Im Schatten des Feigenbaums

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • London: HarperCollins, 1996, Titel: 'The Fig Tree Murder', Seiten: 189, Originalsprache
  • München: Heyne, 2001, Seiten: 252, Übersetzt: Peter Pfaffinger

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Michael Drewniok
Kleiner Baum & große Wirkung

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2005

Kairo, Nordägypten, in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts: Vor dreißig Jahren rief sie ein vom Thronsturz bedrohter Khedive (so lautet der Titel des Monarchen, der königlich über das Land herrscht) zur Hilfe, und wurde sie nie wieder los - die Briten nämlich, die freudig die Chance nutzten, ihrem Kolonialreich, in dem die Sonne niemals untergeht, ein weiteres Sahnestück einzuverleiben, ohne zuvor gezwungen zu sein, einen Großteil der einheimischen Bevölkerung abzuschlachten. Das uralte Wüstenland am Nil hätten sich auch die Franzosen gern unter den Nagel gerissen; in Afrika gehören sie zu den ärgsten kolonialen Konkurrenten, die es tunlichst nicht zu brüskieren gilt. Daher ist Ägypten offiziell keine britische Kolonie; die Regierung lässt sich von den Briten nur 'beraten'.

Selbstverständlich weiß jeder um die wahren Verhältnisse. Die Briten halten hinter den Kulissen das Heft fest in der Hand. Die örtlichen Herrscher sind mehr oder weniger Marionetten. Es herrscht zwar Ruhe im Land, aber nationalistische Gruppe schüren immer wieder und seit einiger Zeit verstärkt Unruhen. Dafür zu sorgen, dass diese nie offen ausbrechen, obliegt dem britischen Geheimdienst, der in der ägyptischen Hauptstadt stark präsent ist. Gareth Owen steht ihm vor, ein besonnener Mann, der die komplexen politischen und vor allem religiösen Verhältnisse vor Ort kennt. Offiziell arbeitet er für den Khedive, aber jeder Bürger Kairos weiß, dass tatsächlich der "Mamur Zapt" - so Owens Amtstitel - das Sagen hat.

Mord & Intrigen unterm Feigenbaum

Als eines Tages ein einheimischer Arbeiter erschlagen unter einem Feigenbaum an der neuen Eisenbahnstrecke von Kairo nach Heliopolis gefunden wird, fällt dies eigentlich in den Aufgabenbereich der örtlichen Polizei. Doch hinter der Untat werden rasch politische Dimensionen sichtbar, was sogleich den Mamur Zapt auf den Plan ruft. Besagte Bahnlinie führt wie gesagt nach Heliopolis - eine Stadt, die auf dem Reißbrett entstand und nun gerade gebaut wird. Viel, viel Geld fließt in dieses gewaltige Projekt, das sich später auszahlen soll: Heliopolis wird als Stadt der Schönen und vor allem Reichen geplant. Hinter den Kulissen geht allerdings recht unfein zu. Dort raufen Geschäftsleute aus dem In- und Ausland, Spekulanten und Glücksritter um die größten Stücke des Kuchens Heliopolis. Dabei ist jeder Anlass willkommen, die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Dummerweise gilt besagter Feigenbaum als Heiligtum der koptischen Christen, da hier einst die Gottesmutter Maria mit dem jungen Jesus gerastet haben soll. Den Moslems ist dieses in ihren Augen heidnische Gewächs schon lange ein Dorn im Auge. Der fundamentalistische Scheich Isa nutzt die Gunst der Stunde, den Mord als Warnsignal Allahs darzustellen und gegen die Kopten zu intrigieren. Die Nationalisten bauschen die Untat ebenfalls auf; sie wollen dem belgischen Syndikat schaden, dass die Bahnlinie baut. Sogar die Franzosen mischen sich ein: Der Feigenbaum sei einst der Napoleon-Gattin Eugénie geschenkt worden und daher französisches Eigentum, das geschützt werden müsse, was die Eigentümer aus durchsichtigen Gründen gern persönlich übernehmen würden. Das Durcheinander wird komplettiert durch die Brüder des Ermordeten, die mit Blutrache drohen; diverse Paschas, die im Schatten des Heliopolis-Projekt recht krummen Geschäften nachgehen; die nervös gewordenen britischen Behörden, die um den Frieden (und ihre Vorherrschaft) in Ägypten fürchten, die treuherzige Schlägertruppe des Syndikats und einen hart geprüften Straußenzüchter. Zwischen allen Stühlen steht der Mamur Zapt, der sich fieberhaft bemüht, den Mordfall zu klären, bevor offener Aufruhr losbricht - nur dass den streitenden Parteien dieser Mord inzwischen herzlich gleichgültig geworden ist ...

