Unter des Käfers Keller

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • New York: Doubleday, 1995, Titel: 'Under the beetle's cellar', Seiten: 311, Originalsprache
  • München: Bertelsmann, 1996, Seiten: 437, Übersetzt: Anke Caroline Burger
  • München: Goldmann, 1998, Seiten: 437
  • München: Goldmann, 1999, Seiten: 437
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 437

Couch-Wertung:

78°

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Peter Kümmel
Das meint Krimi-Couch.de: Sektenkultur in Texas

Buch-Rezension von Peter Kümmel Nov 2004

Irgendwie hat man das Gefühl, als hätte man den Anfang verpasst. Als das Buch beginnt, sitzen der Busfahrer Walter Demming und elf Kinder bereits seit 45 Tagen in ihrem Gefängnis unter der Erde. Der völlig durchgeknallte Sektenführer Samuel Mordecai prophezeit den Weltuntergang und hat einen ganzen Schulbus entführt. Insgesamt 50 Tage benötigen die Kinder für die Reinigung ihres Geistes, dann können sie geopfert werden. Es bleiben also noch fünf Tage.

Fünf Tage für das FBI, das das weitläufige Gelände der Sekte in der Nähe von Austin, Texas belagert. Versuchte Verhandlungen sind im Keime erstickt, denn Mordecai stellt keine Bedingungen und zeigt nicht das geringste Entgegenkommen. Doch ein Stürmen des Geländes ist ebenfalls ausgeschlossen, da man nicht weiß, wo genau sich die Geiseln befinden. Es muß damit gerechnet werden, dass diese im Falle eines Angriffs getötet werden, bevor sie gefunden werden können. Doch die Zeit läuft davon. Zudem leidet eines der Kinder an Asthma, und man muß das Schlimmste befürchten, denn die Verbrecher lassen nicht zu, dass das Kind seine Medikamente bekommt.

Mit dabei beim Einsatzteam ist auch Grady Traynor, Ex-Ehemann und derzeitiger Lebensgefährte unserer Protagonistin, der Journalistin Molly Cates. Und um den Kreis zu schließen: Molly hat vor Jahren Samuel Mordecai bei einem versuchten Interview kennengelernt. Das Interview wurde zu einem Monolog Mordecais, was Molly bereits damals den Eindruck verschaffte, dass der selbsternannte Prophet verrückt ist.

Deshalb will sie auch mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Doch von ihrem Chef unter Druck gesetzt, soll Molly nun eine Reportage über das Geschehen schreiben. Molly beginnt mit ihren Recherchen und findet heraus, dass Mordecai als Baby ausgesetzt und adoptiert wurde. Vor Jahren versuchte er, seine leibliche Mutter zu finden, doch seine Suche führte zu keinem Ergebnis. Nun nimmt Molly diese Fährte auf und hofft, durch die Mutter an Mordecai heran zu kommen. Unterstützung erhält sie von einem freund Demmings, der mit Demming zusammen in Vietnam war und dort beide Beine verlor. Erst nach und nach rückt er mit den schockierenden Erlebnissen der beiden aus dem Krieg heraus.

Die Autorin schildert das Geschehen wechselweise aus der Perspektive von Walter Demming und den Kindern in der Gefangenschaft sowie Molly Cates bei ihren Ermittlungen. Diese beiden völlig unterschiedlichen Perspektiven machen die Faszination des Romans aus.

Dabei zeigt sie in Rückblicken, wie sich das Verhältnis zwischen dem Busfahrer und den Kindern verändert. Demming hat zunächst gar keine Beziehung zu den Kindern, kann mit Kindern an sich überhaupt nichts anfangen, ist sich aber seiner Verantwortung schnell bewusst, als er erkennt, dass die Kinder sich auf ihn verlassen. Er, der eigentlich gar nicht erzählen kann, fesselt die Kinder mit einer Geschichte, die er über die gesamte Zeitspanne der Gefangenschaft ausdehnt und in der er seine eigenen Vietnam-Erlebnisse verarbeitet.

Psychologisch gut erzählt, doch kommt die Bedrückung aufgrund der Enge in der langen Gefangenschaft nicht so gut rüber. Die Kinder wirken trotz der langen Gefangenschaft viel zu abgeklärt und für ihr Alter zwischen sechs und zwölf Jahren viel zu reif. Die Charaktere sind gut herausgearbeitet, aber trotz guter Ansätze gelingt es der Autorin nicht, die Spannung auf höchstem Niveau zu halten.

Wie bereits im Vorgängerroman "Der rote Schrei" hat Mary Willis Walker ihrem Roman ein Thema zugrunde gelegt, das in ihrem Heimatstaat Texas eine große Rolle spielt. Dort war es die Todesstrafe, hier ist es religiöser Fanatismus und die Sektenkultur. Doch hier wie dort hat sie es nicht geschafft, die Thematik tiefergehend darzulegen. Waco wird mal kurz erwähnt, doch damit hat es sich auch schon. Kaum Hintergrundinformationen, nur das Beispiel des abgedrehten Sektenführers, der in diesem speziellen Fall bekämpft werden muß.

