Russisch Blut

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2004, Seiten: 256, Originalsprache
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Chaplet, Anne

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Peter Kümmel
Flucht und Vertreibung als immer aktuelles Thema

Buch-Rezension von Peter Kümmel Apr 2004

Zweigleisig beginnt Anne Chaplet ihren Roman. Die aktuelle Handlung in einer fiktiven Kleinstadt im Harz mit einem heruntergekommenen Schloß wechselt ab mit einer Flucht aus Ostpreußen im Jahr 1945. Dabei führt die Autorin - insbesondere in der früheren Handlung - zu schnell zu viele Personen ein, so daß man Mühe hat, den Durchblick zu behalten, zumal man außerdem damit beschäftigt ist, sich in die verschiedenen Handlungsstränge - den Prolog sogar erst einmal außen vor gelassen - hineinzudenken.

Ein Schloss, ein Graf, Pferdekutschen, ... - ein Liebesroman?

Das Ambiente kommt einem zunächst vor wie in einem romantischen Liebesroman. Ein Schloss, ein Graf, Pferdekutschen,... Die junge Mathilde ist auf der Flucht von Ostpreußen nach Blanckenburg im Harz zu ihrem Verlobten, dem jungen Grafen, doch der befindet sich in französischer Kriegsgefangenschaft. Sie kann ihm noch eine Nachricht hinterlassen in ihrem gemeinsamen Versteck, ehe auch dort die Sieger des Krieges einfallen und sie weiterziehen muß.

Nach der Enteignung der gräflichen Familie und 40 Jahren DDR-Herrschaft hat nun der Anwalt Alex Kemper das Schloss billig aufgekauft, um es wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Zusammen mit seiner Frau Erin, deren beiden Schwestern Alma und Sophie sowie Sophies Mann Peer und Almas Tochter Noe bewohnt er ein Nebengebäude des Schlosses.

Auch Katalina Cavic ist Kriegsflüchtling. Die junge Bosnierin kommt als Tierärztin nach Blanckenburg und da Kemper jeden Euro gebrauchen kann, nimmt er Katalina zunächst bei sich auf, bis die örtliche Tierarztpraxis grundlegend renoviert ist.

Dann doch - der Archäologe ist der erste Tote

Eine Krimihandlung ist recht lange nicht zu erkennen, und die Handlung ist bereits weit fortgeschritten, bis ein Todesopfer zu
beklagen ist. Es handelt sich um einen Archäologen, der am Schloss tätig war. Suchte er nach alten Schätzen? Wurde er umgebracht oder starb er eines natürlichen Todes?

Anne Chaplet hat die Handlung alles andere als geradlinig aufgebaut. Erst gegen Ende verknüpfen sich die Fäden aus verschiedensten Richtungen und der Leser erkennt, dass die eigentlichen Verbrechen bereits vor vielen Jahren begangen worden sind.

Die Autorin hat sich ausnahmsweise von ihren Serienfiguren losgelöst und eine junge bosnische Tierärztin zur Protagonistin ihres Romans gemacht. Deren Schicksal vergleicht sie mit dem von Millionen Frauen zum Ende des zweiten Weltkriegs und schafft so eine Verbindung der Charaktere aus verschiedenen Zeiten und zeigt, dass Vertreibung ein immer aktuelles Thema ist und sich keineswegs auf die Vergangenheit beschränkt.

Eine packende Geschichte, stilistisch makellos

Stilistisch makellos hat Anne Chaplet ein packende Geschichte zu Papier gebracht, die aber aufgrund ihrer Herleitung aus verschiedensten Perspektiven und zu vieler hineingepackter Aspekte die Spannung nur selten halten kann. Nur wenige ihrer Charaktere - wie Katalina, Alma und Noe - sind gut und tiefgründig dargestellt, die anderen bleiben doch weitgehend oberflächlich.

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