Wintermörder

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2007
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 368, Originalsprache
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Sabine Reiß
90°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2006

Hier wird Geschichte lebendig

Es ist spät abends. Die Unternehmerwitwe Henriette Winkler sitzt in ihrem Wohnzimmer und hört klassische Musik, als es an der Terrassentür klopft. Am nächsten Morgen wird sie von ihrer Haushälterin Josefa Hirschbach tot aufgefunden. Ihr lebloser Körper wurde offensichtlich mit Wasser übergossen, so dass er in der eiskalten Winternacht zu Eis erstarrte. Ein kaltblütiger Mord, bei dem sich der Täter anscheinend alle Zeit der Welt genommen hat. In ihrer Hand wird ein mit Schreibmaschine geschriebener Zettel gefunden, auf dem die folgenden Worte zu lesen sind: "Debet quis juri subjacere, ubi deliquit", was bedeutet: "Man muss sich für das verantworten, wessen man schuldig geworden ist."

Die leitende Staatsanwältin des Falles, Myriam Singer, ist immer gerne selbst am Tatort. Als sie zur Villa von Henriette Winkler kommt, werden Erinnerungen wach, denn deren Enkelin Denise war eine Schulfreundin, mit der sie jedoch seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Mit dem ermittelnden Beamten Henri Liebler fährt sie zum Haus von Denise, um dieser die Nachricht vom Tod ihrer Großmutter zu überbringen. Die beiden finden Denise in völlig aufgelöstem Zustand vor. Ihr Sohn Frederik war nicht wie erwartet zu Hause, als sie vom Joggen kam. Auf dem Anrufbeantworter ist die Nachricht der Schule, dass er dort am heutigen Tag gar nicht gewesen sei. Allerdings deutet noch nichts auf eine Entführung hin.

Polizei und Familie warten vergeblich auf eine Lösegeldforderung. Stattdessen geht bei einem Journalisten eines Fernsehsenders ein Anruf ein, der ihn über die Entführung in Kenntnis setzt. Dass ausgerechnet er, Udo Jost, als Kontaktmann ausgewählt wurde, war purer Zufall, denn das Telefon des drittklassigen Journalisten hing als letztes in der Kette der Telefonzentrale. Da er seit Wochen nichts Gescheites zu Wege gebracht hatte, sieht er darin natürlich seine Rettung. In einem gemieteten Schließfach am Bahnhof findet die Polizei durch Josts Information nicht die erwartete Lösegeldforderung, sondern ein Foto, dass den Großvater des entführten Jungen und verstorbenen Ehemann der Ermordeten, Oskar Winkler, mit einer Person zeigt, die im Zweiten Weltkrieg kein unbeschriebenes Blatt in Nazi-Kreisen war. Wie hängen diese Informationen zusammen, wer hat Henriette Winkler ermordet und ist Frederik noch am Leben?

Die Romane von Krystyna Kuhn stellen keine Serie im eigentlichen Sinne dar. Ihre Hauptfiguren arbeiten jedoch alle entweder direkt bei oder im Umfeld der Polizei und kennen sich. So kommt es, dass im vorliegenden Band die Psychologin Hannah Rosen aus Engelshaar zwei kleine Gastauftritte erhält, in denen sie die Protagonistin Myriam Singer bei der Analyse unterstützt. Auch der Polizist Ron Fischer aus Fische können schweigen ist mit von der Partie, hält sich aber eher im Hintergrund.

Krystyna Kuhns Roman Wintermörder spielt in Frankfurt. Ihre Erzählung ist allerdings nicht so sehr auf das moderne "Mainhattan" fixiert, sondern auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dennoch spielt der Krimi vorwiegend in der Gegenwart mit kleinen Einschüben aus der Vergangenheit, die das Schicksal einer Zwangsarbeiterin aus Polen in Frankfurt beleuchten. Gekonnt verbindet die Autorin die beiden Zeitebenen miteinander, so dass der Leser bald erkennt, in welcher Richtung des Rätsel Lösung zu finden ist. Routiniert entwickelt sie die Struktur der Geschichte, ohne jedoch zu viel oder zu wenig Informationen auf einmal loszuwerden. Sie offenbart darüber hinaus Stück für Stück das Motiv des Täters, ohne einen Hinweis auf dessen wahre Identität zu hinterlassen.

Einen Krimi mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu verbinden, ist auf den ersten Blick nicht sonderlich originell, doch das ist auch nicht notwendig, um gleichwohl ein spannendes und gut erzähltes Buch zu verfassen. Die Autorin nähert sich diesem heiklen Thema mit gesundem Gespür. Hier geht es nicht um das große Ganze, nicht um die Schuld der Bevölkerung; Krystyna Kuhn legt das Augenmerk auf ein ganz persönliches Schicksal einer Unternehmerfamilie und deren Verwicklung in die Geschehnisse der Nazi-Herrschaft. Dabei hat sie sehr gut recherchiert und bleibt in ihren Erzählungen stets nachvollziehbar.

Die Ausarbeitung der Charaktere ist ihr darüber hinaus hervorragend gelungen, sie sind allesamt gut vorstellbar und bedienen nicht jedes Klischee. Der Stil ist dabei ungekünstelt und geradlinig sowie angenehm zu lesen. Die Beschreibungen nehmen nicht zu großen Raum ein, enthalten jedoch alles, um die Bilder gerade von den Orten der Geschehnisse lebendig zu gestalten. Die Spannung wird von Beginn an auf einem annehmbaren Level gehalten, ohne allzu atemlos zu sein.

Was will man mehr? Wintermörder ist zwar nicht sensationell, aber gut gemachte, solide Krimilektüre. Danke!

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