Ein unglücklicher Tod (Ein Fall für DC Smith 1)

  • Diogenes
  • Erschienen: Juli 2026
  • 5
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Thomas Gisbertz
84°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2026

Ein Krimi, der von Seite zu Seite mehr seine ganze Klasse zeigt.

Nach einem internen Ermittlungsverfahren kehrt Detective Sergeant Smith, genannt DC, wieder zurück in den Dienst bei der Polizei in Norfolk. Sein Chef, Detective Inspector Allen, würde den eigensinnigen Ermittler lieber heute als morgen in Rente schicken. Doch selbst nach dreißig Jahren Dienst verliert der charakterfeste Smith keinen Gedanken an diesen Vorschlag. Statt sich um die „Karrierewünsche“ seines Vorgesetzten zu kümmern, untersucht er zusammen mit dem jungen, unerfahrenen Detective Constable Chris Waters, den man ihm an die Seite stellt, den vermeintlichen Unfalltod eines 17-jährigen Jungen, der beim Schwimmen im Fluss ums Leben kam. Doch der Fall wurde bislang recht oberflächlich bearbeitet und bei Smith kommt schnell der Verdacht auf, dass mehr hinter dem Tod des jungen Mannes stecken könnte. Neben Präventionsarbeit an Schulen, die der Sergeant zusätzlich aufgebrummt bekommt, begibt er sich mit Waters auf Spurensuchen. Der Fall fordert nicht nur sein ganzes Können, sondern weckt auch das Interesse höherer Kreise.

Vom Selfpublishing zum Erfolgsautor

Nein, Autor Peter Grainger ist alles andere als ein Newcomer, gleichwohl sein Roman „Ein unglücklicher Tod“ den Auftakt zu seiner Krimireihe um DC Smith darstellt. Der Band erschien bereits 2013 zunächst äußerst erfolgreich im Selfpublishing, bevor Verlage auf den ehemaligen Lehrer für Englisch und Literatur aufmerksam wurden. Mittlerweile haben sich die Romane des 72-jährigen Robert Partridge, so der bürgerliche Name des Autors, millionenfach verkauft. Nun erscheinen bis Ende des Jahres die ersten drei Bände der Reihe, die in der fiktiven Stadt King’s Lake an der Ostküste Englands spielen, beim Züricher Diogenes Verlag zum ersten Mal in deutscher Sprache. In Großbritannien wurden inzwischen bereits 17 Fälle um den beharrlichen Ermittler DC Smith veröffentlicht. Man kann dem Diogenes Verlag nur zu dieser „Neuentdeckung“ gratulieren, denn sie sticht aus der oftmals belanglosen Krimilandschaft vor allem stilistisch hervor. Ohne Zweifel wird die Reihe auch hierzulande erfolgreich sein. Die Zeit ist einfach reif für Peter Grainger und DC Smith.

Unbequemer Ermittler

Der Auftakt der King’s-Lake-Reihe ist alles andere als tempo- und actionreich. Aber tatsächlich vermisst man dies beim Lesen nicht. Was zunächst etwas behäbig erscheinen mag, entwickelt sich mit zunehmender Dauer zu einem cleveren Kriminalroman, der vor allem dank seines ungewöhnlichen Ermittlerduos zu überzeugen weiß. Im Mittelpunkt steht dabei DC Smith, der sich nach einem internen Ermittlungsverfahren weigert, in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Derartige Vorgaben interessieren den ansonsten äußerst pflichtbewussten und beharrlichen Polizisten wenig. Gleichzeitig steht sicherlich der Verlust seiner Ehefrau dem Ausscheiden aus dem Beruf im Weg. Smith lebt nun alleine und sehr zurückgezogen. Selbst seine Liebe zur Musik, vor allem dem Blues, ist ihm keine Stütze mehr. Lediglich sein beruflicher Alltag und sein Streben nach Gerechtigkeit geben seinem Leben weiterhin Halt und Struktur.

