Keltenmond

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Sydney: Hodder, 2005, Titel: 'The Visitor', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006, Seiten: 476, Übersetzt: Regina Schneider

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Michael Drewniok
Fallen keltische Götter mordlustig über englisches Landvolk her?

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2007

Ihr zweiter Fall führt Inspector Briony Williams, Chefin eines Ermittlungsteams des Polizeirevier Thames Valley, in die Universitätsstadt Oxford. In seinem Haus fand der Dozent Dr. Gleeson die Leiche der siebzehnjährigen Sylvie-Hélène Bec. Der jungen Französin wurde mit einem Stein brutal der Schädel eingeschlagen. Sylvie arbeitete als Aupairmädchen für die Gleesons; sie beaufsichtigte die achtjährigen Zwillingsbrüder Miles und Daniel. Sie war hübsch, und in der Ehe der Gleesons kriselt es. So rückt zunächst Hausherr Gleeson ins Visier von Williams und Constable Todd Elsingham, der ihr als Assistent zugeteilt wurde.

Die schöne Theorie vom Mord aus Leidenschaft wird rasch unhaltbar. Seit Monaten schon wurde Sylvie von Träumen oder Visionen geplagt, in denen sie ein urzeitlicher Druide oder keltischer Halbgott verfolgte. Bei ihrer Leiche lag ein Stein, in den ein Auge eingraviert wurde. Freunde bestätigen Sylvies Verfolgungsängste. Die junge Frau plante eine Reise nach Avebury. Der kleine Ort liegt inmitten einer Landschaft, die übersät ist von Steinkreisen, Hügelgräbern, Altären und anderen Relikten der keltischen Ureinwohner, die hier vor vielen Jahrhunderten lebten und einen grimmigen Glauben lebten, der u. a. Menschenopfer zu Ehren diverser Naturgottheiten forderte.

Der Mörder verfolgt die Ermittlungen genau und will ihre Einstellung erzwingen. Auf Williams wird ein glimpflich ausgehendes Attentat verübt. Andere Beteiligte haben weniger Glück. Rasch steigt die Zahl der Leichen. Williams beschließt sich in die Höhle des Löwen zu begeben. In Avebury trifft sie auf alte und neue "Druiden", findet noch mehr Leichen und gerät auf die Spur eines geheimnisvollen Zaubermeisters, der sich darin gefällt, Menschen wie Labormäuse zu manipulieren. Dass die Polizei sich in seine Angelegenheit mischt, schätzt besagter Magier gar nicht, wie auch Williams feststellen muss, die unter seinen Gegenmaßnahmen arg zu leiden hat ...

Als Telefone noch Hörer und eine Schnur hatten

Dass ein Historienkrimi ausgerechnet im Jahre 1974 spielt, mag zunächst verblüffen. Meist wählen Autoren, die sich diesem Genre widmen, "exotischere" weil zeitlich weiter zurückliegende Phasen der Vergangenheit als Kulisse für die bekannte & beliebte Jagd nach dem Mörder. Zum einen erklärt sich die Entscheidung der Verfasserin dadurch, dass sie England seit vielen Jahren gen Australien verlassen hat (s. u.) und deshalb aus der Erinnerung an jene Jahre schöpfen muss, die sie auf dieser Insel verbracht hat. Zum anderen stellt sich rasch heraus, dass die 1970er Jahre, die gar nicht so lange zurückzuliegen scheinen, eine Spielwiese bieten, auf der sich eine ganz besondere Krimihandlung entfalten kann - oder, wie wir sehen werden, entfalten könnte.

Da ist zunächst die gänzliche Abwesenheit der modernen Informationstechnik. Computer oder Handys oder gar Internet sind unbekannt. Archive mit prall gefüllten Karteikästen und Standtelefone (mit Kabel!) sowie ausgiebige Lauf-, Hand- und Kopfarbeit müssen CSI-Mirakel ersetzen. Der Fingerabdruck ist noch immer das wichtigste Indiz. Verdächtigen und Tätern fällt es vergleichsweise leicht ihn und andere Spuren zu verwischen und unterzutauchen. Das prägt die Ermittlungsarbeit der Polizei, deren Vorgehen sich seit Jahrzehnten nicht geändert zu haben scheint. Dem ist natürlich nicht so; "Keltenmond" fällt in eine kriminalistische Umbruchphase, die mehrfach thematisiert wird. Noch die Veränderungen sind vergleichsweise subtil. Sie ermöglichen es altgedienten Beamten in führenden Positionen, die nicht wirklich verstandenen oder akzeptierten Errungenschaften der modernen Polizeiwissenschaften mit Skepsis zu betrachten. Vor allem die psychologische Deutung eines Kriminalfalls steckt noch in den Kinderschuhen.

Briony Williams, die Vertreterin einer neuen Generation von Ermittlern, muss deshalb einen Gutteil ihrer Arbeitszeit dem frustrierenden Kampf gegen altmodische Vorgesetzte und träge Kollegen opfern, die weiterhin eine "tradierte" Polizeiarbeit favorisieren. Zudem ist Williams ist eine Frau. 1974 ist das im gehobenen Polizeidienst noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Der Gedanke der Gleichberechtigung wirkt auf viele männliche Vorgesetzte und Kollegen befremdlich. Offene Chauvinismen kommen zwar selten vor, verhohlene Zurücksetzungen sind jedoch an der Tagesordnung.

