Grünmantel

  • Diogenes
  • Erschienen: Januar 1971
  • London: Hodder & Stoughton, 1916, Titel: 'Greenmantle', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1971, Seiten: 365, Übersetzt: Marta Hackel
  • München: König, 1973, Seiten: 285
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Michael Drewniok
95°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Jan 2005

´Heiliger Krieg´ von Kaiser Wilhelms Gnaden

Im Jahr 1916 liefern sich die europäischen Großmächte auf dem Kontinent einen erbitterten Grabenkrieg. Noch ist nichts entschieden, die Deutschen halten buchstäblich ihre Stellungen. Dennoch wird es eng, so dass Kaiser Wilhelms Strategen nach einer Möglichkeit suchen, vor allem die britischen Truppen der Front fern zu halten. Im fernen Osmanischen Reich - der späteren Türkei - wird eine beispiellose Aktion inszeniert: Den islamischen Stämmen dieser Region soll die Ankunft eines "Propheten" vorgegaukelt werden, der sie zum "Heiligen Krieg" gegen die "Ungläubigen" aufrufen und durch Persien gen Indien schicken soll. Das Kronjuwel des britischen Empire müssten die Briten auf jeden Fall verteidigen.

Wer ist der unbekannte Meisterspion, dem in der Türkei dieses Schurkenstück zu gelingen scheint? Das britische Kriegsministerium ist tief beunruhigt. Die eigenen Agenten sind jedes Mal aufgeflogen und umgebracht worden. Nun versucht man es mit einem "Amateur": Major Richard Hannay hatte im Vorjahr in Schottland fast im Alleingang die Verschwörerbande "The Thirty-Nine Steps" auffliegen lassen. Das empfiehlt ihn, der sich nunmehr in den französischen Schützengräben wacker schlägt, als Kandidaten.

Ein Spion & Gentleman unter den "Boches"

Als treuer Untertan Seiner Majestät lässt sich Hannay auf den gefährlichen Auftrag ein. Doch wo hält der Feind sich auf? Die kargen Nachrichten lassen darauf schließen, dass er noch im Balkan seine Ränke schmiedet. Hannay beginnt seine Suche in der Höhle des Löwen: in Deutschland, das er als Briten hassender Bure maskiert bereist, der sich als Agitator gegen die Briten anheuern lassen will. Tatsächlich macht Hannay den brutalen Oberst von Stumm auf sich aufmerksam. Ein unglückseliger Zwischenfall zwingt ihn jedoch zur Flucht. Mitten im Feindesland und noch weit entfernt von der Türkei steht Hannay völlig allein. Verfolgt vom unerbittlichen Stumm und seinen mörderischen Spießgesellen begibt er sich unverdrossen auf seinen langen Weg zum eigentlichen Missionsziel. Immer wieder gerät er in tödliche Fallen, bleibt aber hartnäckig auf der Spur des großen Unbekannten, dessen Decknamen er inzwischen immerhin kennt: Grünmantel ...

Thriller- und Abenteuer-Meisterwerk von einem Insider

Grünmantel: Das ist ein lupenreiner Thriller von einem frühen Großmeister dieses Genres, das es so zum Zeitpunkt seiner Niederschrift noch nicht allzu lang gab. Buchan formulierte viele seiner Regeln (und Klischees). Vor allem verbanden sich hier jedoch zwei Elemente - ein talentierter Schriftsteller ist gleichzeitig Insider und mit dem Gepflogenheiten der zeitgenössischen Geheimdienstarbeit vertraut - optimal und ermöglichten die Entstehung einiger Klassiker.

Hinzu treten in Buchans Thriller perfekt inszenierte Elemente des Reise- und Abenteuerromans. Auch in Grünmantel hastet Hannay durch einen großen Teil der Welt. Buchan scheint sich dort überall gut auszukennen. Die Kulissen sind überaus detailreich gezeichnet, an Hintergrundinformationen wird niemals gespart (wobei es praktisch ist, dass knapp neun Jahrzehnte später nur dem Historiker Unstimmigkeiten auffallen würden).

Die Story ist gut ausgetüftelt und wird spannend umgesetzt. Grundsätzlich ist sie einfach: Jäger und Gejagte kommen sich allmählich näher, bis sie im großen Finale aufeinander treffen und alle bisher offenen Fragen geklärt werden. Dieses uralte Prinzip funktioniert auch hier fabelhaft. Buchan versteht es, die Kiste auf dem Deckel zu lassen, so dass sich das Grünmantel-Rätsel nur scheibchenweise entschlüsselt.

Wobei es von Vorteil ist, dass Richard Hannay als Agent eindeutig als Neuling bezeichnet werden muss. Er ist entschlossen und entwickelt gute Pläne. Leider gehen sie meist schief: Die Tücke des Objekts und das Element des Scheitern sind fester Bestandteil des Plots. Das macht die Lektüre erst recht interessant, da es keine Sicherheiten und Garantien gibt.

