Labyrinth der Masken

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Tusquets, 1997, Titel: 'Máscaras', Seiten: 233, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2005, Seiten: 269, Übersetzt: Hans-Joachim Hartstein
  • Zürich: Unionsverlag, 2006, Seiten: 251

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Wolfgang Reuter
Unbedingt lesenswert!

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Jul 2003

Teniente Mario Conde wird nach einer Schlägerei mit einem Kollegen zur Schreibtischarbeit im Erkennungsdienst der Polizeizentrale strafversetzt. Überhaupt sind die Zeiten schlecht für Polizisten, interne Ermittler durchkämmen die Zentrale, mehrere Beamte sind wegen Korruption oder Nachlässigkeit im Dienst entlassen oder suspendiert worden. Da findet man eine Leiche: Ein Transvestit in roten Frauenkleidern, erwürgt im Wald von Havanna, zwei Pesos stecken in seinem Hintern. Just am 6. August, dem Tag der Verklärung Christi, der Transfiguration.

Der Tote ist der Sohn eines hochrangigen kubanischen Diplomaten.

Mario Conde, der mit Schwulen nichts zu tun haben möchte, ist gezwungen, in diesem Milieu zu ermitteln. In seinen Recherchen gelangt er auch an den Dramatiker und Theaterregisseur Alberto Marqués, der auf Grund seiner Homosexualität jahrelang stärksten Repressionen von Seiten des Regimes ausgesetzt war. In Marqués Villa kommt es zu wiederholten Gesprächen zwischen den beiden, die den Charakter von Theaterinszenierungen haben. Condes Antipathie entwickelt sich langsam zu einer vorsichtigen Neugier, er lernt die Welt der Transvestiten kennen. Diese Einblicke und ein entscheidendes Beweisstück führen ihn schließlich zur Lösung des Falles ...

Das "Havanna - Quartett ist ein ursprünglich auf vier Bücher konzipierter Zyklus von Kriminalromanen. 1991 erschien "Ein perfektes Leben", und wurde zu Recht ein vielbeachteter internationaler Erfolg bei Publikum und Presse. 1994 wurde dann "Handel der Gefühle", wie zu erwarten, ebenfalls begeistert aufgenommen, obwohl bezüglich Inspiration und sprachlicher Details auch vereinzelt leise kritische Stimmen zu vernehmen waren.

Und jetzt, der dritte Teil: "Labyrinth der Masken". Ein angekündigtes Roman - Quartett mit einem derart gelungenen Erstling lässt erwarten, dass das Niveau vier Bände lang aufrecht erhalten wird.

Wie geht Leonardo Padura damit um? Sehr selbstbewusst, und sozusagen mit einem poetischen Paukenschlag beginnt er das Buch:

"Die Hitze senkt sich wie ein weiter Mantel aus roter Seide herab, geschmeidig und zäh umhüllt sie Körper, Bäume und Dinge, um ihnen das böse Gift der Verzweiflung und des langsamen, sicheren Todes einzuflößen."

Wie gehe ich mit so einer Einleitung um? Ich fühle mich geblendet. Und deshalb schließe ich das Buch und öffne es noch mal, um halbwegs objektiv an die Sache herangehen zu können. Etwa 40 Seiten lang hatte ich das Gefühl , es handelt sich möglicherweise um einen kubanischen Johannes Mario Simmel. Condes überzogene Sentimentalität, ständige Erinnerungen an das verlorene Paradies der Jugend, "rührende" Szenen mit ballspielenden Kindern, nur unzulänglich gedämpft durch romantische Ironie. Und wiederholte sprachliche Sonderbarkeiten irritieren mich einfach, wie z.B. auf S.125, wo Conde aus seinem Fenster blickt, und er sieht nicht einfach nur das Meer, sondern "...im Hintergrund, unerreichbar, das ewige, herausfordernde Versprechen des Meeres." Das ist wie ein barocker Wolkenhimmel in rosa, parfümierte Literatur.