Historienkrimi vor historischer Kulisse

Im Rahmen von 1974 lässt sich somit eine Krimihandlung entwerfen, die "anders" ablaufen kann und muss wie im 21. Jahrhundert. Womöglich hat es sich Jane Goodall sogar leichter gemacht, indem sie auf die komplizierte Ermittlungstechnik der Gegenwart verzichtete. Der Geschichte schadet es nicht. Sie spielt sehr schön mit dem Plot des mysteriösen Verbrechens, hinter dem ebenso gut ein irrer Mörder wie ein Gespenst stecken könnte. Die Landschaft um Oxford ist uraltes Siedlungsland. Vor allem die keltische Bevölkerung der Vorzeit erregt seit jeher das Interesse und die Fantasie der Menschen. Viel weiß man nicht von diesen Kelten, die keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen und deren Zivilisation von den römischen Erobern ausgelöscht wurde. Die Geschichte lässt reichlich Lücken, die einfallsreiche Schriftsteller nutzen können, indem er oder sie die Erinnerung mit Mythen mischt: Für einen gehörigen "Akte-X-Faktor" ist also gesorgt.

Ansonsten beschreibt Goodall gute, alte Polizeiarbeit, die man als Leser nie müde wird zu verfolgen. Tatorte werden inspiziert, Indizien ausgewertet. Mehrfach läuft man mit den Beamten in die Irre, rätselt mit ihnen über die Auflösung, die doch sicherlich auf dem Boden der Tatsachen erfolgen wird - oder etwa nicht? Ungewissheit schürt lange die Erwartung.

Figuren ohne einprägsame Züge

Die Hauptfigur einer Krimi-Serie lüftet vor allem ihre privaten Geheimnisse und Eigenheiten nur nach und nach; schließlich muss die Figur die Leserschaft möglichst lange fesseln. Wie Jane Goodall das mit Briony Williams schaffen möchte (falls sie es denn versucht), bleibt nach der Lektüre von "Keltenmond" rätselhaft. Williams ist keine Figur, die sich während der Lektüre einprägt. Sie arbeitet hart und gern und leidet unter bornierten Vorgesetzten und mauligen Untergebenen, die Dienst nach Vorschrift vorziehen. Ein Privatleben hat sie nicht und auch sonst keine Ecken und Kanten, die sie "interessant" machen könnten - ein Manko, denn Goodall gelingt es nicht, die daraus resultierende Indifferenz durch eine fesselnde Handlung wettzumachen (s. u.).

Auch sonst lässt die Parade von Kollegen, Zeugen und Verdächtigen, die Goodall aufmarschieren lässt, ziemlich kalt. Nicht einmal für die Mordopfer fühlt man Mitleid. Irgendwie haben sie entweder ihr Schicksal selbst heraufbeschworen oder die Traurigkeit ihres Dahinscheidens wird von der Autorin so übertrieben in Szene gesetzt, dass es jede Betroffenheit austreibt. Die Polizeikollegen, sonst im Kriminalroman immer gut für raue Kriminalistenscherze, bleiben blass. Nicht einmal der Pathologe fällt durch rüde Bemerkungen über klaffenden Obduktionsleichen schwarzhumorig aus dem Rahmen.

Natürlich könnte man zugunsten der Autorin annehmen, dass sie solche Alltäglichkeit gewollt habe. Dem steht gegenüber, dass man sich - zumal als deutscher Leser - oft vor Augen führen muss, dass "Keltenmond" im Jahre 1974 spielt. Dieser Faktor ist für die Geschichte, die uns hier erzählt wird, letztlich nicht wirklich bedeutungsvoll.

Enttäuschung auf der Zielgeraden

Der eigentliche Plot - über den an dieser Stelle spoilerfrei Schweigen bewahrt bleiben soll - könnte dann einem Edgar-Wallace-Thriller entliehen sein. Die solide Machart dieses Romans lässt den Rezensenten davor zurückscheuen, ihn "hirnrissig" zu nennen, doch auf keinen Fall wirkt er überzeugend. Der Verfasserin scheint dies selbst aufgefallen zu sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie im Finale plötzlich das mystisch-keltische Gewese sowie die kompliziert entwickelte "magische" Verschwörung fallen lässt und eine ganz "normale", sprich kriminalistische Lösung quasi aus dem Hut zieht? Als Leser kommt man sich recht dumm verkauft vor.

Oder liegt es daran, dass die Graue Eminenz im Hintergrund sich als enttäuschend uncharismatische Figur entpuppt, als sie Goodall endlich aus dem Schatten treten lässt? Sie versucht dies sehr ungeschickt durch ein spektakuläres Ende auszugleichen - offenbar war doch Zauberei im mörderischen Spiel -, verstärkt auf diese Weise jedoch nur das kollektive Stirnrunzeln der Leserschaft.

"Keltenmond" ist folgerichtig keine Offenbarung, bietet nichts, das sich als "originell" bezeichnen ließe. Das Bekannte wird freilich geschickt genug variiert, dass es die meiste Zeit unterhält - und behaupten böse Kritikerzungen nicht sowieso, der oder die durchschnittliche Krimifreund/in sei ein Schaf, das seine vertraute Weiden liebt und vor dem Unbekannten zurückschreckt? Wem es kein schlechtes Gewissen bereitet "Mäh!" zu rufen, kann sich deshalb über eine neue Krimiserie freuen, die bewährten Feierabend-Lesestoff bietet und - ein Pluspunkt, den Ihr Rezensent ausdrücklich hervorhebt! - auf seifenoperliche Hintergrundturbulenzen verzichtet: Briony Williams ermittelt nicht nur pro forma, um ansonsten Mr. Right hinterher zu schleichen, "Keltenmond" ist kein sog. "Lady-Thriller".

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