HEN NA IE - Das seltsame Haus

  • Lübbe
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 0
HEN NA IE - Das seltsame Haus
HEN NA IE - Das seltsame Haus
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Michael Drewniok
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2025

Geheime Gänge & verborgene Abgründe.

Als freier Journalist schreibt der Japaner Uketsu auf Youtube über mysteriöse oder okkulte Orte und Ereignisse. Als ein Kollege ein Haus kaufen möchte, bittet er ihn um Rat und legt sogar die Grundrisszeichnungen vor. Da er nichts vom Hausbau versteht, fragt Uketsu beim Architekten Kurihara nach. Der ist fasziniert, denn als Fachmann erkennt er sogleich Ungereimtheiten: Offensichtlich wurde das Kinderzimmer so gebaut, dass es vom Rest des Hauses völlig getrennt ist. Fenster gibt es hier ebenfalls nicht, aber geheime Zugänge zu anderen Räumen! Sie sind so knapp geschnitten, dass eigentlich nur ein Kind sie nutzen kann.

Wurde das inzwischen leerstehende Haus errichtet, um dort ein Kind gefangen zu halten? Musste dieses Kind womöglich ahnungslose Gäste umbringen, die dann von den Eltern heimlich entsorgt wurden? Dies ist reine Spekulation des munkelfreudigen Kurihara, bis Uketsu nachzuforschen beginnt: Unweit des Hauses wurden tatsächlich menschliche Überreste entdeckt; der Leiche fehlte die linke Hand.

Ratlos beschließt Uketsu über das seltsame Haus zu schreiben. Es meldet sich daraufhin die Witwe eines Mannes, der einige Jahre zuvor unter seltsamen Umständen verschwand - in einem anderen Haus, dessen Grundriss ebenfalls die bekannten Eigenheiten aufweist! Seine Leiche wurde Jahre später gefunden: ohne linke Hand.

Als Journalist muss Uketsu jetzt seine Nachforschungen fortsetzen. Stück für Stück enthüllt er die bizarre Geschichte eines Familienclans, dessen Chronik von Unheil, Inzucht und Wahnsinn geprägt ist und dessen verquere Weltanschauungen noch heute schaurig in Taten umgesetzt werden ..

Neuer Seitentrieb am Krimi-Baum

Es gibt bekanntlich nichts, was es nicht gibt; wieso also keine Geschichte, in der sich Krimi und Comic bzw. Manga treffen? Das Ergebnis ist zwiespältig, was an einer Darstellungsweise liegt, an die man sich gewöhnen muss. Die Omnipräsenz der Zeichnungen, die den Text immer wieder auseinanderreißen, könnte ebenso abschreckend wirken wie die Abwesenheit jeglicher Gefühle (aber auch jeder Gefühlsduseligkeit). „Das seltsame Haus“ erzählt von einer zufälligen Beobachtung, die zur Aufdeckung eines monströsen Geheimnisses führt. Der Weg dorthin wird quasi dokumentarisch und nüchtern geschildert. Die Textpassagen sind vor allem in den ersten beiden Dritteln knapp, Dialoge werden als Frage-und-Antwort-Listen wiedergegeben.

Wieder einmal ist der Weg das Ziel, obwohl es zu einer finalen Auflösung besagten Rätsels kommt. In die Rolle des Ermittlers schlüpft ein Journalist; nicht ungewöhnlich, denn Spuren werden im Kriminalroman oft von berufsmäßigen Faktensuchern aufgenommen und interpretiert. Auch ein Architekt als Berater irritiert nicht, denn schließlich geht es um Häuser, Grundrisse und ihre unterschwelligen Botschaften. Da ist ein Fachmann von Nutzen.

Die Präsentation von Planzeichnungen ist kein Novum. Im klassischen Whodunit der 1920er und 30er Jahre war es sogar Tradition, den Lesern einen solchen Blick auf den Tatort und seine Umgebung zu gewähren. Dies lud zum Miträtseln an der Seite des ermittelnden Detektivs oder Polizisten ein, um als Leser im Rahmen der allmählichen Aufdeckung des wahren Geschehens womöglich rascher als dieser zur Erkenntnis zu gelangen!

Mit der Nase draufgestoßen

Uketsu geht einen Schritt weiter. Er ‚arbeitet‘ mit den Grundrissen, legt sie uns immer wieder vor, hebt dabei in Ausschnitten, Vergrößerungen oder durch Hinweisstriche hervor, was der Journalist und der Architekt herausfinden. Die Spannung entsteht durch die Tatsache, dass wir Leser zunächst nicht erkennen, was faul ist an den Plänen. Alle Irritationen sind geschickt in die Zeichnungen und in den ‚Erzähl‘-Fluss eingebunden und enthüllen sich meist erst, wenn sie im Text als solche erwähnt und dechiffriert werden.

