Mord unterm Karussell

Erschienen: Januar 1961

Bibliographische Angaben

  • New York: Farrar, Straus, 1948, Titel: 'Fatal Step', Seiten: 215, Originalsprache
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1961, Seiten: 175, Übersetzt: A. B. Noack

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Michael Drewniok
Tödliches Ende eines vergnüglichen Abends

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2006

Die Lösung seines letzten Falls kostete drei Menschen das Leben und bescherte ihm Albträume und eine tiefe Abscheu vor Waffen. Seither übernimmt Privatdetektiv Max Thursday in seiner kleinen Agentur im südkalifornischen San Diego nur noch kleine und ungefährliche Aufträge. Sein aktueller Klient bestellt ihn kurioserweise in den Vergnügungspark "Joyland", wo er in der Riesenschaukel auf ihn warten soll. Doch hilflos in seiner Gondel gefangen muss Thursday mit ansehen, wie der junge Chinese David Song aus einem fahrenden Auto erschossen wird.

Leutnant Clapp von der Mordkommission übernimmt den Fall. Bei der Leiche findet sich ein Zettel, der darauf hinweist, dass Song einen unbekannten Mann namens Leon Jagger beschattet hat. Thursday will sich eigentlich heraushalten, doch noch in der Mordnacht entführt ihn Davids Schwester Nancy mit Waffengewalt zum trauernden Vater Song Lee, der den Detektiv, der allmählich neugierig wird, tatsächlich engagieren kann.

Der unglückliche David pflegte zu Lebzeiten üblen Umgang. Er war dem Glücksspiel verfallen und ist offenbar in einen Gangsterkrieg zwischen dem Ehepaar Larson und Ulaine Tarrant, die brutal über ihr kriminelles Imperium herrschen, und dem Eindringling Jagger, der sein Stück vom Kuchen fordert, geraten ist.

Zwar denkt Thursday zunächst hoffnungsvoll, er könne sich aus dem Konflikt heraushalten und trotzdem Davids Namen reinwaschen, doch rasch muss er bemerken, dass die ohnehin nervösen Verbrecher auf sein vorsichtiges Stochern sehr ungehalten reagieren: Versucht der Detektiv ihnen jeweils im Auftrag der Gegenseite einen Mord unterzuschieben? Sie schicken ihre Schergen aus, die Thursday eindringlich "befragen", so dass dieser, der hartnäckig weiter ermittelt, beschließt seinen Schwur auf Waffenverzicht zugunsten einer Verlängerung seines Lebens zu brechen...

Plädoyer für einen verschwundenen Klassiker

Viel zu viele Krimis gibt es, die von der Zeit eingeholt und unter ihr begraben wurden, ohne dieses Schicksal zu verdienen. Die Klassiker Chandler, Hammett oder MacDonald werden nicht nur hierzulande immer wieder aufgelegt - glücklicherweise. Doch was ist mit den Pechvögeln, die keine Fürsprecher und Verlage finden, obwohl sie Schriftstellerarbeit geleistet haben, welche sich durchaus sehen bzw. lesen lassen kann?

Die Max-Thursday-Romane wurden von der zeitgenössischen US-Kritik nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern gelobt. Auch heute genießen sie ihr Renommee, und sie müssen auch in Deutschland mindestens von den Lesern zur Kenntnis genommen worden sein, denn sie sind sämtlich hierzulande erschienen. Ihre inhaltlichen wie formalen Qualitäten lassen eine Neuauflage wünschenswert erscheinen, die indes wohl nur ein Wunsch Ihres Rezensenten bleiben wird.

Was ist es nun, das dieses Buch so lesenswert macht? Da ist vor allem der Plot, der täuschend einfach wirkt aber - so gehört es sich - in die Irre führt, so dass die leicht irrwitzige aber logische Auflösung angenehm überraschen kann. Miller weiß sein Garn zu spinnen, Langeweile kommt nie auf, auch wenn so manche detektivische Ermittlung ins Leere läuft: Das gehört zum Job.

Ein Umstand, das Miller einst womöglich für selbstverständlich hielt, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte wie eine Vergoldung über seinen Roman gelegt: "Mord unterm Karussell" besticht durch seine Atmosphäre. Das Buch spielt in einem Land, das den II. Weltkrieg zwar gewonnen aber noch nicht überwunden hat. Immer wieder lässt Miller die historische Gegenwart der frühen 1950er Jahre einfließen. "Joyland" ist ein Relikt der hektischen Kriegsjahre, als Soldaten und Arbeiter in der Kriegsindustrie sich nach hartem Kampf oder Doppelschichten im Betrieb die kurze Freizeit vertreiben wollten. Die taffe Reporterin Merle Osborn gehört zu den wenigen Frauen, die nach 1945 noch nicht wieder in die Hausarbeit entlassen wurden, nachdem sie zuvor gut genug waren die in Übersee kämpfenden Männer in allen möglichen Berufen zu vertreten. Max Thursday hat selbst an der Front gedient und seine geistige Gesundheit dabei eingebüßt (s. u.)

