Der Mann, der sich in Luft auflöste

Erschienen: Januar 1969

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 1966, Titel: 'Mannen som gick upp i rök', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1969, Seiten: 135, Übersetzt: Johannes Carstensen, Bemerkung: rororo-Thriller; Bd. 2159
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986, Seiten: 172, Übersetzt: Eckehard Schultz, Bemerkung: Überarbeitete und ergänzte Übersetzung
  • Berlin: Volk und Welt, 1989, Seiten: 183
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2005, Seiten: 207, Übersetzt: Eckehard Schulz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, Seiten: 207, Übersetzt: Eckehard Schulz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, Seiten: 233, Übersetzt: Eckehard Schulz

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Peter Kümmel
Hartnäckig am Ball bleiben wie Martin Beck

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Martin Beck bricht auf in seinen wohlverdienten Urlaub. Per Boot geht es hinaus auf eine kleine Schäreninsel, wo seine Familie bereits auf ihn wartet. Doch der Urlaub soll nicht von langer Dauer sein. Bereits am gleichen Tag wird er telefonisch zurückbeordert, um einen dringenden Fall zu übernehmen.

Worum es sich genau handelt, darüber hüllt sich sein Vorgesetzter in Schweigen, denn das Ganze ist inoffiziell. Genauere Informationen erhält Beck erst vom Außenministerium: Der Journalist Alf Matsson reiste im Auftrag seiner Zeitung wie so oft in den osteuropäische Raum. Diesmal war sein Ziel Budapest. Dort ist er auch in seinem Hotel angekommen. Doch außer seinem Koffer und seinem Pass, die im Hotel Duna zurückblieben, fehlt von ihm jede Spur. Da der Chefredakteur von Matssons Zeitung dessen Verschwinden politisch ausschlachten will, hat sich das Außenministerium eingeschaltet und will inoffiziell Ermittlungen einleiten.

Nach kurzer Bedenkzeit nimmt sich Martin Beck des Falles an. Einen Tag lang zieht er in Stockholm Erkundigungen über Alf Matsson ein. Der Journalist verkehrte des öfteren mit seinen Kollegen in einer Gaststätte, wo die Gruppe stark dem Alkohol zusprach. Und Matsson konnte wohl sehr unangenehm werden, wenn er zuviel getrunken hatte.

Am nächsten Tag macht sich Beck auf die Reise nach Budapest, wo er zunächst versucht, den Reiseweg von Matsson zu rekonstruieren. Vom Flughafen aus legte der Journalist einen Tag Zwischenstation in einem kleineren Hotel ein, bevor er ins Hotel Duna weiterreiste. Doch außer den beiden Pförtnern und den beiden Taxifahrern, die ihn zu den Hotels brachten, hat ihn keiner gesehen. Eine erste Spur führt Beck zu der Sportlerin Ari Boeck, doch die mannstolle Frau will nie zuvor von Alf Matsson gehört haben.

Die ungarische Polizei in Gestalt von Major Vilmos Szluka wird auf Beck aufmerksam, und Martin Beck fühlt sich von da an auf Schritt und Tritt verfolgt.

"Der Mann, der sich in Luft auflöste" zeigt bereits eine deutliche Steigerung gegenüber dem doch recht langweiligen Einführungsband "Die Tote im Götakanal". Doch wie dort tappt auch hier die Polizei lange Zeit im Dunklen und wartet tagelang auf eine Spur, die sie weiterbringt. Von daher gesehen sind die Kriminalromane um Martin Beck "Realismus pur".

Nüchtern und bis ins kleinste Detail gehend beschreibt das Autorenteam Becks Weg in Budapest. Der Leser erfährt nicht nur, wie die Schornsteine der Schiffe aussehen, die Beck aus seinem Hotelzimmer auf der Donau vorbeifahren sieht, sondern wird auch umfassend darüber informiert, welche Speisen und Getränke der schwedische Polizist zu sich nimmt, welche berühmte Persönlichkeit vielleicht schon in seinem Hotelbett gelegen hat und wird sogar umfassend über die Geschichte der Stadt Budapest bis hin zu ihren Sehenswürdigkeiten aufgeklärt.

Die Handlung dagegen geht nur sehr langsam, fast so quälend langsam wie im ersten Band voran. Doch aus dieser Stagnation heraus bezieht der Roman seine ihm eigene Spannung. Aus Vernehmungsprotokollen oder einzelnen Befragungen heraus kann sich der Leser genauso wie Martin Beck ein Bild des Verschwundenen sowie der Beteiligten machen und kann seine eigenen Schlüsse ziehen. Diese Realitätsnähe und vor allem auch die Mißerfolge der Ermittler sorgen für das besondere Flair der Martin-Beck-Krimis. Mit Martin Beck haben Wahlöö und Sjöwall wohl einen der ersten und heute so beliebten Anti-Helden des Kriminalromans erschaffen.

Der undurchsichtige Major Szluka sowie die Männer, die Beck verfolgen sorgen in Verbindung mit der Beschreibung der Stadt Budapest und des Lebens ihrer Bewohner für eine bedrohliche düstere Stimmung. Doch gleichzeitig erhält der Leser auch ein völlig gegensätzliches Bild, nämlich das der eindrucksvollen und schönen Stadt, der ungarischen Mentalität und ihrer großartigen Küche.

Die Darstellung der Charaktere ist zweifellos die größte Stärke des Autorenduos. Martin Beck und seine Gedankengänge lernt der Leser noch besser als im ersten Band kennen. Auch sein Kollege Kollberg ist mittlerweile schon ein alter Vertrauter geworden. Meisterhaft vor allen Dingen, wie beteiligte Personen, die kaum selber in Erscheinen treten, alleine durch die Darstellung der Beobachtungen der Ermittler genau beschrieben werden. Der Abdruck von Vernehmungsprotokollen tut in dieser Hinsicht ein Übriges und so bleibt der Roman vor allem sehr menschlich.

Die Schlußfolgerungen der Polizisten können in jedem Detail nachvollzogen werden und so kristallisiert sich schließlich ein sehr überraschendes Ende heraus.

173 Seiten, noch weniger als der erste Band, sorgen dafür, dass man das Buch quasi am Stück lesen kann und so sozusagen ebenso wie Martin Beck mit Hartnäckigkeit am Ball bleibt, bis der Fall gelöst ist, obwohl man an manchen Stellen der Stagnation gelegentlich gerne aufgeben würde.

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