Das Spiel der Seelen (Das Mädchen im Schnee 2)

  • Goldmann
  • Erschienen: März 2025
  • 0
Das Spiel der Seelen (Das Mädchen im Schnee 2)
Das Spiel der Seelen (Das Mädchen im Schnee 2)
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Michael Drewniok
50°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2025

Kampf gegen Verbrechen und Seelenpein.

Ex-Journalistin Miren Triggs aus New York City hat ihre jahrelangen Nachforschungen im Fall eines verschwundenen Kindes (s. „Das Mädchen im Schnee“) mit ihren persönlichen Schreckgespenstern - sie leidet unter den Folgen einer nie gesühnten Vergewaltigung - verflochten und daraus einen Bestseller gewoben, der ihr Ruhm und viel Geld einträgt.

Doch Miren will endlich wieder journalistisch tätig werden, zumal ihr anonym ein Foto zugespielt wurde. Es zeigt Gina Pebbles, die neun Jahre zuvor entführt und verschleppt wurde; sie ist nie wieder aufgetaucht. Das Foto trägt eine Aufschrift: „Willst du spielen?“ Miren will, und bald hat sie sich fester an diesem Fall festgebissen, als es ihrer Gesundheit guttut, weshalb man ihr u. a. beinahe den Schädel einschlägt.

Parallel dazu muss sich die Mordkommission mit dem bizarren Tod eines Teenagers beschäftigen: Allison Hernández hängt gekreuzigt in einer verlassenen Lagerhalle. Auch das FBI ist eingeschaltet. Agent Ben Miller ist ein alter Freund, den Miren während früherer Ermittlungen kennenlernte und nun um Rat fragt. Dritter im Bund ist der Universitätsdozent Jim Schmoer, der seiner ehemaligen Studentin Miren helfen will (und in sie verliebt ist).

Wie sich herausstellt, waren Gina und Allison beide Schülerinnen derselben Highschool. Dort sind die Regeln streng und katholisch, und hinter den Kulissen geht Finsteres vor: Wer sind die „Raben Gottes“, die heimlich über ihre Mitschüler herrschen ...?

Werbung oder Warnung?

„Eine Netflix-Serie“, lesen wir auf dem runden Aufdruck, der dem Cover eigens aufgeprägt wurde. Allerdings war nicht „Das Spiel der Seelen“ Vorlage für die 2023 in sechs Teilen veröffentliche Mini-Serie, sondern der Vorgängerroman „Das Mädchen im Schnee“. Obwohl Autor Javier Castillo beide Romane in der nordamerikanischen Metropole New York City spielen ließ (und dies auch im dritten Band der Serie beibehielt), wich die Serie davon ab und verlagerte die Ereignisse ins spanisch-andalusische Malaga, Castillos Heimatstadt - eine gute Entscheidung, denn die einerseits stereotype und andererseits spektakulär aufgeplusterte Handlung wirkt in den spanischen Kulissen besser als im zwar kundig recherchierten, aber nie wirklich eindringlich geschilderten New York.

„Netflix“ ist ein Wort, das seine einstige, beinahe magische Bedeutung eingebüßt hat. In seinen frühen Jahren pumpte das Medienunternehmen gewaltige Summen in die Entwicklung von Filmen und Serien, mit denen man möglichst viele zahlende Kunden an sich binden wollte. Als die Eigentümer und Aktionäre diesen Ausgaben ein Ende setzen, wurde aus einem Füllhorn spannender, ungewöhnlicher und gegen den Strich gebürsteter Inhalte ein typisches Dienstleistungsgewerbe, das bei möglichst niedrigen Kosten möglichst hohe Gewinne einfahren soll.

Die einfallsreiche Sprunghaftigkeit wurde von der langweiligen Nummer Sicher ersetzt. „Das Mädchen im Schnee“ ist ein perfektes Beispiel - solide, aber oberflächlich realisiert sowie auf eine Vorlage setzend, deren Auflage- und Verkaufszahlen die mittelmäßige Qualität ersetzen sollte. Castillo hatte das Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein: „Das Mädchen im Schnee“ kam zur Corona-Pandemie in die Buchläden. Die in ihre Heime verbannten Menschen langweilten sich und lasen in ihrer Not. Castillo verzeichnete Verkäufe in siebenstelliger Höhe. Damit geriet sein Buch quasi automatisch ins Visier der neuen, mit Geld, Ideen und Vertrauensvorschuss geizenden „Netflix“-Chefetage.

