Die dunkle Botschaft des Verführers

  • Edition Lübbe
  • Erschienen: Januar 2007
  • Caltanissetta: Terzo millennio, 2002, Titel: 'Il canto dell´upupa', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2007, Seiten: 315, Übersetzt: Katharina Schmidt
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2008, Seiten: 320, Übersetzt: Katharina Schmidt
Die dunkle Botschaft des Verführers
Die dunkle Botschaft des Verführers
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Thorsten Sauer
72°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2007

Statt Ehrenmord niederträchtiger Kindesmissbrauch

Sizilien steht für Mafia, Ehrenmord und alle übrigen Klischees, die sich gemeinhin mit dem südlichsten Zipfel Italiens verbinden lassen, italienische Krimis dagegen stehen eher für verschrobene Charaktere und gemütliche Ermittlungen. Mistretta räumt in seinem dritten Krimi um den Maresciallo Bonanno jedoch mit diesen gängigen Klischees auf. Es geht nicht um die Mafia, sondern um Kindesmissbrauch und der erprobt grantige Ermittler Bonanno wird auf eine harte Probe gestellt, denn die sizilianische Provinz entpuppt sich - dank des weltumspannenden Internets - als Zugang zu einem der schmutzigsten Verbrechen, das vorstellbar ist.
Was verbirgt sich hinter dem Wiedehopf?

Aspanu Caccialesto, ein stadtbekannter Zuhälter, bei dessen Angestellten einige der Lokalgrößen allabendlich "Dienstleitungen" in Anspruch nehmen, wird übel zugerichtet aufgefunden und mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Für Maresciallo Bonanno ist schnell klar, dass das keine normale Körperverletzungen war, sondern eine eindeutige Warnung an jemanden sein sollte. Der Horoskopgläubige Maresciallo macht sich an die Ermittlungen und befürchtet ob seiner schlechten Sternenkonstellation das Schlimmste. Sein Capitano hat sich wieder einmal beurlauben lassen und er muss sich nicht nur mit einer weiteren Leiche auseinander setzen, sondern kommt einer Organisation auf die Spur, vor deren Machenschaften jeder Mord zur Bagatelle gerät.

Sprache und Erzählperspektiven

Roberto Mistretta lässt seinen Maresciallo gewohnt temperamentvoll und mitunter lautstark zu Werke gehen. Bonnano tappt zunächst im Dunkeln, muss sich mit einem kleinen Zuhälter und seinen Kunden, der lokalen Prominenz, herumschlagen. Soweit so bekannt und typisch italienischer Krimi, doch Mistretta gelingt es den vermeintlich typisch italienischen Polizeikrimi aufzubrechen. Er verwendet wechselnde Erzähler. Den Schwerpunkt bildet dabei der Strang, in der die Ermittlungsarbeit des Maresciallo erzählt wird. Hier ist Mistretta ganz der klassische Krimiautor im Stile von Camilleri. Viel Lokalkolorit, ein eigenbrötlerischer Ermittler und eine Reihe skurriler Protagonisten zeichnen diese Abschnitte aus.

Ganz anders dagegen die beiden anderen Stränge, in denen die Geschichte aus der Opfer- und der Täterperspektive erzählt wird. Nichts mehr ist zu spüren vom gemütlichen Italienkrimi, schonungslos - fast pornografisch - wird der Missbrauch von Minderjährigen dargestellt.

Die drei Erzählstränge geben dem Roman einerseits etwas Unverkennbares und sorgen für mitunter fesselnde Spannung. Gesamthaft betrachtet wirken sie allerdings etwas überzogen und die Geschichte dadurch unausgewogen. Die Episoden um Bonanno sind etwas zu bemüht komisch und wirken daher angestrengt, Dopplungen und zu breit ausgetretene, vermeintlich humorvolle Episoden ermüden eher, als dass sie unterhalten.

Hardboiled, sperrige Metaphern und Running Gags

Als Running Gag durch den gesamten Roman zieht sich beispielsweise die Leidenschaft des Brigadiere Steppani zu waghalsiger Fahrweise, die er auch dann nicht zu zügeln versteht, wenn er Personen mit empfindlichem Magen an Bord hat. Die damit verbundenen Verwicklungen werden derart häufig bemüht, dass gegen Ende jeglicher Humor auf der Strecke bleibt. Ganz anders dagegen die Täterperspektive, die derart zynisch ist, dass es einen Hardboiled-Krimi zu Ehre gereichen würde. Die Opferperspektive dagegen laboriert an dem Problem, dass es Mistretta nicht gelingt, sich in die Psyche eines kleinen Jungen zu versetzen, denn da versucht ein 45-jähriges Kind wortgewandt sein Trauma zu verarbeiten und aus einem Teufelskreis auszubrechen, nicht ein verängstigter kleiner Junge. Hier macht sich Mistrettas Vorliebe für sperrige Metaphern besonders bemerkbar. Eine knappere, nüchternere Sprache wäre in diesen Passagen nicht nur glaubwürdiger gewesen, sie hätte auch den spannenden Schluss des Romans noch fesselnder machen können.

Doch trotz dieser Einschränkungen bleibt Die dunkle Botschaft des Verführers ein durchaus lesenswerter Roman und die Feststellung, dass der so langsam in die Jahre kommende Montalbano zwar noch keinen echten Konkurrenten aber immerhin einen ernstzunehmenden Kollegen in Europas südlichstem Revier bekommen hat.

Die dunkle Botschaft des Verführers

, Edition Lübbe

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