Das Geheimnis der Signora

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Parma: Guanda, 2002, Titel: 'Il commissario Bordelli', Seiten: 204, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004, Seiten: 318

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Jörg Kijanski
Figur charismatisch, Handlung zäh

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2005

Florenz, Sommer 1963. Die Temperaturen sind mörderisch und fast die gesamte Stadt ist zum Urlaub ans Meer entflohen. Eigentlich ruhige Zeiten für Commissario Casini, der sich nach einer Razzia, bei der er einen Teil der Verdächtigen laufen lässt, zunächst einmal Ärger mit seinem Chef einhandelt. Wenig später klingelt ihn ein Mitarbeiter um zwei Uhr nachts aus dem Bett, da die Gesellschaftsdame der ebenso betagten wie betuchten Signora Pedretti Strassen sich um diese Sorgen macht. Casini erklärt sich bereit, bei dieser umgehend vorbeizufahren und findet sie tot in ihrem Bett vor. Zunächst deutet alles auf einen Asthmaanfall hin, der zu einem Herzstillstand führte. Auch die anschließende Obduktion bestätigt den ersten Verdacht, allerdings gibt es einige Ungereimtheiten: Auf der Zunge der Toten finden sich Spuren eines Asthmamittels, welches auf dem Nachttisch der Verstorbenen sichergestellt wurde. Das Fläschchen selbst, welches die Medizin enthielt, war jedoch fest verschlossen. Außerdem konnte den tödlichen Asthmaanfall nur eine Blüte auslösen, die es in Europa normalerweise nicht gibt.

Während eine leicht verstört wirkende Nachbarin von diffusen Auffälligkeiten im Haus der Signora berichtet, sieht die Gesellschaftsdame in den beiden Neffen der Toten die wahren Schuldigen und behauptet, diese hätten sie umgebracht. Zum Leidwesen des Commissarios haben die Neffen allerdings ein wasserdichtes Alibi, welches von mehreren Zeugen bestätigt wird. Bliebe als weiterer Familienangehöriger noch der etwas verwirrte (verrückte?) Bruder Dante. Doch die Ermittlungen Casinis richten sich zunächst weiterhin gegen die Neffen...

In seinem Debütroman "Das Geheimnis der Signora" betritt ein neuer Kommissar die Szene, welcher so gar nicht in die allgemeinen Klischees eines Ermittlers passen will. Immer wieder kehren seine Gedanken zu den Schrecken des 2. Weltkrieges zurück, verstärkt auch durch den Umstand, dass sein neuer Partner Piras der Sohn eines früheren Kriegskameraden ist, dem er einst das Leben rettete. Commissario Casini ist Kettenraucher, trinkt bei jeder sich bietenden Gelegenheit und hat ein Herz für die Kleinganoven in seinem Bezirk. Da handelt er sich dann schon mal bewusst Ärger mit dem Polizeichef ein, in dem er "die Kleinen" nach einer Razzia einfach laufen lässt, da diese sich ja nur das Nötigste für ihren Lebensunterhalt zusammenklauen. Ein kleiner kommunistisch-sozialistischer Einschlag in der Gedankenwelt Casinis ist unverkennbar und so glänzt das Debüt von Marco Vichi in erster Linie durch die Darstellung seines Hauptprotagonisten, der einem trotz seiner diversen menschlichen Schwächen dennoch sympathisch daher kommt.

Der Krimi-Plot selber ist dagegen ein wenig misslungen, da sich von Anfang an die Ermittlung des Commissarios nur auf die beiden Neffen und deren Frauen richtet. Mangels alternativer Verdächtiger bleibt daher die Spannung auf der Strecke, denn diese reduziert sich zunehmend auf die Frage, ob und wie er die Tat nachweisen kann, schließlich haben alle ein nicht widerlegbares Alibi für die Tatzeit. Die Lösung selber erinnert an die Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes.

