einem Fall zu schürzen, der sich als ebenso sensationell wie wunderlich herausstellt ...

Warum verschwand Dr. Thorndyke?

Etwa 150 Jahre ist die moderne Kriminalliteratur alt; an sich keine besonders lange Zeitspanne, doch da das Genre recht schnelllebig ist, geriet in diesen anderthalb Jahrhunderten viel außer Sicht, das zeitgenössisch für Aufsehen sorgte. Die Romane von R. Austin Freeman gehören dazu. Vor allem in Deutschland ist sein Werk allgemein vergessen und nur mehr wenigen Spezialisten bekannt. Dabei war dies einst anders; Freeman gehört zu den Autoren, deren Romane hierzulande recht prompt übersetzt und veröffentlicht wurden. Das änderte sich erst mit dem Zweiten Weltkrieg; ein Schicksal, das Freeman mit vielen angelsächsischen und plötzlich "feindlichen" Schriftsteller-Kollegen teilte. Während die Krimis von Agatha Christie, John Dickson Carr oder S.S. van Dine - um nur drei Beispiele zu nennen - nach 1945 allerdings erneut aufgelegt wurden, blieb Freeman fast vollständig außen vor.

Galt er als zu alt bzw. zu altmodisch, ein Relikt aus der Frühzeit des Krimis, dem anders als z. B. Arthur Conan Doyle kein Kult-Klassiker à la Sherlock Holmes gelungen war? Wie Das Auge des Osiris beweist, wäre diese Haltung ein grober Fehler. Dr. Thorndyke ist kein Holmes, das trifft zu, doch seine Fälle lesen sich noch ein Jahrhundert nach ihrer Niederschrift mindestens ebenso unterhaltsam.

Der Geist triumphiert - mit naturwissenschaftlicher Hilfe

"CSI vor 100 Jahren" lesen wir auf dem Cover der aktuellen Neuausgabe. Das ist einerseits blanke Werbung, die verständlich wirkt angesichts der Herausforderung, einen Roman aus dem Jahre 1911 einer Leserschaft des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen. Andererseits trifft diese Aussage den Nagel durchaus auf den Kopf. Noch deutlicher als der bereits erwähnte Sherlock Holmes ist John Thorndyke ein Jünger der Wissenschaft - übrigens nicht nur der Natur-, sondern auch der Geisteswissenschaften. Sehr modern betrachtet Thorndyke die Dinge gern ganzheitlich: Zum "Erklären" gehört das "Verstehen". Kriminalistik ist zu einem Gutteil Biologie, Chemie oder Physik, aber hinzu treten auch Aspekte der Geschichte, der Kunst oder der Philosophie.

Was dies in der Umsetzung bedeutet, führen uns Freeman und Thorndyke nach gegenwärtigem Verständnis womöglich ein wenig zu ausführlich vor Augen. Als Leser sind wir es heute nicht mehr gewöhnt, dass uns ein Kriminalist seine Thesen quasi tabellarisch vorstellt, um sie dann Punkt für Punkt mit uns durchzugehen. Der Krimi der Ära Freeman ist dem "fair play" noch überaus stark verbunden. Thorndyke ermittelt zusammen mit seinen Lesern. Wenn er dennoch schneller als wir zur Auflösung kommt, so gestehen wir ihm dies aufgrund seiner kriminalistischen Vorbildung zu: Er hat die uns vorgelegten Indizien besser und schneller deuten können.

Wobei wir die komplexen Ausführungen über die Bestimmung des Todeszeitpunkts oder pathologischen Exkurse, kurz: die gerichtsmedizinischen Interna eben dank CSI & Co. im 21. Jahrhundert problemlos nachvollziehen. Das Grundsätzliche der Polizeiarbeit ist zudem zeitlos. Der zeitgenössische Leser bedurfte noch der ausführlichen Erklärungen, mit denen Dr. Thorndyke nie geizt.

Eine gewisse Herausforderung stellt dagegen der juristische Aspekt des Osiris-Falls dar. Es fällt schwer, an die Gültigkeit eines Testaments zu glauben, wie John Bellingham es aufsetzte. Dies ist jedoch wichtig, weil es für die Handlung elementare Bedeutung besitzt. Vielleicht hilft es, wenn man sich an moderne Gerichtsverfahren erinnert, deren Ausgang jeglicher Logik oder gar Gerechtigkeit zu spotten scheinen; schwierig sein dürfte das nicht ... Notfalls hilft aber ein Einschub: Freeman lässt den Anwalt Jellicoe über den Unterschied zwischen "alltäglicher" und "juristischer" Realität sinnieren. Anschließend hat man immerhin einen deutlichen Eindruck von der teuflischen Paradoxie, die besagtem Testament innewohnt.

