Die Tote im Götakanal

Erschienen: Januar 1968

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 1965, Titel: 'Roseanna', Seiten: 220, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1968, Seiten: 155, Übersetzt: Johannes Carstensen
  • Berlin: Volk und Welt, 1981, Seiten: 252, Übersetzt: Johannes Carstensen, Bemerkung: Lizenz für die DDR
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986, Seiten: 201, Übersetzt: Eckehard Schultz, Bemerkung: Überarbeitete und ergänzte Übersetzung
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006, Seiten: 256, Übersetzt: Eckehard Schulz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, Übersetzt: Hedwig Binder, Bemerkung: Neuübersetzung
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, Seiten: 201, Übersetzt: Eckehard Schulz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, Seiten: 256, Übersetzt: Eckehard Schulz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004, Seiten: 256, Übersetzt: Eckehard Schulz

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Tyrel Tyrel
Unspektakulär zeitlos

Buch-Rezension von Tyrel Tyrel Mai 2003

Die Fakten bei Beginn der Ermittlungsarbeiten der schwedischen Polizei waren dürftig: "Man hatte eine tote Frau im Schleusenbecken in Borenshult gefunden. In der Stadt oder den umliegenden Bezirken war niemand als verschwunden gemeldet. Keine der vorliegenden Suchanzeigen passte auf die Person." Die Obduktion der Leiche hatte folgendes vorläufiges Ergebnis: "Tod durch Erwürgen in Zusammenhang mit schwerem sexuellen Missbrauch. Schwere innere Blutungen."

Martin Beck, erster Kriminalassistent bei der Stadtpolizei Stockhom, wird mit der Aufklärung des Mordes beauftragt, aber der Fall wird in Ermangelung tatrelevanter Ergebnisse zunächst wieder zu den Akten gelegt. Es ist der berühmte "Kommissar Zufall", der Monate später die Beamten zum Tatort, einem Kanalschiff führt. Eine akribische Ermittlungsarbeit unter dem Personal und den Passagieren des Schiffes, bei denen es sich um Touristen aus aller Welt handelt, beginnt.

Die Frau wird als amerikanische Touristin identifiziert. Ihr Lebenswandel führt die Polizei schließlich auf die Spur eines Verdächtigen. Und "Kommissar" Beck stellt dem mutmaßlichen Mörder eine Falle...

"Die Tote im Götakanal" ist der erste Band einer zehnteiligen Reihe über den später zum Kommissar beförderten Martin Beck und die Ermittlungsarbeit der Stockholmer Polizei in den 60-/70-iger Jahren von den schwedischen Eheleuten Per Wahlöö und Maj Sjöwall. Beide haben sich auch alleine als Autoren einen Namen gemacht. In dem Martin-Beck-Zyklus verbindet sich der harte Realismus des Journalisten und Weltreisenden Per Wahlöös mit dem etwas emotionaleren und humorvolleren Stil Maj Sjöwalls.

Der Erzählstil ist dennoch ausgesprochen nüchtern. Obwohl jedes noch so unwichtige Detail ausführlich beschrieben wird, verzichten Sjöwalll/Wahlö auf umständliche Schnörkel und Umschreibungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren sind sie nicht in ihre eigenen Formulierungen verliebt und bringen daher die Handlung mit geradezu brutaler Gradlingkeit vorwärts.

Ebenso nüchtern wie der Erzählstil nehmen sich die Hauptcharaktere dieser Geschichte aus. Martin Beck ist daher auch keiner der warmherzigen, charismatischen Krimihelden, der für viele andere Reihen dieses Genres so typisch ist. Er verkörpert vielmehr den introvertierten, nachdenklichen Typus, der nicht viel redet und sich in erschreckender Weise von seiner Familie entfremdet hat.

Gerade beim Einstieg in die 10-teilige Kommissar-Beck-Reihe ist der Kommissar in seinem Leben an einem Punkt angelangt, der wohl nur mit Stagnation und Frustration zu umschreiben ist. Das zähe Ringen um Ermittlungserfolge, die ständige Konfrontation mit kriminellen Elementen und die erdrückende Fürsorge seiner Frau beherrschen seinen täglichen Lebensrhythmus. Er ist geprägt von dem Gefühl, beruflich und privat versagt zu haben. Und im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des menschlichen Befindens wird er während eines Großteils des Buchs von einem heftigen grippalen Infekt und wiederholten Magenschmerzen heimgesucht.

Auch wenn der Roman einen in sich abgeschlossenen Kriminalfall behandelt, lässt er sich vollständig nur in der Gesamtheit der Buchreihe erfassen.

Der fast zwei Jahrzehnte umfassende Zyklus zeigt die persönliche Entwicklung der Hauptfiguren in einem immer bestechlicheren und entmenschlichten Polizeiapparats. Während der erste Band mehr der Vorstellung des Martin Beck und seines Umfelds anhand eines typischen Kriminalfalles dient, wird die Reihe zunehmend sozialkritischer. Das geschilderte Milieu wird hoffnungsloser und gewaltbereiter dargestellt, während die diensttuenden Beamten angesichts von Korruption, Verrohung und schlechten Arbeitsbedingungen ihre Illusionen als Polizisten und sich selbst im Alltagstrott verlieren. Im Vergleich dazu nimmt sich die Situation im ersten Band geradezu idyllisch aus.

Hintergrund dieser dramaturgischen Entwicklung ist sicherlich auch die politische Situation in Schweden, wo nach 40 Jahren ununterbrochen sozialdemokratischer Regierung ab 1976 mehrere bürgerliche Kabinette folgten und ganz Europa gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen unterworfen war, deren nähere Ausführung an dieser Stelle den Rahmen sprengen würden.

Diese sozialkritische Komponente wird im ersten Band der Reihe kaum deutlich. "Die Tote im Götakanal" ist ein klassischer "Who-done-it"-Roman, der die zeitaufwendige, routinierte und gleichzeitig erfindungsreiche Ermittlungsarbeit der Polizei in den Vordergrund stellt und erst gegen Ende an Spannung gewinnt.

Entweder man mag die Romane um den grüblerischen Kommissar Beck oder eben nicht. Ich persönlich gehöre sicherlich zu ersteren, auch wenn mich diese Krimireihe andererseits in Analogie zur gemäßigten Atmosphäre des Buchs nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Der unspektakuläre, leicht zu lesende Roman besitzt eine Zeitlosigkeit, die seit der Originalausgabe 1965 zu mehreren Neuauflagen geführt hat. Bei Gefallen ist insbesondere die dekorative Box mit allen Bänden zu empfehlen. Das mir vorliegende Exemplar ist schon älteren Datums, aber für mich immer wieder ein Lesen wert.

Die Tote im Götakanal

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