Hinzu kommt die täuschende Simplifizierung: Wer hätte gedacht, dass winzige Häuser versteckte Geheimnisse solchen Formats enthalten könnten? Die Grundrisse beschränken sich primär auf senkrechte und waagrechte Geraden. Doch gerade die dadurch entstehenden, recht einfachen Formen eignen sich vorzüglich zum Verbergen des Offensichtlichen.

Im Verlauf der Geschichte offenbart sich allerdings die Limitierung dieses Text-Bild-Erzählstils. Ein drittes seltsames Haus taucht auf und wird seiner Geheimnisse beraubt. Inzwischen wissen wir, wie das vonstatten geht, und reagieren statt mit abermaliger Erwartung mit einem Seufzer. Sicher nicht grundlos gewinnt im Anschluss der Textanteil die Oberhand: Zeichnerisch lässt sich die komplizierte Hintergrundstory nicht mehr darstellen bzw. unterstützen. Entfesselt wird ein wüster Reigen ständig wechselnder, unter verschiedenen Identitäten auftauchender Personen, die den Katabuchi-Clan - Stammhaus und Zweighaus - bilden. Dessen Angehörige hatten und haben einen Hang zur Mehrfachehe sowie zur (genetisch-moralisch bedenklichen) außerehelichen Fortpflanzung, was einen Stammbaum entstehen ließ, den man sich als Leser gut einprägen sollte, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Hinter besonders dichten Fassaden

Die Fremdartigkeit sehr vieler (noch dazu ähnlicher) Namen steigert die Herausforderung. Hinzu kommt ein Crashkurs durch die jüngere japanische Geschichte. Diese weist Eigenheiten auf und ist schwer verständlich, da nicht kulturübergreifend. Ohne Hintergrundwissen kann die Erzählung ihre Wirkung jedoch schwer entfalten.

Der Plot wurzelt tief in einer speziellen Nische der Japan-Kultur: Religion und Mythen favorisieren noch heute eine Realität, in der Diesseits und Jenseits schrankenlos ineinander übergehen. Der Wahn der Katabuchis resultiert aus dieser Tatsache. Moderne = „aufgeklärte“ Zeitgenossen würden so weit auch in Japan nicht mehr gehen. Das Fehlen einer Vorstellung, die auf einer archaischen Glaubenswelt basiert, macht plausibel, wieso eine bizarre Zeremonie über Jahrzehnte unbemerkt fortgesetzt werden konnte.

Hinzu kommt ein aus westlicher Sicht starres Festhalten an schematisch-rituellen Gesellschaftsformen. Privat werden Japaner im Inneren ihrer Heime, die nicht ohne Grund durch Mauern und Zäune blickdicht abgeschirmt werden. Wenn man dies als Prinzip versteht, wird zusätzlich klar, wieso ein Katabuchi-Ritus auch im 21. Jahrhundert funktionieren könnte.

Der Schöpfer und sein Werk: seltsam

„Uketsu“ ist nicht nur der zentrale Protagonist dieses Buches, sondern auch dessen Verfasser. Heutzutage ist es schwer, sich durch literarische Qualität einen Namen zu machen. Digitale Präsenz der möglichst einprägsamen, d. h. spektakulären Art kann hilfreich sein. Uketsu, der seinen wahren Namen und seine Identität bisher nicht preisgab, verbirgt sich in seinen (Internet-) Auftritten in einer Art Samurai-Gewand und hinter einer weißen Gesichtsmaske. Das soll wohl mysteriös oder sogar unheimlich wirken und Leser locken, die auf solche Signale anspringen.

„Das seltsame Haus“ erscheint in Deutschland, nachdem der in Japan 2022 veröffentlichte Nachfolgeband „Henna E“ als „HEN NA E - Seltsame Bilder“ ebenfalls übersetzt ein vielköpfiges (bzw. zahlreich zur Geldbörse greifendes) Publikum finden konnte. In „Henna E“ baute Uketsu das Konzept aus, indem er auch Fotos in seine Geschichte einfließen ließ.

Übrigens ist die Nutzung bildhafter Elemente im Rahmen eines Textes keine neue Methode. In der Kriminalliteratur wurde sie beispielsweise schon 1970 vom Erfolgsautor Ed McBain (1926-2005) in einem Band seiner Serie um das fiktive 87. Polizeirevier genutzt („Jigsaw“; dt. „Schnapp-Schuss“).

Fazit

Die gleichzeitige bzw. gleichberechtigte Nutzung von Text und Bild dient als Treibriemen einer unheimlichen Geschichte. Nachdem man sich an die Form gewöhnt hat, sorgt dieser Roman für Unterhaltung, legt aber auch die Grenzen des Konzepts offen: Die Form siegt knapp über den Inhalt.

HEN NA IE - Das seltsame Haus

Uketsu, Lübbe

HEN NA IE - Das seltsame Haus

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