Abwarten und Tee trinken

Die Welt des frühen 20. Jahrhunderts mag den Zeitgenossen rasant und anspruchsvoll erschienen sein. Auf uns wirkt eher gemächlich, was wir über den Alltag dieser Zeit erfahren. Das spiegelt sich in der Struktur dieses Romans wider: Das Auge des Osiris ist kein reinrassiger Krimi. Falls eine entsprechende Definition 1911 überhaupt schon existierte, hat Freeman sie bewusst ignoriert: "A Detective Romance" lautet der Untertitel - und genau das ist dieser Roman.

Der Liebesgeschichte von Paul Berkeley und Ruth Bellingham gibt Freeman mindestens ebensoviel Raum wie dem kriminalistischen Rätsel. Auf den ersten hundert Seiten steht die der zeitgenössischen Konvention entsprechenden, d. h. streng reglementierten Werbung sogar im Vordergrund. Die Lösung des Bellingham-Rätsels ist ebenso intellektuelle Herausforderung wie die ritterliche Rettung einer Frau (und ihres Vaters) aus der Not; dem gegenüber steht die Frage nach Schuld und vor allem nach Sühne interessanterweise eher im Hintergrund.

Auf die Mischung aus Detection und Romance muss man einlassen. Nur dann betrachtet man die Lovestory nicht als Fremdkörper, sondern erkennt sie als integrales Element des Geschehens, wie Freeman es konstruierte. Geduld ist auch sonst eine Tugend, denn Thorndyke ermittelt genau und notfalls langsam. Das Ergebnis zählt, der Weg dorthin währt so lange wie es dauert. Niemand scheint dem Ermittler im Nacken zu sitzen. Thorndyke ist unabhängig. Nicht einmal der Polizei ist er offenbar Rechenschaft schuldig. Er arbeitet nicht mit Kommissar Badger zusammen, sondern parallel an ´seinem´ Fall. An einen Informationsaustausch denkt er sichtlich nicht; in diesem Punkt liegt Thorndyke wiederum ganz auf der Linie mit Sherlock Holmes.

Längst vergangen aber zeitlos

Das Auge des Osiris erzählt seine Geschichte formal und inhaltlich im Stil einer längst vergangenen Epoche. Dennoch möchte man diesen Roman nicht altmodisch nennen. Immer wieder überrascht Freeman mit Einfällen, die auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen.

Gern unterstellt man der Vergangenheit beispielsweise eine geistige und moralische Rückständigkeit. Das Verständnis von der Frau als rechtloses Anhängsel des chauvinistischen Mannes ist vor allem in den Historienkrimi eingeflossen. Ruth Bellinghams zurückhaltende Art scheint diese Aschenputtel-Rolle zu bestätigen. Tatsächlich trifft dies überhaupt nicht zu: Ruth sorgt für den Unterhalt ihrer kleinen Familie; sie leistet wissenschaftliche Recherchearbeit und ihre Leistungen werden von ihrem Vater, von Paul Berkeley und auch von Dr. Thorndyke anerkannt. Noch einen Schritt weiter geht Freeman mit der Figur der Mrs. Oman, die nicht nur selbstständig ihren Laden führt, sondern im Gespräch kein Blatt vor den Mund nimmt und mit Spitzen gegen die von sich allzu eingenommene Männerwelt nicht spart. Solche Passagen lesen sich ungemein modern.

Erstaunlich mutet der leichte Ton an, mit dem Freeman Dr. Thorndyke "anrüchige" Themen ansprechen lässt, von denen man eigentlich annahm, dass sie 1911 als unschicklich galten. Im Zusammenhang mit dem Auftauchen einer zerstückelten Leiche lässt sich Thorndyke sehr beredt über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten aus, eine Leiche verschwinden zu lassen. Man kann ihm Undeutlichkeit ganz sicher nicht vorwerfen. Einnehmend ist - der Kalauer sei hier gestattet - ein knochentrockener Humor, der sehr schwarz werden kann; auch raue Seziersaal-Scherze sind offensichtlich keine Innovation der CSI-Ära.

