Goldener Reis

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Sawtry: Dedalus, 2007, Titel: 'Citizen One', Originalsprache
  • München: dtv, 2008, Seiten: 360, Übersetzt: Sophie Kreutzfeld

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Jörg Kijanski
Lange hat es gedauert: Endlich ist der charismatische Ermittler Sun Piao wieder da

Rezension von Jörg Kijanski Sep 2007

In einem Betonfundament des Nationalstadions, in dem in Kürze die Olympischen Spiele 2008 stattfinden sollen, werden die Leichen mehrerer junger Frauen gefunden. Inspektor Di übernimmt die Ermittlungen. Schon seit einiger Zeit werden junge Frauen in Shanghai gejagt, mit Rasierklingen verstümmelt, vergewaltigt und getötet. Doch noch bevor Di seine Ermittlungen richtig aufnehmen kann, erhält Polizeichef Zoul einen Anruf, den Fall an die Volksbefreiungsarmee abzutreten, wo anschließend die Ermittlungen eingestellt werden sollen. Führende Offiziere der VBA sind offensichtlich an den Verbrechen beteiligt.

Fast zur gleichen Zeit wird Hauptkommissar Sun Piao aus Ankang, einer psychiatrischen Anstalt entlassen, die für ihre brutalen Methoden ähnlich einem Gefängnis berüchtigt ist. Kaum zurück in Shanghai erfährt Sun, dass er nicht zurück zur Mordkommission, sondern stattdessen im Sittendezernat eingesetzt werden soll. Als er dieses mit seinem Partner Pan Yaobang aufsucht müssen die beiden entsetzt feststellen, dass das Sittendezernat vor rund einem Jahr geschlossen wurde.

 

"In der Volksrepublik gibt es keine Laster, Hauptkommissar. Genauso wenig wie Armut. Oder Klassen. Oder Serienmörder. Hat man ihnen das nicht gesagt? Es ist offiziell. Das Politbüro hat es festgestellt."

 

Einen Tag später jedoch ist das Sittendezernat wieder eingerichtet und prompt werden Sun und Pan zu einem Einsatz gerufen. Zu ihrer Bestürzung finden sie allerdings die Leichen ihres ermordeten Kollegen Di und von dessen Partner. Mit zahlreichen Nägeln auf einen Holzfußboden "gefesselt", wurden sie anschließend mit einem Schweißbrenner gefoltert. Sun und Pan ermitteln also wieder in einem Mordfall und stören schon bald einflussreiche Kader der Führungsspitze des Landes. Sie geraten in ein wahres Wespennest aus Prostitution und Korruption, doch dies ist nur die Spitze des Eisberges. Dank ihrer Recherchen gelingt es schon bald, den für die Morde an den jungen Frauen und den beiden Polizisten verantwortlichen Offizier der VBA festzunehmen. Allerdings nur für kurze Zeit, danach darf er aufgrund seiner weit reichenden Beziehungen das Polizeipräsidium schon wieder als freier Mann verlassen...

Ein Land im Griff der Korruption. Grandioser Schluss(-satz)

Andy Oakes hat sich Zeit gelassen, seinen charismatischen Ermittler Sun Piao nach dessen Debüt in Drachenaugen wieder auf die Mächtigen Chinas und damit gleichzeitig auf die wartende Leserschaft loszulassen. Wieder einmal kennt Sun nur einen Weg, den geradeaus, egal wie dick die Mauer vor ihm auch sein mag. Er braucht weder Schlaf noch Essen, ein paar Tsingtao-Biere und mehrere "China Brands" (Zigaretten) reichen zum Arbeiten. Zwischendurch vereinzelt ein Tässchen Tee oder einen Teigballen und schon geht's weiter. An seiner Seite der Riese, sein kongenialer Partner Pan Yaobang, der sich meist auf recht einfache Art und Weise durchzusetzen weis.

 

"Unser Hauptkommissar Sun ist ein gefährlicher Mann. Ein Mann, der das gesamte Schwimmbecken leeren lässt, wenn ein einziger reingepinkelt hat."

 

Bild- und sprachgewaltig geht der Autor ans Werk und sorgt so neben einer packenden Handlung auch für einen kurzweiligen Unterhaltungswert. Neben einer anspruchsvollen Geschichte, in der zahlreiche Themen untergebracht sind, erfährt man in vorgestellten Kapiteln auch viel Wissenswertes über die nicht ganz so lupenreine Demokratie Chinas, in der die Armee über eine fast uneingeschränkte Machtfülle verfügt. Sorgfältig wird aufgezeigt wie das System funktioniert und wieweit Korruption und politische Intrigen das Land in ihrem Würgegriff haben. Und dies alles nur für ein paar Körner Reis möchte man sagen, denn der - seltsam übersetzte - deutsche Titel (der englische Originaltitel lautet Citizen One) deutet dies ja bereits an. Doch lesen sie selbst, was es mit der Pflanze Oryza sativa auf sich hat.

 

"Ihre Rolle ist ganz einfach. Sie finden eine Weg, die Scheiße in den Pferdehintern zurückzubugsieren. Oder Sie finden heraus, wie sich der Wille der Volksrepublik in Form einer Gewehrkugel manifestiert."

 

In Goldener Reis begegnen Sie zudem des Öfteren dem Großen Steuermann (Mao Zedong) und erfahren u. a. wofür ein Darlehen der Weltbank an China im Jahr 1999 verwendet wurde. Jedenfalls wurden die 200 Millionen Dollar nicht für jene Reformen verwendet, für die sie ursprünglich vorgesehen waren. So ist dieser Roman nicht nur ein spannender (Polit-)Thriller, sondern kommt angesichts der Olympiade 2008 gerade recht. So muss ein Gastgeberland aussehen, könnte man am Ende des Romans zynischer Weise anmerken, doch dann wartet Andy Oakes noch mit einem besonderen Schlag in die Magengrube auf. Die letzte Seite, der letzte Satz, ist ein finaler Paukenschlag vom Allerfeinsten.

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