Der Leser muss sich freilich an einige Eigentümlichkeiten gewöhnen. Grünmantel entstand 1916, d. h. auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs, und ist nicht nur ein Thriller, sondern auch Propaganda wider den Feind, den man überwinden, und für Großbritannien, das definitiv siegen wird. Es wimmelt von Textstellen, die man heute als "Hurra-Patriotismen" bezeichnet. Sie lesen sich hässlich und "falsch", müssen aber im historischen Umfeld einer Ära gewertet werden, in der erbittert Krieg geführt wurde. Die (sehr gute) Übersetzung spart dies dankenswerterweise nicht aus. (Und als der Krieg vorbei war, entwickelte Buchan rasch ein neues Feindbild: den Bolschewismus ...)

Viel Feind, wenig Ehr´: der Spion im Zwiespalt

Zum zweiten Mal (nach Die 39 Stufen) gibt Richard Hannay den redlichen, eigentlich von der Situation ständig überforderten Mann, der in der Not über sich selbst hinauswächst - laut Buchan eine typische Eigenschaft des Engländers - und allen Gefahren sowohl mutig als auch lakonisch trotzt. Ein Gentleman handelt tapfer nach seinem Ehrenkodex und schweigt möglichst darüber.

So ist es selbstverständlich, dass Hannay zu den Waffen eilt, sobald sein Land ihn ruft. Freilich muss er nicht wie der gemeine Soldat im Dreck liegen - Hannay ist Offizier und plant Attacken auf feindliche Schützengräben, bei denen er seine Männer allerdings persönlich anführt. Das ist geradezu selbstmörderisch, aber Hannay stellt das System nicht in Frage. Opfer sind halt nötig, um den Feind in die Schranken zu weisen. Das eigene Leben ist da Nebensache.

So meldet sich Hannay denn prompt freiwillig für die Jagd auf Grünmantel, ein obskures Unternehmen, für das er im Grunde außer seiner britischen Männlichkeit keine echte Voraussetzung mitbringt. Das scheint nach Ansicht der hohen Herren im Ministerium - wie der Adel oder sogar identisch mit ihm zur Kaste der "old boys" zählend, die das Empire regieren und der Hannay (und Buchan) angehören - vollauf zu genügen.

Sehr patriotisch aber irgendwie sportlich geht Hannay seinen Auftrag an. Das "Große Spiel" nannte man den geheimen Kampf der Spione später. Hier begreift man die Bedeutung dieser Bezeichnung. Halb Europa, Nordafrika und Kleinasien sind das Spielfeld, auf dem mit großem Ernst, aber durchaus elegant gefochten wird. Hannay zur Seite stehen dabei einige nicht ganz so tüchtige, aber treue Freunde. Ein bisschen exzentrisch schildert sie der Autor, was sie interessant wirken lässt, doch sie stehen prächtig ihren Mann, sobald es darauf ankommt.

Als Deutsche noch "Hunnen" waren ...

Die Zeichnung der Gegner ist für den deutschen Leser der Gegenwart natürlich besonders interessant. Hannay/Buchan sind unbedingte Repräsentanten des britischen Imperialismus. Britannia rules, und zwar nicht nur the waves, sondern am besten auch das Festland dieser Welt. Wer sich dem entgegenstellt ist per se böse. "Die Deutschen" haben es gewagt, dafür schildert sie Buchan in denkbar schlechtem Licht. Sein Oberst von Stumm ist - der Verfasser macht gar keinen Hehl daraus - die Karikatur des "dreckigen Hunnen" - stiernackig, borstenköpfig, feist, grobschlächtig, weniger klug als schlau, brutal, verbohrt und ein unversöhnlicher Gegner. Die Kette der Vorurteile reißt hier längst noch nicht ab. Buchans Talent als Schriftsteller ist es zu verdanken, dass Stumm dennoch einen faszinierenden Bösewicht abgibt. (Einen hinterlistigen Tiefschlag kann sich Buchan indessen nicht verkneifen: Er outet Stumm in der gebotenen Zurückhaltung seiner Zeit als Homosexuellen, um durch diese "Perversion" das Bild des moralisch verkommenen Schurken zu komplettieren.)

Auch sonst kommen die Deutschen nicht gerade gut davon. (Da ergeht es ihnen wie den Ureinwohnern in den afrikanischen und kleinasiatischen Ländern, welche Hannay bereist, und die durchweg als mehr, meist weniger zivilisierte "Wilde" abqualifiziert werden; "white man's burden" nannte man die "Pflicht", solche kindlich in den Tag hinein lebenden Naturvölker zu ihrem eigenen Besten hart an die Kandare zu nehmen ...) Selbstverständlich sind sie nicht sämtlich Kriegstreiber wie der Kaiser, diese Ausgeburt des Bösen (der Buchan einen bizarren Gastauftritt gönnt). Oftmals leiden sie selbst unter Not und Entbehrungen, die ihre Regierung über sie brachte, aber Vorsicht: Verdächtig bleiben sie trotzdem, denn "etwas fanatisch wurden sie alle" (S. 92), diese Deutschen!

Grünmantel

John Buchan, Diogenes

Grünmantel

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