Thorndykes überfällige Rückkehr

Angesichts der beschriebenen Qualitäten mutet es merkwürdig an, dass R. Austin Freeman in Deutschland weiterhin auf seine Wiederentdeckung wartet. Das Auge des Osiris ist nach beinahe zwei Jahrzehnten der erste Roman dieses Verfassers, der zumindest eine Neuauflage erfährt; an eine Erstveröffentlichung der vielen bisher nie übersetzten Thorndyke-Romane ist wohl erst recht nicht zu denken.

Im Rahmen der Reihe "Fischer Crime Classic", die in Zusammenarbeit mit der Krimi-Couch herausgegeben wird, kehrt Das Auge des Osiris endlich zurück in die Buchläden. Dem Roman folgen zwei Artikel des Chefredakteurs Lars Schafft, der unter dem Titel "Gestatten? Thorndyke, Knochenjäger" das Werk kriminalliteraturhistorisch verortet, was er im Anschluss durch eine allgemeine "Einführung in die Welt der englischen Whodunnits" ergänzt.

Das Auge des Osiris

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Letzte Kommentare:
08.01.2014 18:04:32
Gabi

Hey, da sind aber ein paar Lese Banausen. Ich hab das Buch grad mal bis zur 100. Seite und finde es ganz prima. Hab mich schon auf die Suche nach anderen deutsch übersetzten Büchern aus der Thorndyke Reihe gemacht. Klar, ist kein Krimi wie sie heut geschrieben werden. Aber muß das immer sein! Finde das liest sich wie ein alter Film Klassiker. Und so alt bin ich wohl auch noch nicht...
Es gefällt, lest doch einfach mal rein. Selber urteilen !!

10.09.2012 23:19:50
Steffen

Ich kann mich Summerherekid nur anschließen. Wer einen Liebesroman sucht, ist mit dem "Auge des Osiris" vllt. gut bedient. Ein Krimi hat für mich aber anders auszusehen.

Am Anfang bekommt man einen zugegeben recht interessanten Mordfall vorgesetzt, der dann erstmal komplett in Vergessenheit gerät. Nach etlichen quälend langweiligen Seiten wird dann auch mal ein bisschen ermittelt. Ich muss gestehen, dass ich 1,2 Kapitel vor Schluss übersprungen habe, weil ich nicht noch mehr von dieser kitschigen Romanze lesen wollte. Dann kommt die große Auflösung - Gott, wie plump ist das denn?? Dafür habe ich mich durch das Buch gequält?

Fazit: Finger weg von diesem Buch, es ist die Zeit nicht wert!

12.04.2010 15:06:11
Summerherekid

Mal wieder ein schöner, altmodischer Krimi, ja das wird schön werden, denk ich mir. Noch dazu empfohlen von der Krimi-Couch, das muss ja gut sein, die Rezensionen versprechen auch schon mal viel. Das Buch selbst ist sehr liebevoll gestaltet, gefällt mir gut, also los.

S. 70:
Eine interessante Ausgangssituation, die gleich in den ersten Seiten dargelegt wird. Doch dann passiert nicht mehr viel. Klar, hier wird langsamer erzählt als wir das mittlerweile kennen. Und als dann die ersten Knochen auftauchen, scheint ja langsam Bewegung in die Sache zu kommen.

S. 121:
Kurz noch mal rückversichert: Ja, das Buch läuft in der Reihe Fischer „CRIME“ Classics, empfohlen von der „KRIMI“-Couch. Gut, zwischenzeitlich hatte ich nämlich den Eindruck, in einem Rosamunde Pilcher-Roman gelandet zu sein. Das Liebesleid des Erzählers nimmt mir doch etwas zu viel Raum ein. Was ist eigentlich mit der Krimihandlung? Warum bleibt Thorndyke so passiv?

S. 198:
Ein paar Überlegungen werden angestellt, es tauchen mehr und mehr Knochen auf, aber so wirklich passiert nix.

S.255:
Unser Liebespaar findet sich und trennt sich gleich wieder. Die Tränendrüse wird kräftig beansprucht.

S. 272:
Gähn!

S. 298:
Okay, ganz am Schluss des Buches wird dann zumindest der Kommentar auf dem Cover – „CSI vor 100 Jahren“ – gerechtfertigt.

