Ein sturer Hund

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 313, Originalsprache
  • Mümchen; Zürich: Piper, 2006, Seiten: 313, Originalsprache

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Peter Kümmel
Steinfest verliert sich in seiner Wortverliebtheit

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jan 2004

Moritz Mortensen ist ein erfolgloser und ein wenig weltfremder Schriftsteller, dessen Bücher einfach nicht beachtet werden. Um so erstaunter ist er, als er in der Stuttgarter Stadtbücherei einen Mann auf seinem Stammplatz vorfindet, der ausgerechnet in einen von ihm verfassten Roman vertieft ist. Und nicht nur das - auch die beiden anderen von ihm verfassten Werke liegen auf dem Tisch. Was tut man nun, wenn man endlich jemanden gefunden hat, der sich für seine Bücher interessiert? Nein, man spricht ihn nicht an; man verfolgt ihn unauffällig. In eine Kneipe, wo er den ganzen Abend mit seinem Arbeitskollegen verbringt. Von dort weiter Richtung Heimweg, auf dem der Observierte von einer Frau angesprochen wird, die auch im Lokal saß und die diesen nun in dessen Wohnung begleitet. Mortensen begibt sich daraufhin in das Treppenhaus des Wohnblocks gegenüber, von dem er Sicht auf die Wohnung des unbekannten Lesers hat. Und was er von dort beobachtet, kann er zunächst gar nicht fassen: Ein Kopf fliegt durch das Zimmer direkt in das am Fenster stehende Aqarium. Die Frau verlässt anschließend die Wohnung und Mortensen - völlig konsterniert - den Schauplatz des Verbrechens.

Am nächsten Tag verfolgt Mortensen die Nachrichten in Presse und Fernsehen, wo ausgiebig über den grauenhaften Mord berichtet wird. Bei dem Toten handelt es sich tatsächlich um seinen Leser. Man hat auch bereits einen Verdächtigen festgenommen; nämlich den Kollegen, mit dem sich der Ermordete in der Kneipe getroffen hat. Mortensen weiß nicht, was er tun soll: einerseits will er nicht zur Polizei gehen, um nicht selber in Verdacht zu geraten, andererseits kann er aber auch nicht zulassen, dass der Mord einem Unschuldigen angehängt wird.

Und so kommt nach einem Drittel des Buches endlich der einarmige Wiener Privatdetektiv Markus Cheng ins Spiel und der Leser bemerkt bald, dass es sich bei diesem - und nicht wie bis dahin vermutet bei Mortensen - um den Protagonisten in Steinfests Roman handelt. Cheng, der ebenso wenig Chinese wie Mortensen Norweger ist, - aufgrund seines unauffälligen Eintrags im Telefonbuch ausgewählt - soll versuchen, die unbekannte Mörderin zu finden. Dieser muß sich jedoch erst ein wenig bitten lassen, denn Fälle, bei denen er auch noch seinen zweiten Arm verlieren könnte, will er eigentlich nicht mehr übernehmen.

Heinrich Steinfests Schreibweise ist einzigartig. Weitschweifig erzählt er mit vielen Worten und großem Wortschatz in ausgefeilten Satzkonstruktionen und benutzt Dialoge nur da, wo er mit seinen Beschreibungen nicht auskommt. Geschehnisse und Gedanken sind gleichberechtigt, ebenso wie Orts- und Personenbeschreibungen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch der Stuttgarter Fernsehturm zu seinem Recht kommt und als Schauplatz der Handlung so detailliert dargestellt wird, wie ihn wohl kaum einer kennt. Doch in all seiner Wortverliebtheit verliert sich der Autor zuweilen und lässt das Wesentliche eines Kriminalromans - den ausgefeilten Plot - zuweilen zur Nebensache verkommen. Eine an den Haaren herbeigezogene Story mag man ihm im Sinne eines unkonventionellen Autors und als Parodie eines Kriminalromans noch zubilligen, doch die entscheidenden Fortschritte auf dem Weg zur Lösung entbehren oft jeglicher Logik und werden dem Leser oft hingeworfen wie einem Hund das Fressen - womit der Bogen zum Titel des Buches geschlagen ist: "Ein sturer Hund". Wer damit gemeint ist, das darf der Leser wie so manch anderes im Roman selber schlussfolgern. Lauscher, Chengs sturer Hund, dessen Rolle doch kleiner ist als man zunächst den Eindruck hatte? Oder doch der Detektiv selber, der zunächst nur ungern den Fall übernommen hat, sich aber dann von nichts und niemandem abhalten lässt? Vermutlich gibt es in diesem Werk eine ganze Reihe sturer Hunde, was bei dem ganzen Geflecht von Polizei und Geheimdienst auch kein Wunder ist.

Zwischen Stuttgart und der schwäbischen Alb lässt der Autor seinen Figuren sämtliche Freiheiten. So erlebt der Leser manche Überraschung. Die brutalen Morde passen so gar nicht in die beschauliche Atmosphäre und fügen sich dennoch nahtlos ins Geschehen ein. Seine skurrilen Figuren sind mit viel schwarzem Humor ausgestattet und man muß sich schon bemühen, um zwischen all dem Sarkasmus den Fäden der Verbrechen zu folgen.

Steinfests Roman dürfte die Leserschaft polarisieren und sicher seine Liebhaber finden. Für den Leser, der Wert legt auf einen intelligenten und logisch durchdachten Plot, ist er bestimmt nicht das Richtige. Wer jedoch Spaß hat an innovativen Krimis mit hintergründigem Humor und einer guten Schreibe etwas abgewinnen kann, der wird dem Autor auch den einen oder anderen Lapsus verzeihen.

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