"Unter des Käfers Keller" zeigt eine deutliche Steigerung der Autorin gegenüber "Der rote Schrei". Molly Cates ist hier nicht die alleinige Hauptdarstellerin und kommt wesentlich realistischer rüber. Eine Frau mit klarem Verstand, die sich nicht leichtfertig in Gefahr begibt. Dies war im vorigen Buch noch ganz anders. Doch wie bereits vorher angerissen, mangelt es auch hier daran, sich mit dem interessanten Thema wirklich intensiv auseinander zu setzen. So bleibt eben ein Spannungsroman, der mehr auf die Gefühle der Leser setzt, mit einigen starken Szenen und vielen guten Ansätzen, aber auch mit dem typischen Schwarz-Weiß-Denken und einem Showdown amerikanischer Machart. Dennoch bleibt auf jeden Fall ein ungewöhnlicher Roman, bei dem die Stärken überwiegen.

Unter des Käfers Keller

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Letzte Kommentare:
21.02.2016 17:40:36
Henriette H.

Ein großartiger Krimi- mal nicht der übliche Serienmörder-Mist, sondern eine Geschichte aus dem Sekten-Milieu. Ich finde die Kinder nicht zu "abgeklärt", ihre Ängste werden doch sehr eingehend geschildert. Aber warum sollen nicht auch Kinder in lebensbedrohlichen Situationen über sich hinauswachsen?
Sehr berührend ist die Wandlung des Busfahrers vom mürrischen Einzelgänger zum selbstlosen Helfer, der für die ihm anvertrauten Kinder sein Leben auf's Spiel setzt.
Außerdem ist das Buch mörderspannend, und man wird den Inhalt im Gegensatz zu vielen anderen Krimis nicht so schnell vergessen!

19.02.2013 15:20:45
OmaInge

Ein gutes Buch sicherlich, aber eben auch nicht mehr.
Die KC-Rezension von Peter Kümmel finde ich sehr zutreffend. Mir sind die Kinder auch viel zu wenig Kind.
Die Spannung nimmt erst zum Ende hin etwas Fahrt auf.
Und 50 bis 100 Seiten weniger, hätten dem Buch sehr gut getan.

Meine Wertung: 75 Grad

05.08.2009 17:00:01
Renate

Ich finde "Unter des Käfers Keller" ist mit Abstand das beste Buch von Mary Willis Walker. Jede Unterbrechung der Lektüre war ein Zumutung, so süchtig war ich nach dem Ausgang dieser Geschichte - wobei ich persönlich auf den massiven Showdown verzichten könnte.
Aber dieser Krimi ist der helle Wahnsinn: Schulkinder werden zusammen mit ihrem Busfahrer in einem Keller von einem fanatischen Sektenführer gefangengehalten. Es entspinnt sich der übliche Verhandlungsdialog der Polizei mit dem Entführer. Die Journalistin Molly Cates aber beschäftigt sich mit der Motivation, mit den Hintergründen dieser Entführung, entdeckt die eigene Logik dieser Sekte und damit auch den Schlüssel dazu...

Besonders faszinierend sind die Dialoge des Busfahrers - eines Kriegsveteranen, der auf diese Weise seine eigenen Erlebnisse verarbeitet - mit den Kindern. Er nimmt sie mit auf eine Phantasiereise - mit täglich neuen Geschichten und ermöglicht den Kindern damit das Überleben in dieser unvorstellbar grausamen Situation. Der Busfahrer Walter ist für mich der eigentliche Held der Story. Absolut lesenswert!

21.09.2008 20:03:45
bibifee

Wieder mal ein sehr spannender Roman von Mary Willis Walker. Ich konnte ihn gar nicht aus der Hand legen. Das Schicksal der Kinder und wie sie es mit HIlfe des Busfahrers meistern, geht einem schon sehr nahe und man fiebert dem spannenden und dramatischen Ende entgegen.

Sehr zu empfehlen.

Wer Mary Willis Walker nicht kennt, liegt mit ihren Romanen auf jeden Fall genau richtig.

05.03.2008 15:59:51
Angela K.

Also ich bin der Meinung dass es das beste Buch überhaupt ist. Habe danach viele andere Autoren gelesen, aber die Spannung, die Fr. Wlker in " Unter des Käfers Keller" frei setzt ist einfach nicht zu topen.

09.06.2007 18:43:29
Dr. Sanati

Mary willis Walker hat mit "Unter des Käfers Keller" einen mittelmäßigen und zum Teil nervigen Roman geschrieben. Ich kann mich einfach mit diesem Thema nicht befreunden. Der Gewinn des
Hammett-Prize in den USA 1995 ist meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt, aber das ist eben meine persönliche Meinung. Schlecht ist das Buch auf keinen Fall. Also selbst lesen und beurteilen! Ich habe wesentlich bessere und spannendere kriminalromane gelesen, auch von derselben Autorin.

23.11.2004 20:50:21
Anja S.

Das hier ist meiner Meinung nach Mary Willis Walker\'s bestes Buch und ein ganz phantastischer Krimi ganz allgemein. Das Buch basiert auf einer leider wahren Begebenheit, vor einigen Jahren hat in Texas tatsaechlich ein wahnsinniger Sektenfuehrer Schulkinder gefangengehalten mit der Absicht sie zu ermorden, um den Tag der Apokalypse angemessen zu "begehen"...
Das Buch ist besonders interessant, da es aus verschiedenen Blickwinkeln berichtet. So wird abwechselnd von den gefangenen Kindern und ihrem Busfahrer und von Molly Cates und den anderen Rettern berichtet. Psychologisch besonders gut gemacht ist die Annaehrung des anfangs eher kinderfeindlichen Busfahrers zu seinen Schuetzlingen.

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