S. 342:
Habe mir vor einiger Zeit antrainiert, Bücher auch mal wegzulegen, wenn nach einer gewissen Anzahl Seiten abzusehen ist, dass das nix mehr wird. „Das Auge des Osiris“ hätte ich normalerweise nach 30, 40 Seiten in die Ecke gepfeffert.
Aber: Da war doch die dicke Empfehlung der Krimi-Couch. Lars höchstpersönlich schreibt ein Nachwort zu dem Roman. Das kann doch nicht so schlecht sein. Das habe ich mir bei jeder Seite gesagt und mich weiter gequält. Bis zum Schluss.
Sicher, die Grundidee ist ganz gut, aber – zumindest teilweise – auch leicht vorherzusehen. Die vielen Rosamunde Pilcher-Parts sind nervig, Spannung kommt nie auf.
36°

12.04.2010 15:05:41
Summerherekid

Mal wieder ein schöner, altmodischer Krimi, ja das wird schön werden, denk ich mir. Noch dazu empfohlen von der Krimi-Couch, das muss ja gut sein, die Rezensionen versprechen auch schon mal viel. Das Buch selbst ist sehr liebevoll gestaltet, gefällt mir gut, also los.

S. 70:
Eine interessante Ausgangssituation, die gleich in den ersten Seiten dargelegt wird. Doch dann passiert nicht mehr viel. Klar, hier wird langsamer erzählt als wir das mittlerweile kennen. Und als dann die ersten Knochen auftauchen, scheint ja langsam Bewegung in die Sache zu kommen.

S. 121:
Kurz noch mal rückversichert: Ja, das Buch läuft in der Reihe Fischer „CRIME“ Classics, empfohlen von der „KRIMI“-Couch. Gut, zwischenzeitlich hatte ich nämlich den Eindruck, in einem Rosamunde Pilcher-Roman gelandet zu sein. Das Liebesleid des Erzählers nimmt mir doch etwas zu viel Raum ein. Was ist eigentlich mit der Krimihandlung? Warum bleibt Thorndyke so passiv?

S. 198:
Ein paar Überlegungen werden angestellt, es tauchen mehr und mehr Knochen auf, aber so wirklich passiert nix.

S.255:
Unser Liebespaar findet sich und trennt sich gleich wieder. Die Tränendrüse wird kräftig beansprucht.

S. 272:
Gähn!

S. 298:
Okay, ganz am Schluss des Buches wird dann zumindest der Kommentar auf dem Cover – „CSI vor 100 Jahren“ – gerechtfertigt.

S. 342:
Habe mir vor einiger Zeit antrainiert, Bücher auch mal wegzulegen, wenn nach einer gewissen Anzahl Seiten abzusehen ist, dass das nix mehr wird. „Das Auge des Osiris“ hätte ich normalerweise nach 30, 40 Seiten in die Ecke gepfeffert.
Aber: Da war doch die dicke Empfehlung der Krimi-Couch. Lars höchstpersönlich schreibt ein Nachwort zu dem Roman. Das kann doch nicht so schlecht sein. Das habe ich mir bei jeder Seite gesagt und mich weiter gequält. Bis zum Schluss.
Sicher, die Grundidee ist ganz gut, aber – zumindest teilweise – auch leicht vorherzusehen. Die vielen Rosamunde Pilcher-Parts sind nervig, Spannung kommt nie auf.
36°

31.03.2009 16:22:46
koepper

Das Buch kommt gemächlich daher. Der Autor läßt sich viel Zeit die Geschichte zu entwicklen. Das ist aber überhaupt nicht störend, ganz im Gegenteil. Freeman erzähl sehr präzise, sehr detailverliebt und gibt allen Akteuren dieses "altmodischen Krimis" ein Gesicht. Ein Krimi und gleichzeitig eine Liebesgeschichte präsentiert er uns. Es gelingt Freeman sehr gut diese beiden Geschichten zu erzählen ohne dass Kitsch oder Langeweile aufkommt. Freeman bietet viel an. Er führt uns duch das London Anfang des letzten Jahrhunderts. Er erläutert den Stand der gerichtsmedizinischen Erkenntnisse dieser Zeit. Er führt uns in die juristischen Feinheiten und Fallstricke eines Testaments ein. All dies ist gut geschrieben und in einer guten Ballance. Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen. Es macht mir Lust auf mehr. Uneingeschränkte Empfehlung für geduldige Leser.