Die Figur erinnert mit ihrer sehr genauen Auffassungsgabe, der akribischen Arbeit und dem unbeirrbaren Auftreten an Protagonisten klassischer Krimiromane. Autor Peter Grainger zeichnet seinen Ermittler aber deutlich facettenreicher. Der Detective Sergeant ist trotz aller Distanz – auch zu vielen seiner Kollegen - ein sehr empathischer Polizist, der ein feines Gespür für seine Mitmenschen besitzt. Er weiß, dass es bei der Lösung der Fälle in erster Linie um die Beteiligten und nicht um Fakten geht:

„Das tut es nie und das kann auch gar nicht sein, denn Menschen sind immer komplizierter als Fakten.“

Aufgrund seiner nüchternen, eher altmodischen Ermittlungsarbeit (mit technischen Hilfsmitteln wie Handys liegt er wiederholt über Kreuz) wird er oftmals unterschätzt, was Smith aber auch bewusst zu nutzen versteht. Dass er ein großartiger Ermittler ist, wird auch daran deutlich, dass er früher für den Geheimdienst gearbeitet hat. Dies wird allerdings nur angedeutet, bleibt doch vieles aus seiner Vergangenheit (u.a. auch der Grund für eine Degradierung) noch im Dunkeln.

Ermittler und Mentor

Auch in der Zusammenarbeit mit dem jungen DC Chris Waters zeigt sich sein ermittlungstaktisches Vorgehen: Smith muss sich sicher sein, bevor er andere in seine Überlegungen einbezieht. Als Vertrauensperson erweist sich hier seine Vorgesetzte DI Allison Reeve, mit der Smith sich regelmäßig austauscht. Sie ist es auch, die erkennt, dass die Fälle Smith nicht loslassen, bis er für Gerechtigkeit gesorgt hat. Für Waters, mit dessen Vater er bereits zusammengearbeitet hat, wird Smith zunehmend zu einer Art Mentor. Gleichzeitig überrascht der Constable den erfahrenen Ermittler immer mehr mit seinem Fleiß und seinem Lernwillen. Vielleicht fühlt Smith sich dabei auch an seine eigenen Anfänge als Polizist erinnert. So väterlich Smith sich hier zeigt: Beim Kampf gegen die Verbrecher tritt er trotz seines gelebten Understatements stets souverän und selbstsicher auf, denn in ihm steckt weit mehr, als er nach Außen zeigt.

Moderner Klassiker

Grainger erweist sich als großartiger Stilist, was heutzutage selten ist. Sein wunderbarer Erzählstil bildet die Grundlage für diesen ungewöhnlichen, aber gleichzeitig an klassische Kriminalliteratur erinnernden Roman. Der Autor ist – wie sein Protagonist – sehr klar und genau in seinen Darstellungen. Eine oftmals neutrale Erzählweise, regelmäßige Perspektivwechsel und pointierte, präzise, oft messerscharfe Dialoge lösen einander ab. Auch dem Leser verheimlicht Grainger zumeist die Gedanken seines Protagonisten, so dass man zum Mitraten regelrecht eingeladen wird. Selbstredend darf auch feiner englischer Humor nicht fehlen. Gleichzeitig besitzt Graingers Figurendarstellung viel Tiefe, wozu auch ein melancholischer Grundton im Roman beiträgt, der immer wieder anklingt und zum Schluss hin zunehmend deutlicher wird. Überhaupt ist das Ende des Romans ebenso ungewöhnlich wie gekonnt. Dies unterstreicht noch einmal die literarische Qualität des Autors.

Fazit

Peter Grainger ist die „Neuentdeckung“ des Krimisommers. Wer den englischen Autor noch nicht kennt, sollte dies schnell ändern. Der Autor erweist sich nämlich als ungewöhnlicher Stilist, der es trotz gemächlichen Tempos und der Darstellung grundsolider, präziser Ermittlungsarbeit mit seinem Roman durchweg zu unterhalten versteht. Beste englische Krimitradition mit einem starken Ermittler.

Ein unglücklicher Tod (Ein Fall für DC Smith 1)

Peter Grainger, Diogenes

Ein unglücklicher Tod (Ein Fall für DC Smith 1)

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