Der Kuckucksjunge

  • Goldmann
  • Erschienen: Dezember 2025
  • 3
Der Kuckucksjunge
Der Kuckucksjunge
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Thomas Gisbertz
82°1001

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2026

Spannende Fortsetzung der Thulin-Hess-Reihe.

Kopenhagen, 13. Februar: Die 41-jährige Büroassistentin Silje Thomsen wird bereits seit einigen Wochen von einem unbekannten Stalker belästigt, der ihr immer wieder Fotos von ihr per SMS zuschickt. Eine Anzeige bei der Polizei verläuft ins Leere. Als die geschiedene Mutter nun auch noch Textnachrichten mit einem rätselhaften Abzählreim erhält, den Kinder gerne beim Versteckspielen nutzen, flüchtet sie verängstigt in ihr Haus und verriegelt die Tür. Doch kurz darauf erhält sie eine weitere Nachricht auf ihrem Handy: „Hab dich.“ Als wenig später ihr Ex-Mann und ihre Tochter Silje Thomsen besuchen wollen, fehlt von ihr jede Spur.

Durch Zufall stößt Kommissarin Naia Thulin am folgenden Tag auf den Vermisstenfall. Als sie zusammen mit ihrem Kollegen Raheem von der Abteilung NC3 - zuständig für die Verfolgung von digitalem Stalking und Cybergrooming – die Handydaten der jungen Frau auswertet, machen sie eine erschreckende Entdeckung:

Dieselben Textnachrichten bekam auch die 19-jährige Schülerin Caroline, kurz bevor sie vor zwei Jahren von einem Unbekannten brutal ermordet wurde.

Haben die Ermittler es mit demselben Täter zu tun? Ausgerechnet Mark Hess von Europol wird zum Fall hinzugezogen. Der eigenwillige Ermittler ist für Thulin kein Unbekannter: Gemeinsam haben sie beim Fall um den „Kastanienmann“ zusammengearbeitet – und waren für kurze Zeit sogar ein Paar. Noch bevor sie sich auf die Suche nach Silje Thomsen machen können, wird deren brutal zugerichtete Leiche gefunden – und es gibt einen neuen Vermisstenfall. Die letzte Nachricht auf dem Handy des Verschwundenen lautet: „Hab dich.“

Neues vom dänischen Bestsellerautor

Nachdem er sich als Drehbuchautor einiger der erfolgreichsten dänischen Fernsehserien wie „Nikolaj und Julie“ und der Krimiserie „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ internationale Anerkennung erworben hatte, debütierte Søren Sveistrup 2018 mit dem düsteren Thriller „Der Kastanienmann“ als Schriftsteller. Der Roman wurde von der Krimi-Couch 2019 zum „Buch des Jahres“ gewählt. Sveistrup wirkte zudem an der Adaption seines Debütromans für Netflix mit. Nach sieben endlosen Jahren liegt nun die langersehnte Fortsetzung der Reihe um Naia Thulin und Mark Hess vor. „Der Kuckucksjunge“ ist an Spannung kaum zu überbieten – allerdings muss man auch über kleinere Schwächen hinwegsehen.

Typisch Sveistrup

Autor Søren Sveistrup bleibt sich bei seinem Fortsetzungsroman treu: Der extrem fesselnde Thriller lebt von seiner düsteren, bedrückenden Atmosphäre und einem raffinierten Plot, der überwiegend auf einer Zeitebene spielt, auch wenn der Mord an einer Schülerin, der zwei Jahre zurückliegt, eine wichtige Rolle einnimmt. Erneut ist Sveistrups Erzählstil stark von seiner Erfahrung aus Drehbuchautor geprägt: Der Roman folgt einem bestimmten Rhythmus, einer filmischen Taktung und weiß mit einer sehr szenischen Darstellung zu überzeugen.

Sveistrup ist wahrlich ein Meister der Spannung und Suspense. Dabei spielt der Däne gekonnt mit den Ängsten seiner Leser, indem er auch die Umgebung und die Raumgestaltung dramaturgisch einzusetzen versteht. Allerdings hat diese Art des Schreibens auch seinen Nachteil: Die strikte Planung des Romans in drei Haupterzählstränge, die sich immer wieder abwechseln und klar getaktet sind, die Fokussierung auf Dialoge und die umfangreiche, aber nie in die Tiefe gehende Figurendarstellung sind typische Elemente eines Drehbuchs, nicht unbedingt des Romans. Sveistrup versucht diese Versatzstücke immer wieder mit teilweise ausufernden Nebenhandlungen und irrelevanten Details aus dem Leben der Protagonisten zu ergänzen. Dies wirkt nicht nur langatmig, sondern stoppt unnötigerweise das Erzähltempo. Dabei ist gerade dies die eigentliche Stärke Sveistrups, denn kaum ein Autor sorgt für so viel Nervenkitzel wie der Däne. Besonders das Ende des Romans stellt dies, wie schon beim „Kastanienmann“, eindrucksvoll unter Beweis. Schade, dass der Autor sich zwischendurch immer wieder selbst ausbremst. Insgesamt wirkt der Roman mit seinen 666 Seiten zu aufgebläht. Gleichzeitig versprechen aber auch 400 Seiten absolute Hochspannung.

Figurendarstellung schwächelt

Der Autor verfängt sich teilweise in der Umsetzung genretypischer Elemente und folgt zu wenig seinem Instinkt. Mörder auf der Rückbank eines Autos oder Killer, die mit der Axt Jagd auf ihre Opfer machen, kennt man zu genüge. Auch verrät bereits der Prolog zu viel über den Täter, so dass so mancher Twist später nicht wirklich überraschend ist.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die insgesamt doch recht blasse Figurendarstellung. Zwar geschieht einiges im Leben der Protagonisten und sie müssen so manchen Schicksalsschlag verkraften, aber wirkliche Nähe zum Leser können sie nicht aufbauen – weder Opfer noch Ermittler. Dafür sind die Figuren auch zu stereotyp angelegt: der überhebliche Chef, der sein Team immer wieder ausbremst und der öffentlichkeitswirksam schnell Ergebnisse präsentieren möchte; die engagierte, aber durch ihre frühere Beziehung zum Kollegen überforderte Ermittlerin, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, oder der introvertierte Einzelgänger, der seinen ganz eigenen Ermittlungsweg gehen will. Typen statt Charaktere. Es wirkt mitunter, als habe Sveistrup bereits das Drehbuch für die Netflix-Serie fertig und wolle nun einen Roman daraus machen. Am Ende muss der Leser entscheiden, was ihm gefällt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Roman unterhält bestens und das ist es, was zählt. Ein wahrer Pageturner.

Fazit

„Der Kuckucksjunge“ ist sicherlich kein Thriller-Meisterwerk, aber der Roman bietet insgesamt extremen Nervenkitzel. Besonders wenn sich Sveistrup am Ende auf die Jagd nach dem Täter fokussiert, ist atemlose Spannung garantiert. Dafür muss man neben dem gelungenen Plot und einer über weite Strecken herausragenden „filmischen“ Umsetzung aber auch kleinere Schwächen in der Figurendarstellung und einen teilweise etwas ausufernden Erzählstil in Kauf nehmen. Packende Unterhaltung bietet „Der Kuckucksjunge“ aber allemal.

Der Kuckucksjunge

Søren Sveistrup, Goldmann

Der Kuckucksjunge

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