Die Handlung plätschert dahin, da die Verdächtigen "feststehen" und die Ermittler nicht von der Stelle kommen. Mehr Tempo hätte der Story durchaus gut getan und das kurz vor Ende des Buches noch ein (mehrere Seiten langes) Abendessen beim Commissario mit zahlreichen Freunden stattfindet, bei dem jeder ausführlich eine Anekdote aus seinem Leben erzählt, ist sicher auch nicht von Vorteil, da an diesem Punkt der Leser bereits der Auflösung des Rätsels entgegenfiebert. Das ständige Anzünden und Ausdrücken von unzähligen Zigaretten sowie die damit einhergehenden Beschwerden seines Partners ist auf Dauer ebenso störend wie der ständige Hinweis auf die unerträgliche Hitze. Hier zeigen sich noch deutliche Schwächen, wenngleich Vichi eine charismatische Figur erschaffen hat, von der man noch weitere Fälle verfolgen möchte.

Das Geheimnis der Signora

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Letzte Kommentare:
24.01.2009 22:35:32
ABaum71

Also, spannend ist etwas anderes, Marco Vichi beschränkt sich in diesem Buch eher darauf, wie ein Mord begangen wurde, obwohl die Verdächtigen alle ein Alibi haben.
Allerdings ist der Commissario ein sehr sympathischer Zeitgenosse, der allerdings für meinen Geschmack etwas zu sehr in der Vergangenheit schwelgt.
Bei Commissario Casini kommt es auch mal vor das er einen kleinen Ganoven einfach laufen lässt, zum Unwillen seines Vorgesetzten. So setzt sich auch sein Bekanntenkreis aus allerhand Kleinkriminellen zusammen.
Wer also einen spannenden Krimi erwartet, sollte das Buch lieber stehen lassen, wer aber auf detailgetreue Profile der Hauptdarsteller steht, oder mal einen Kommissar kennenlernen möchte. der etwas anders ist, der sollte ruhig mal reinlesen.
Viel, Spass dabei...

02.08.2007 19:30:12
A-bella

Also ich habe das Buch gern gelesen. Der Fall an sich tritt ein bisschen in den Hintergrund, es wird einfach viel über Commissario Casini erzählt, was ich wirklich interessant und stimmungsvoll fand. Spannend ist wohl was anderes, aber das hat mich hier gar nicht gestört

18.06.2007 16:09:20
Franz Tonn

Zunächst ist zu fragen, warum in den
deutschen Übersetzungen aus Commissario Bordelli der Kommissar
Casini geworden ist. Ich dachte immer,
daß man Familiennamen nicht ändert. Oder hatte man Angst, daß man im Deutschen nur an die Volksausgabe des
Eros-Centers denkt und nicht daran, daß
"bordello" im Italienischen erst einmal
"Unordnung" bedeutet?
Italienische Krimis haben den Vorzug, daß
sie keine reinen "Whodunnit?" (Wer war's?) sind, sondern das Eigenleben der
Figuren und das Lokalkolorit glaubwürdig
herausstellen. In dieser Tradition steht auch Vichi, und die Spannung leidet nicht darunter. Seine ständigen Einblendungen der Kriegsvergangenheit, bei der alle Deutschen "Nazis" sind,
waren im ersten Casini-Krimi noch hinnehmbar, im dritten gingen sie mir
gehörig auf den Wecker. Im zweiten dreht er allerdings durch: wenn man 1964 mit 1945 gleichsetzt und die Morde
nur noch aus der Vergangenheit erklärlich sind, wobei eine gute NGO (non-governmental organization) zum
Wohl der Gerechtigkeit Nürnberger Urteile von 1946 vollstreckt, wird es
kindisch.

07.02.2007 19:57:44
Patricia Brock

Nachdem ich das erste Buch des Schriftstellers kannte , besorgte ich mir sofort die beiden anderen . Der Schreibstil geht in die Kathegorien Magdalen Nabb, Loriano Macchiarelli u.s.w. Sie sind leicht zu lesen, die Charakteren sympathisch. Man kommt in den Geschichten gut mit der Handlung mit .

09.07.2006 17:12:36
Agatha

Verzeihung, ich weiß selbstverständlich, dass Geschmäcker verschieden sein können, aber meiner Ansicht nach ist dies einer der mit Abstand schlechtesten Krimis, die ich jemals gelesen habe. Ich fand die Handlung vorhersehbar und langweilig, die Charaktere unsympathisch und auch unrealistisch beschrieben, und auch die Atmosphäre des sommerlich heißen Florenz hat mich nicht angesprochen. Zudem haben die, äh, Erinnerungen Casinis dann doch zum Teil etwas lächerliche Züge. Alles in allem meiner Meinung nach ganz und gar nicht empfehlenswert.

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