Ja verdammt noch mal, könnte man sagen, wieso hat der dann so einen Erfolg? Ganz einfach, weil es sich trotzdem um einen großartigen Schriftsteller handelt, an dessen Meriten man sich schnell gewöhnt und erkennt, dass viel mehr hinter allem steckt. Nach den erwähnten 40 Seiten beginnt die Faszination, dort, wo Alberto Marqués seinen Auftritt hat. Hier plötzlich erreicht Paduras Sprache einen Höhepunkt, in den Dialogen, den Szenen in der Villa und den Rückblenden zu Marqués Aufenthalt in Paris. Phantasievoll, farbig, lebendig, deftig, ironisch, humorvoll und schonungslos berichtet Marqués von seinem Leben, den unglaublichen Repressionen, denen er als bekennender homosexueller Künstler im Kuba Fidel Castros ausgesetzt war und noch ist.

Leonardo Padura möchte in seinen Romanen eine Art Analyse der kubanischen Gesellschaft vornehmen. In Labyrinth der Masken geht es zum Einen um die Außenseiter, die aufgrund ihrer Homosexualität von der Gesellschaft und vom Regime ausgegrenzten Menschen, in diesem speziellen Fall innerhalb der "sozialistischen" Gesellschaft Kubas nach der Revolution.

Zum Anderen und auch unmittelbar im Zusammenhang zeichnet Padura mit Alberto Marqués ein sehr sensibles, intensives Portrait von Virgilio Piera, einem der bedeutendsten Dramatiker und Regisseure Kubas im 20.Jahrhundert. Piera fiel brutal der Repression zum Opfer, litt sein Leben lang unter Armut, Angst und Ablehnung, heute sind seine Werke in Kuba jedoch veröffentlicht, er feierte 2004 seinen 90. Geburtstag.

Ein wichtiges Thema ist auch die Verwandlung, die Transfiguration, ihre verschiedenen Facetten und warum Menschen sich ihr unterwerfen. Padura bzw. Marqués führen einen sehr sensibel und quasi aus einer inneren Kenntnis durch diese Grenzregionen menschlicher Verhaltensweisen. Mario Conde, der homophobe Polizist, der zu Beginn etwas zu aggressiv gegenüber Marqués auftritt, legt seine raue Schale, hinter der er sich versteckt, bald ab und entdeckt verschüttete Fähigkeiten an sich wieder, wie sein Talent zum Schriftsteller. Sehr schön beschreibt Padura, wie Conde zum Teil pubertäre sexuelle Angstphasen durchlebt, etwa in der Szene auf der Toilette der Villa.

Die anfangs widerwillig akzeptierten Einsichten in Marqués Welt führen gewissermaßen auch zu einer Verwandlung des Mario Conde, zu einer entscheidenden Erweiterung seines Horizontes.

Die Krimihandlung selbst ist eher dünn, und Paduras erklärte Absicht, die "Bösen" innerhalb der "oberen" oder politisch einflussreichen Gesellschaftsschichten anzusiedeln, vielleicht als verspäteter Racheakt an der Repression, ist seit Donna Leon nicht mehr sehr originell.

Wie viele andere südamerikanische Autoren auch, in Ländern, wo der Journalismus nicht frei ist, versteht sich Leonardo Padura gewissermaßen als Chronist seines Landes. Er möchte nach eigenen Aussagen " ...über Kuba sprechen,

die Anschauungen meiner Generation zum Ausdruck bringen, ihren Frust, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. Darum gibt es einen spürbaren Anteil an Kriminalstruktur in meinen Romanen ... ich fühle mich nicht als Kriminalschriftsteller, ... mein Interesse liegt wirklich nie darin, wer wen umgebracht oder ausgeraubt hat, sondern warum und wie er es gemacht hat ... "

(aus einem Interview mit Doris Wieser)

Leonardo Padura schreibt sozialkritische Poesie, verpackt in einen Kriminalroman. Eine an sich sehr gelungene Mischung, überwiegend von hoher sprachlicher Qualität, immer von überzeugendem sozialen und menschlichem Engagement, bunt, kräftig, gelegentlich reich an verbalen Verzierungen.

Fazit: unbedingt lesenswert!

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