In der Höhle des Kraken

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Paris: Stock, 2003, Titel: 'Le couloir de la pieuvre', Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2006, Seiten: 480, Übersetzt: Michaela Meßner

Couch-Wertung:

80°
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Lars Schafft
Belmondos ´Sohn´ und tahitianische Riten

Buch-Rezension von Lars Schafft Apr 2006

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2006

Hätte, wäre, wenn. Was unspektakulär mit einer an einen südfranzösischen Strand angespülten Wasserleiche beginnt, entwickelt sich zu einer actionreichen Tour de Force über den halben Erdball. Wenn - ja, wenn Leutnant Paul Cabreras korsischer Vorgesetzter den jungen Polizisten nicht darum gebeten hätte, informell den Tot der jungen Frau, die so gar nicht mehr schön anzusehen auf der Insel Porquerolles gefunden wurde, näher zu untersuchen.

Eigentlich sieht alles nach Selbstmord aus. Doch ist es normal, dass eine sehr gute Schwimmerin ohne gesundheitliche Probleme mir nichts dir nichts im schönsten Spätsommer-Mittelmeer ertrinkt? Und dass der Fall nun so schnell zu den Akten gelegt wird? Dass Cabrera sogar abseits der offiziellen Kanäle recherchieren muss, wo überhaupt die Leiche hingeschafft worden ist? Dass diese unter staatlicher Bewachung hinter geschlossenen Türen eines Universitätsklinikum obduziert wird? Dass aber wirklich niemand den obduzierenden Pathologen kennt? Und dass es für den hitzigen Polizisten Cabrera wie für seinen korsischen Vorgesetzten bald schon sehr ungemütlich in Marseille wird?

Viele Fragen, noch mehr Überraschungen 

Viele Fragen, die sich ein geübter Krimi-Leser sicherlich schon jetzt alle selbst beantworten kann. Zur weiteren Handlung müssen ein paar Sätze genügen, denn an actionreicher Handlung mit zahlreichen überraschenden Wendungen mangelt es tatsächlich nicht in Olivier Descosses erstmals auf Deutsch erschienenem Roman "In der Höhle des Kraken", der den Franco-Cop bis in die Tiefen polynesischer Atolle und tödliche Gefahr bringen soll. Mehr wird nicht verraten - genießen Sie selbst die restlichen 450 Seiten dieses erfrischenden Thrillers, deren Inhalt wir noch nicht angeschnitten haben...

Denn es lohnt sich. Mit Leutnant Paul Cabrera, einem nichtmals dreißig Jahre alten Jungspund mit sizilianischen Wurzeln ist dem französischen Autor nämlich eine äußerst interessante - wenn auch zugegebenermaßen manchmal etwas klischeehafte - Machoversion eines Kommissars gelungen. Ein Hitzkopf, der mit seinem geschossartigen Motorrad über die Straßen Marseilles brettert, sich genau dorthin traut, wo es weh tut, der in seiner Freizeit kickboxt, der unkonventionelle Wege einschlägt und der sich von einer attraktiven Amerikanerin ein ganz neues Frauenbild aufdrücken lassen muss. Erinnert irgendwie an Jean-Paul Belmondo, wenn auch in einer verjüngten Version.

Was Olivier Descosse hinter dem Fund der Wasserleiche an Finten verbirgt, ist aller Ehren wert. Hier geht´s durchgehend zur Sache und worum es sich in "Die Höhle des Kraken" wirklich dreht, ist auch nach dem Abstecher in eine Unterwassergrotte auf einem polynesischen Atoll bis kurz vor dem Finale völlig unklar. Vermutungen stellen der Leser wie auch Cabrera mehr als genug an, von eigenartigen Ritualen, die auf dem so entfernt liegenden französischen Department vollzogen werden bis hin zu den Atomwaffen-Tests, die der französische Staat seinerzeit dort durchgeführt hat. "Mururoa" schießt einem dadurch wieder durchs Gehirn.

Das Kino im Kopf 

Aber "Die Höhle des Kraken" kann nicht nur wegen des Draufgänger-Heldens und seiner abenteuerlichen Ermittlungen überzeugen. Das schon arg überstrapazierte "Kino im Kopf" erreicht Monsieur Descosse nicht zuletzt wegen einer wunderbaren, wenn auch nicht aufdrängend auffallenden, bildhaften Sprache und flotten Dialogen.

Wer einen "neuen" Jean-Claude Izzo erwartet, wird von Olivier Descosse wohl enttäuscht sein. Was die Beschreibung des Melting-Pots Marseille und die politische Schilderung der Probleme der Grande Nation gerade im Süden betrifft, bleibt der 2000 verstorbene Franzose mit seiner Fabio-Montale-Reihe unerreicht. Alle anderen Leser dürfen sich aber auf einen rasanten Krimi mit exotischen Schauplätzen, knackigen Figuren, einem etwas Indiana-Jones-mäßigen Höhepunkt und mediterraner Atmosphäre freuen. Chapeau!

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