Nervöse Fische

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2004
  • München; Zürich: Piper, 2004, Seiten: 320, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2007, Seiten: 316, Originalsprache
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Thomas Kürten
94°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2004

Ein hoher Fall von Grenzwert

Manchmal gibt es Grenzfälle. Die Grenze zwischen dem Denkbaren und dem Undenkbaren, wie es wohl Steinfests Kommissar Lukastik ausdrücken würde. Inwiefern ist es denkbar, dass unter dem Titel "Nervöse Fische" ein Kriminalroman lauert. Mit einem großen Kunststofffisch, der auf der Reklametafel eines Schnellimbisses lauert, auf dem Cover. Nunja, denkt man sich, der Autor hat immerhin den deutschen Krimipreis 2004 gewonnen. Wenn man dann auch noch den Klappentext liest und erfährt, dass ein durch einen Haiangriff getöteter Mann in einem Swimmingpool auf einem Wiener Hochhaus gefunden wird und der Kommissar ein "Logiker und gläubiger Wittgensteinianer" sein soll und es für ihn keine Rätsel gibt, dann ist man auf den ersten Eindruck wohl bei so einen Grenzfall gelandet, was quasi bedeutet, dass dieser Roman weder Teil des einen noch des anderen sein kann, in einem Raum des Unentschiedenen und des Ununterscheidbaren schwebend. Hier greift der Grundsatz: Don’t judge a book by it’s cover.

Großstadthaie

Ein namenloser Toter auf einem Wiener Hochhaus. Als wäre er in dem Pool hier oben schwimmen gegangen und dann plötzlich von einem Hai attackiert worden. Leider fehlt von dem Hai jede Spur, obwohl er eigentlich keinen Fluchtweg gehabt haben dürfte. Die einzige Spur, die es gibt, ist ein Hörgerät, das zu der Leiche zu passen scheint. Über die Registrier-Nummer kommt man einem Friseur auf die Spur, der in einer Tankstelle nahe des Dörfchens Zwettl wohnt. Lukastik schickt seine Assistenten, die aber noch am gleichen Abend verschwinden und auch per Handy nicht mehr erreichbar sind. Also macht sich der Kommissar zähneknirschend selber auf den Weg.

Er findet tatsächlich den Frisör, der ihm von einem Graphologen aus dem Ort namens Oborin erzählt, für den er besagtes Hörgerät gekauft hat. Jener Schriftkundler hat nicht nur die Handschriften von jedem lebenden Bewohner des Ortes analysiert, sondern kümmert sich auch gönnerhaft um den Mönchsstift Zwettl. Hier studierte der Mann antike Handschriften, nun ist er offenbar tot. Oborins blutjunge ungarische Lebensgefährtin erscheint Lukastik auf den ersten Blick ebenso unschuldig wie der begnadete Frisör, weswegen Lukastik beiden eigenmächtig nahe legt, sich vom Ermittlungsort zu entfernen. Dann begibt er sich zum Stift, um endlich mehr über seine Leiche zu erfahren.

Metapher- und detailreiche Sprache, Traumwelten, eigenwillige Charaktere

Ich dachte immer, dass mich Detailverliebtheit zwangsläufig zur Weißglut treiben muss. Steinfest schafft es, aus jeder noch so kleinen Winzigkeit auch den geringsten Elementarteilchen einen Absatz zu widmen. Er macht dies aber mit einer derart Begeisterung stiftenden Konsequenz, Originalität und Ausdauer, dass mich das Buch richtiggehend fesseln konnte. Im ersten Kapitel stehen die Beamten um den besagten Swimmingpool und es passiert auf 16 Seiten nichts. Aber wenn dann ein Wissenschaftler neben einer Stehlampe wie ein Küken unter einer Glühbirne im Brutkasten anmutet, dann beginne ich die Liebe des Autors zum Detail plötzlich zu teilen.

Wunderbar eigentlich die komplette Inszenierung und die Personen. Lukastiks Büro in einer Lagerhalle, die sich Polizei und Museum Wien teilen (weswegen im Büro des Kommissars ein 2x3m großes Altarbild des hl. Stephanus hängt); der Haiforscher mit Angst vor dem Wasser; die Tankstelle "Rolands Teich": ein riesiger Glaskomplex mit Supermarkt, Western-Bar und Frisörsalon; der ermordete Graphologe; das Dorf "Nullpunkt" mit dem Sanatorium "Zum goldenen Huflattich". Alles ist so unwirklich, surreal, wie die beiden japanischen Roboterfische im Aquarium der Western-Bar, und doch könnte auch alles genau so passiert sein. Dadurch bleibt der Roman ein Grenzfall, wobei Realität und Kunst ineinander verschwimmen.

Letztlich noch zu Lukastik: eine solche Ausgeburt an Arroganz und Überheblichkeit in der Hauptrolle ist einem selten unter gekommen. Er ist der absolute Einzelgänger, der dabei nicht nur eine kleine Macke, sondern eine Vielzahl ganz großer Macken besitzt. Er trampelt selbstherrlich durch die Tatorte, wie es ein Elefant nicht besser fertig gebracht hätte, begeht Fehler und zieht falsche Schlussfolgerungen, führt dabei aber immer Wittgensteins "Tractatus" mit sich, aus dem er seine Lebensweisheit bezieht. Lukastik, was ist das eigentlich für ein Name? Eine Mischung aus Stochastik, Genetik und Numismatik, eine eigene Wissenschaft für sich? Ohne Zweifel wohl einer der eigenartigsten Ermittler, trotz oder gerade wegen seiner vielen Eigenarten ein Nonkonformist, der sich in kein Muster zwängen lässt.

Ein Roman gegen den Mainstream

"Nervöse Fische" ist abermals ein Roman von Heinrich Steinfest, an dem sich die Geschmäcker scheiden werden. Als ob sich Steinfest dessen bewusst ist, thematisiert er Grenzwertigkeit und Gratwanderung. Durchsetzt von literarischem Surrealismus begeistern neben Wortwahl und Genialität der Sprache auch die Kraft der Bildhaftigkeit und die Qualität der Charakterdarstellungen. Bis zum Schluss ist dem Leser die Frage erlaubt, ob er sich nur in einem Fiebertraum befindet? Steinfest schreibt keinen kalten Abklatsch eines amerikanischen 08/15-Stiles, er lässt sich nicht mit skandinavischer Gesellschaftskritik unter einen Hut bringen, auch französischer Noir ähnelt seinem Stil nicht im Entferntesten. Er schreibt Feinkost, die sich am besten mit einem guten Glas Wein und viel Ruhe genießen lässt, keine Fast Food für das schnelle und einfache Lesen in der S-Bahn. Trotzdem enthält der Roman Spannungsmomente, der Autor kokettiert mit ihnen und streut sie locker und beiläufig ein, ohne seinen intelligenten Wortwitz dabei zu vernachlässigen. Steinfest verschmäht den Mainstream und wird deshalb seine Leserschaft spalten. Er hat den Kunstroman krimifähig gemacht, wofür ihm höchstes Lob gebührt, und bestätigt am Ende Wittgensteins These, dass es keine Rätsel gibt.

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