08.02.2009 18:58:28
Falcon

Das Auge des Osiris führt einem in eine ganz andere Krimiwelt, als wir heute kennen. Dies sollte man sich bewusst sein, wenn man das Buch zu lesen beginnt. So ist das anfänglich sehr gemächliche Tempo doch gewöhnungsbedürftig. Hat man sich jedoch eingelesen, eröffnen sich einem ganz neue (alte) Krimiären.
Die Hauptfigur des Romans ist nicht wie zu erwarten wäre Dr. John Evelyn Thorndyke, sondern der junge Arzt Paul Barkeley. Dessen Figur und Romanze mit der Nichte des Verschollenen John Bellingham nimm doch geraumen Platz im Buch ein. Dr. John Evelyn Thorndyke tritt erst im letzten Drittel auf, dafür um so brillanter.
Trotz dem behaglichen Tempo ist der Roman spannend. Zum Ende hin steigert er sich gerade zu zum Thriller. Die Romanze von Ruth und Paul ist dabei schön zu lesen, bremst im Mittelteil aber den Erzählfluss. Berauschend ist aber die Sprache und Umgangsart. Unsere moderne und hektische Zeit könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.
Im ganzen Betrachtet ein äusserst lesenswertes Buch, das jedoch eine gewisse Geduld und Bereitschaft des Lesers erfordert, in alte Krimizeiten abzutauchen.

27.01.2009 16:15:09
Stefan83

Mit "Das Auge des Osiris" liegt nun der erste Kriminalroman aus der neuen Fischer Crime Classics-Reihe vor. Und R. Austin Freemans dritter Band um den Naturwissenschaftler Dr. Thorndyke lässt einiges in Bezug auf die weiteren Veröffentlichungen innerhalb der Reihe hoffen.

Nachdem vor einigen Jahren der Druck der erfolgreichen Dumont-Kriminalbibliothek eingestellt worden ist, scheint nun endlich wieder Nachschub im Bereich des klassischen Kriminalromans in Sicht zu sein. Dass dabei die Wahl auf R. Austin Freeman gefallen ist, kann aus Sicht der Genre-Anhänger nur begrüßt werden, sind seine Werke in Deutschland doch völlig in Vergessenheit geraten und wohl nur wenigen Spezialisten bekannt. Großes Lob also an die Entscheidungsträger, einen derartigen Autor auszuwählen und der Leserschaft des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen.

Das sich letzteres durchaus schwierig gestalten dürfte, liegt nicht nur am gemächlichen Erzählton des Krimis, sondern in erster Linie an der Tatsache, dass "Das Auge des Osiris" kein reinrassiger Kriminalroman ist. Vielmehr vermischen sich Elemente des klassischen Detektivromans im Stile Sir Arthur Conan Doyles mit einer ordentlichen Prise Romantik.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des Allgemeinmediziners Dr. Paul Berkeley, der im Spätsommer des Jahres 1904 als Vertretung des sich im Urlaub befindlichen Kollegen die Bekanntschaft mit den Bellinghams macht. Godfrey Bellingham, dessen Bruder John vor gut zwei Jahren spurlos und auf mysteriöse Art und Weise verschwand, befindet sich im Streit mit einem gewissen Mr. Hurst. Beide sind sie als Erben im Testament von John Bellingham angesetzt, das jedoch aufgrund von umständlichen Klauseln und Bedingungen die Identifikation eines Haupterben unmöglicht macht. Nun will Mr. Hurst John Bellingham per Gerichtsbeschluss für tot erklären lassen, um endlich das Testament vollstrecken zu können. Berkeley ist von dem verzwickten Fall und in noch größerem Maße von der hübschen Tochter Godfreys namens Ruth beeindruckt und bespricht den Fall mit seinem ehemaligen Lehrer Dr. Thorndyke, der bereits vor zwei Jahren sein Interesse an den in den Zeitungen geschilderten Ereignissen gezeigt hat. Dieser scheint als einziger in der Lage mithilfe streng logischen Denkens und systematischer Ermittlung, die kargen Indizien in dem Fall auszuwerten, der im weiteren Verlauf mit mehreren Knochenfunden in der Umgebung immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerät.

Was spannend und interessant klingt, kommt leider anfangs nur sehr zäh in Gang. Der Liebesgeschichte von Paul Berkeley und Ruth Bellingham räumt Freeman mindestens ebensoviel Raum ein, wie dem eigentlichen kriminalistischen Rätsel. Dieses "Damsel in Distress"-Motiv bremst vielerorts den Erzählfluss, weshalb ein gesundes Maß an Geduld in diesem Fall eine Tugend und Notwendigkeit ist, zumal Thorndyke ebenfalls genau und gerne auch langsam seine Ermittlungen vorantreibt. Da die Frage, ob überhaupt ein Mord begangen wurde, ebenfalls lange Zeit unbeantwortet bleibt, liegt auch das Spannungselement über weite Strecken brach. Wer sich jedoch auf diese Mischung aus Rätseln und Romantik einlässt, und am Indizien deuten seine Freude findet, wird letztendlich auch mit einer überraschenden Auflösung belohnt.