Fall-Wirrwarr und Seelengetöse

Wäre Castillo ohne Pandemie und „Netflix“ so erfolgreich geworden? Man muss dies (hoffentlich) verneinen, denn der „spanische Stephen King“, wie er dröhnend (aber wieso?) auf der Rückseite des Covers angepriesen wird, liefert erneut nur jene gehäuften und gedehnten Stereotypen, die besagter Streaming-Sender wie am Fließband in Serien-Schonkost verwandelt. Der Plot ist der Gewalt eines Autors ausgeliefert, der Ereignisse und Schicksale so zurechtbiegt, dass sie sich einer ‚sensationellen‘ Auflösung beugen. Dies geschieht jedoch mit dem recht ziellosen Griff nach Szenen, mit denen sich das vorbereiten lässt.

Ein Spannungsbogen will sich auf diese Weise nicht ergeben. Scheinbar ‚aufregende‘ Ereignisse und ‚überraschende‘ Wendung werden zueinander gezwungen. Ständige Sprünge von Handlungsort zu Handlungsort sollen das verwischen, wobei die meisten Kapitel mit einem Cliffhanger ausklingen: Etwas Unerwartetes und Schreckliches geschieht, aber wir müssen uns gedulden, bis der Autor in einem der nächsten Kapitel darauf zurückkommt - und sich die Krise in banales Wohlgefallen auflöst.

Das ändert sich erst im letzten Drittel, wenn Castillo den Plotknoten zu schürzen beginnt. Die daraus resultierende Handlung nimmt zwar an Tempo zu, holpert aber noch übler als zuvor voran. Das Finale ist nicht dramatisch, sondern theatralisch sowie überaus ungeschickt inszeniert. Es wird gerächt und gestorben, bis die Schwarte kracht; als Leser möchte man eher lachen als sich schockiert fühlen. Nicht grundlos hängt Castillo einen ausführlichen Epilog an, in dessen Verlauf er erklärt, was im Überschwang der Ereignisse ungeklärt blieb.

Wir tragen alle unser Päckchen ...

... wobei Castillo großzügig zuteilt, was uns das Leben jenseits der alltäglichen Beanspruchungen auflädt. Sicherlich mehr als ein Drittel dieses Romans könnte problemlos weichen, weil in diesen Passagen nicht die Handlung vorangetrieben wird. Stattdessen suhlt sich Castillo förmlich in Gefühlen bzw. Gefühlsduseleien: Trauma, Depression, unerhörte Liebe, Chauvinismus, Emotionsstau, religiöser Fanatismus, sexuelle Übergriffigkeit: Die Liste ist keineswegs vollständig! Immer wieder weicht Castillo von seiner Geschichte ab und sorgt für einschlägige, bremsende Einschübe.

Ausnahmslos jede Hauptperson hat einen Seelenknacks, und das überträgt sich auf die Nebenfiguren. Wenn sich wieder einmal ein solches Gewitter entlädt, gibt es keinerlei Abweichungen vom Schema F, keine Überraschungen, keine Originalitäten. Unter vollem Körpereinsatz wird geklagt, geweint, sich erinnert und auf die Tränendrüse gedrückt. Wer nicht mitgehen will oder kann, erkennt nüchtern die lauen Tricks, die der Autor in diesem Zusammenhang anwendet. Was ihm ‚gelingt‘, ist eine lange Reihe von Figuren, die man nicht leiden kann. ‚Gut‘ oder ‚böse‘ spielt dabei keine Rolle. Miren Triggs ist genauso eine Nervensäge wie der übertrieben scheinheilige Lumpenpfaffe Reverend Graham. Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der Castillo eine Figur überzeichnen und der Lächerlichkeit preisgeben kann.

Wie lange wird die Erfolgswelle Javier tragen? Noch scheint der Werberummel die Stimmen derjenigen zu übertönen, die nicht zustimmen mögen, dass hier feinste Edel-Spannung geboten wird. Oder ist es so, dass Krimi-Leser mehrheitlich genau solche wie von einer KI fabrizierten, hölzernen, mit Emotions-Eruptionen verschnittenen Spektakel wünschen? Lassen wir diese Frage lieber offen, denn man könnte die Büchse der Pandora öffnen ...

Fazit

Inhaltlich statischer, in regelmäßigen Abständen durch ‚spannende Überraschungen‘ angeheizter Krimi, dessen Aktionismus Handlungsklischees und Flach-Figuren verbergen soll. Hinzu kommen kalt lassende ‚Gefühlsstürme‘, die sich aufdringlich in den Ablauf schieben: für die Abverkaufstische moderner Filialbuchhandlungen konzipiertes Mittelmaß.

Das Spiel der Seelen (Das Mädchen im Schnee 2)

Javier Castillo, Goldmann

Das Spiel der Seelen (Das Mädchen im Schnee 2)

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