Grafeneck

  • Pendragon
  • Erschienen: Januar 2007
  • Bielefeld: Pendragon, 2007, Seiten: 191, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 219, Originalsprache
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 0, Seiten: 5, Übersetzt: Manuel Kressin
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Thorsten Sauer
88°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2007

Vergangenheit ist nie vorbei

Eingraben und vergessen wollten wohl viele Menschen das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte nach dem Ende des Dritten Reiches. Doch Vergangenheit ist nie vorbei, erst recht nicht die unverarbeitete. Irgendwann kommt jemand, der mit den Händen im Dreck wühlt und etwas zu Tage fördert, das drängende Fragen aufwirft, auch wenn an der Oberfläche keine Spuren mehr zu sehen sind. So einer wie Mauser, der Protagonist aus dem Erstlingswerk von Rainer Gross, der die Höhlenleiche eines im zweiten Weltkrieg getöteten Mannes findet und damit Fragen nach der Vergangenheit und der Schuld jedes einzelnen stellt.

Die Höhlenleiche

Hermann Mauser, der verschrobene Dorfschullehrer aus Buttenhausen, hat eine Leidenschaft: die Höhlenforschung. Niemand kennt daher die Höhle oberhalb von Buttenhausen und Hundersingen besser als er. So ist es fast natürlich, dass er es ist, der eines Tages in einer Kammer einen Toten findet. Die Kammer war von außen nicht sichtbar.

Verschlossen von einem Lehmpropfen, hat die Zeit alle von außen erkennbaren Hinweise auf den Eingang verwischt. Doch den muss es einst gegeben haben, denn Mauser stellt schnell fest, dass der Tote keines natürlichen Todes gestorben ist und erst nach seinem Ableben in die Höhle verbracht wurde. Mauser interessiert sich für den Toten, will die Geschichte des Mannes ans Tageslicht bringen, der während des Krieges getötet und irgendwie in die Höhle geschafft wurde. Doch es ist nicht nur eine detektivische Leidenschaft, die Mauser packt. Da ist mehr, er spürt sofort, dass es eine Verbindung zu seinem eigenen Leben geben muss. Widerstrebend meldet Mauser den Fund der Polizei, macht sich aber selbst an eigene Ermittlungen und muss schnell feststellen, dass er mit dem Toten nicht nur einen Mordfall ans Tageslicht geholt hat, sondern auch seine eigene Vergangenheit.

Wenn die Vergangenheit ans Licht kommt

Grafeneck ist nur vordergründig ein Krimi, eigentlich geht es um Schuld und Vergangenheitsbewältigung des Dritten Reiches. Die beschaulichen Ortschaften Buttenhausen, Hundersingen und Lautlingen auf der Schwäbischen Alb, waren Zeugen einer Euthanasieeinrichtung in Grafeneck. Jahrzehnte später wird mit dem Leichenfund diese, in der Bevölkerung weitgehend verdrängte, Vergangenheit ins Licht gezerrt. Die Reaktionen im Ort sind daher auch entsprechend:

 

"Ich weiß nichts. Hier in Lautlingen ist kaum etwas passiert. Nazis haben wir keine gehabt, und die Juden waren schon weg."

 

Allenfalls erinnern sich einige Alte an die rauchenden Schornsteine des Krematoriums im Schloss von Grafeneck oder an die Busse, die mit blickdicht getönten Scheiben dort ein und aus fuhren, um neue "Patienten" zu bringen.

Auch bei Mauser hat das beharrliche Schweigen und Verdrängen dieses dunklen Kapitels funktioniert. Wohl auch deshalb, weil er sich und seine Familie auf der Seite der Opfer wähnte, da die geistig behinderte Schwester eines Tages selbst von einem Bus mit getönten Scheiben geholt wurde und Grafeneck nicht überlebte. Das ändert sich mit dem Fund der Leiche jedoch. Zunächst verspürt er nur eine unerklärliche Faszination für seinen bizarren Fund, doch bald tauchen Hinweise auf, die Mauser an seinen Erinnerungen zweifeln lassen. War der Vater, der in seiner Phantasie, als aufrechter Dorfpolizist - im Rahmen seiner Möglichkeiten - Widerstand leistete, auch nur ein Mitläufer und am Ende sogar ein Täter? Mauser gerät immer tiefer in den Strudel seiner eigenen Zweifel an der Rolle des Vaters während der Nazi-Diktatur. Er sucht einen Täter, ahnt, dass es der Vater sein könnte und projiziert den Hass auf die, die am Tode seiner Schwester schuld sind, auf alles, was mit dem Fall zusammen hängt. Bis es zu einer verhängnisvollen Eskalation kommt.

Heimatkrimi im besten Sinne und ein starkes Debüt

Rainer Gross ist mit seinem Erstling ein kleiner aber feiner Roman gelungen. Vor allem deshalb, weil er es schafft, die zentralen Themen der Geschichte durch Gegensätze zu betonen. Dem Idyll der Schwäbischen Alb stehen die Greuel in Grafeneck gegenüber, dem dörflichen Flair, die große Frage nach dem richtigen Umgang mit der deutschen Vergangenheit und Mausers intime Auseinandersetzung mit der Schuld des Vaters, die anonymen Hightech Ermittlungsmethoden des Teams von Kommissar Greving.

Klingt, als ob sich Gross da ein wenig zu viel vorgenommen hat, für seinen nicht einmal 200 Seiten umfassenden Krimi. Doch mit seinem ruhigen, fast beschaulichen Erzählstil, spinnt er gekonnt die Geschichte um den im Mittelpunkt stehenden Mauser. Freilich, ein richtiger Krimi ist es trotz Mordfall eigentlich trotzdem nicht. Doch auch das, was übrig bleibt, ist höchst lesenswert und man darf gespannt sein, was Gross in Zukunft noch folgen lässt.

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