Insgesamt ist "Das Auge des Osiris" ein Paradebeispiel des klassischen Detektivromans, das nicht nur den Beginn des "Golden Age" markiert, sondern auch vielen nachfolgenden Kriminalautoren als Vorbild gedient hat. Ein Buch für Fans des Genres. Und nur für solche! Großes Lob an dieser Stelle auch für die zwei sehr aufschlussreichen und erhellenden Artikel aus der Feder Lars Schaffts am Ende des Buches.

03.01.2009 21:07:58
Krimi-Tina

Was für eine Entdeckung! Das Auge des Osiris ist ein klassischer Whodunit in bester Tradition, mit dem Unterschied zu vielen anderen, dass der Untersuchung und Bewertung des Beweismaterial mindestens soviel Raum eingeräumt wird, wie der schieren Deduktion, eigentlich sogar mehr. Thorndyke wird nicht müde zu betonen, dass eine Schlussfolgerung nur dann gültig ist, wenn sie auch durch Fakten untermauert ist. Ob Poirot so recht zufrieden gewesen wäre mit diesem Kollegen sei erstmal dahingestellt.
Diese Beweisführung wird dann auch sehr fein und entsprechend der Regeln ausgeführt, d.h. der Leser bekommt jeden clue gezeigt und unter die Nase gehalten.Mit dem Ergebnis, dass man durchaus den Täter und die Ausführung der Tat erraten kann.
Was mir aber so ungemein gut gefällt, ist der Charme den dieses Buch hat. Die Liebesgeschichte wurde schon mehrfach angesprochen. Ja sie nimmt vor allem anfänglich viel Raum ein. Hat mich nicht gestört. Ebenso wenig wie die liebevollen Beschreibungen, die einem das London Anfang des letzten Jahrhunderts vor Augen führen. Und auch die medizinischen und speziell die juristischen Ausführungen haben mich nie gelangweilt. Die Handlungsträger sind schön und detailliert ausgeführt. Thorndyke und seine 2 Watsons, Berkeley und Jervis sind sympathisch und machen Lust darauf, mehr über sie zu lesen. Zu guter Letzt fehlt es auch keineswegs an Humor, man denke nur an den Auftritt des Dienstmädchens vor dem Nachlassgericht oder die Bissigkeiten von Miss Oman.
Das Ganze ist in einer bemerkenswert modernen Sprache geschrieben, wie auch die Personen sehr modern agieren. Ich hatte oft das Gefühl, das Buch sei erst jetzt geschrieben worden und nur in die damalige Zeit verlegt worden.
Sehr bedauerlich, dass es nicht mehr von Freeman zu lesen gibt. Er wäre es wert. 92°

16.12.2008 13:08:02
mase

Das Negative zuerst. Die erste Hälfte dieses Buches war langweilig und hatte mit einem Krimi, sei er noch so alt, nicht viel zu tun. Das kam einer Liebesgeschichte am nächsten.

Da muss man durch, denn danach wird es richtig richtig gut. Beeindruckend, denn von der Szene vor Gericht können sich die Grishams dieser Welt eine Scheibe abschneiden. Auch die forensischen Beschreibungen waren grandios unterhaltsam und müssen damals in ihrer Exaktheit für Aufsehen gesorgt haben. Die Aufklärung des Rätsels hätte vielleicht etwas kürzer ausfallen dürfen, aber das verzeihe ich Freeman gerne.

Kurzum, die „Krimianteile“ in diesem frühen Werk könnten sich einige heutige Schriftsteller als Vorbild nehmen. Teilweise spielte sich ein toller Schwarzweiss-Film vor meinen Augen ab. Auch ohne Miss Marple.

Das Nachwort und die Einführung in die Welt der Whodunnits machen diese Ausgabe dann zu etwas besonderem und ich freue mich schon auf die anderen Bücher der Fischer Crime Classic Reihe.

11.12.2008 18:53:37
ingrida

Diesem Kommentar ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen, also alles gesagt und ich melde mich - wie ein Politiker oder mein Vorredner - dennoch zu Wort: Die Taschenbuchausgabe ist zum Preis-Leistungs-Verhältnis besonders gut gelungen. Überhaupt nicht billig, sondern preiswürdig. Die Gestaltung der Seitenzahlen fällt sofort ins Auge. Naja, und dann das "Titelbild". Respekt.
Das nur zur äußeren Verpackung, zum Inhalt - siehe oben.