Geschichtskrimi im nostalgischen Weichzeichner

Das vierte in Deutschland veröffentlichte Abenteuer des Mamur Zapt ist tatsächlich schon das zehnte: leider präsentiert uns der Diana-Verlag die Serie nach dem Zufallsprinzip. Daran sind wir deutschen Krimifreunde indes generell schon gewöhnt; wir sind ja selbst Schuld, weil wir zu bequem sind, die Originalausgaben zu lesen ... Sei's drum; lassen wir uns den Spaß nicht verderben. Denn "Im Schatten des Feigenbaums" sollte nie Ernst genommen werden. Diesen Roman als einen historischen zu bezeichnen, wäre ein Fehler. Nicht dass sich Autor Pearce die Welt des kolonialen Ägypten etwa aus den Fingern gesogen hätte: Der Mann weiß, worüber er schreibt, hat er doch zumindest die Spätphase dieser politisch so unkorrekten Zeit noch selbst miterlebt: 1933 im ägyptischen Sudan geboren, war er dort später lange Jahre als Lehrer tätig.

Apropos politisch korrekt: Wer auf dieser Schiene durch sein Leben reist, wird keine Freude an der "Mamur Zapt"-Serie haben. Für Pearce ist der Kolonialismus ein simples Faktum, das er wertneutral als Kulisse für farbige Krimis einsetzt. Folgerichtig sind die britischen Herren Ägyptens keine rassistischen Ausbeuter-Teufel, sondern einfach Männer, die ihren Job tun - mal gut, mal schlecht. Gareth Owen ist in Tugendbold-Augen sogar ein beklagenswert sympathischer Charakter: Als Waliser in seiner britischen Heimat quasi selbst als 'Wilder' aufgewachsen und mit den entsprechenden Vorurteilen vertraut, hegt er freundschaftliche Gefühle für die einheimische Bevölkerung seiner neuen nordafrikanischen Heimat. Ihm gefällt es dort, und man versteht ihn: Pearce verbannt die 'echten' Ägypter nicht in Diener- und Märtyrer-Rollen (Wehe! Die armen, geknechteten Völker! Was müssen sie Tag & Nacht von den bösen Imperialisten erdulden! Verflucht sie & tut Buße, indem ihr keine billigen Datteln mehr im Supermarkt kauft!) Tatsächlich spricht er einige unangenehme Wahrheiten an: Die britischen Herren bevormunden die Ägypter und beuten sie aus, aber sie sorgen auf der anderen Seite für geordnete Verhältnisse und Frieden in einem Land, das bisher von ewigen Stammesfehden und Korruption verwüstet wurde. Noch schlimmer: Die Betroffenen erkennen und begrüßen das sogar!

1001 Nacht mit realistischen Untertönen

Dabei ist Pearce keineswegs naiv: Die seltsame Mischung aus Begrüßens- und Beklagenswertem, die den Kolonialismus kennzeichnet, ist ihm sehr wohl bewusst: "Der offizielle Herrscher über Ägypten war der Khedive. Dieser hatte eine Regierung, die ihm gegenüber verantwortlich war. Doch seit die britische Armee vor dreißig Jahren eingegriffen hatte, um ihm bei der Niederschlagung einer Rebellion zu helfen, und dann geblieben war, stand hinter jedem Minister ein britischer Ratgeber und hinter dem Khedive der britische Generalkonsul persönlich. Ja, das Regierungswesen war eine Angelegenheit von Schatten - doch was war die Substanz und was der Schatten?" (S. 17) Solche Passagen wird man viele finden in den Romanen der Mamur Zapt-Serie. Gareth Owen selbst ist wie gesagt ein liebenswerter, um Ausgleich bemühter Zeitgenosse - doch ab einem gewissen Punkt vor allem britischer Kolonialbeamter. Als Mitglied des Geheimdienstes steht er sogar in vorderster Front mit denen, die sich in Sachen Fremdherrschaft die Finger besonders schmutzig machen. Mit diesem Zwiespalt kann Owen recht gut leben, aber Pearce verschweigt nicht, dass er damit schrecklich falsch liegen könnte.

Aber man sollte wie gesagt nicht gar zu streng urteilen über die Mamur Zapt-Geschichten. Sie sind primär Unterhaltung in exotischer Umgebung. Pearce liebt irrwitzige Situationen, die er mit großem Geschick und völlig logisch anzufachen weiß. Er scheut vor Übertreibung und sogar Slapstick nicht zurück; hier führt ein eher zufälliger Leichenfund zum bizarren Streit um ein obskures Baumheiligtum, in den sich Vertreter aller einheimischen und ausländischen Behörden, Religionen und Interessengruppen einschalten - und kräftig blamieren. Pearce schont niemanden, weder den arbeitsunlustigen Gleisarbeiter noch den steinzeitfundamentalistischen Scheich, den arroganten Pascha nicht und erst recht nicht die Briten, Franzosen oder Belgier, die sich keineswegs als überlegene Herrenrasse qualifizieren.

Da der Verfasser mit einem gesunden Sinn für echten Humor gesegnet ist, machen seine Geschichten einfach Spaß. Anders als die grässlichen, auf Nostalgie und lustig gequälten, ebenfalls in Ägypten um 1900 spielenden Machwerke der Elizabeth Peters kann man sich über den wüstentrockenen Witz der Mamur Zapt-Romane wirklich amüsieren.

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