In den klassischen Film-Krimis dieser Ära lässt sich die Stimmung noch erfassen, die "Mord unterm Karussell" auszeichnet. Damals muss dieser Roman sehr "modern" gewirkt haben. Auch heute erfreut die Abwesenheit so mancher zeitgenössischen Klischees. Die Übersetzung konnte dies bewahren und einen uralten, nur noch auf Flohmärkten zu findenden Dutzendkrimi in ein echtes, angenehm überraschendes Lektürevergnügen verwandeln.

Unsichere Menschen in einer planlos gewordenen Welt

Max Thursday gehört einerseits zu den geradezu klassischen Privatdetektiven - ein harter, unbestechlicher Schnüffler, welcher der Wahrheit den Vorzug vor einem bequemen Leben gibt und folglich von einem Fall auch dann nicht lassen kann, wenn dieser ihm wenig Geld aber viel Ärger bringt.

Andererseits kündigt Thursday schon einen "neuen", zeitgemäßen Detektiv an, der nicht nur zum Gangsterjagen auf der Welt ist. Der II. Weltkrieg ließ auch die Unterhaltungsindustrie nicht unberührt. Zwar hatten die USA "gewonnen", doch der Preis war hoch gewesen, und die Zukunft schien auf einen Krieg mit der Sowjetunion zuzusteuern, der jederzeit "heiß" werden konnte. Die alten Ideale einer "einfachen" Vergangenheit hatten sich als Illusion erwiesen. Im Kino wurden nach 1945 die Krimis der "Schwarzen Serie" zu einem eigenen Genre. Die Sünden und Schmerzen der Vergangenheit lasteten schwer auf allen Protagonisten, denen das Schicksal nichts als Tod oder weitere Enttäuschung zu bieten schien. Nichts war mehr Schwarz oder Weiß, alles war eher Grau.

Max Thursday gehört zu denen, die nicht als siegreicher Held, sondern als nervliches Wrack aus dem Krieg heimkehrten. Die Erinnerung daran, was er erleben und tun musste, hat ihn geprägt. Thursday will vor allem seine Ruhe, aber dafür hat er sich natürlich den falschen Job ausgesucht. Wieder ist da besagtes Schicksal, das ihn genretypisch stets dorthin führt, wo ihn wieder die fatale Entscheidung erwartet: Soll ich davonlaufen oder weitermachen?

Selbstverständlich entscheidet sich Thursday für Alternative Nr. 2; er kann nicht anders, und Verfasser Wade Miller arbeitet heraus, dass genau das auch Thursdays Problem ist. Er wird nie aufgeben und deshalb weiter verletzt werden. Dafür "belohnt" wird er mit Depressionen und Alkoholsucht.

Auch Merle Osborn kann so, wie sie Miller schildert, nur in ihrem Umfeld existieren. Sie hat Grenzen einer uralten gesellschaftlichen Schichtung überschritten, ist dank des Krieges in eine Männerdomäne vorgedrungen. Miller ist zu sehr Kind seiner Zeit, als dass er dies letztlich gutheißen könnte. So sehnt sich Osborn durchaus nach einer starken Schulter, an die sie sich in der Krise anlehnen kann. Bis es soweit - und ohne Garantie eines Gelingens - ist, schlägt sie sich jedoch wacker und stellt eine echte Bereicherung des Figurenpersonals dar, das Miller auch sonst mit viel Liebe zum überzeugenden bis leicht absurden Detail zu zeichnen weiß.

Mord unterm Karussell

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Letzte Kommentare:
06.11.2006 13:27:30
Rolf Wamers

Die 6 Max Thursday-Romane (dies ist der zweite) sollte jeder kennen, der sich mit dem literarischen Private Eye beschäftigt. Alle sind bei Ullstein in sehr ordentlichen Übersetzungen erschienen und seltsamerweise kaum gealtert. Schwarze Serie at his best. Und Dank an die Macher, dass der etwas vergessene Wade Miller jetzt auch auf der Krimi-Vouch Platz nehmen durfte.

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