Das Profil

  • Rowohlt
  • Erschienen: Oktober 2022

- Erdmann und Eloglu 1

- Taschenbuch

- 304 Seiten

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Thomas Gisbertz
88°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2022

Das Thrillerdebüt des Jahres - spannend, mitreißend und hochaktuell

Novemberliches Schmuddelwetter hat Hamburg fest in seinem Griff, als eine Gruppe Vorschulkinder auf einem Spielplatz einen Toten findet, der bis zum Kehlkopf in einem Sandkasten eingegraben ist und dem ein Auge fehlt. Der makabre Fund setzt Alpay Eloğlu, der gerade erst frisch von der Universität zum LKA gestoßen ist, sichtlich zu. Aber auf solche Befindlichkeiten ihres neuen Assistenten kann die erfahrene Kriminalkommissarin Franka Erdmann keine Rücksicht nehmen. Während das Team mit Hochdruck nach dem Täter sucht, ist kurz darauf ein zweites Opfer zu beklagen. Eine junge Influencerin wurde brutal in ihrer Wohnung getötet. Auch wenn sich die Handschriften beider Verbrechen unterscheiden, deutet immer mehr darauf hin, dass es sich um denselben Mörder handelt. Während die Polizei fieberhaft ein Profil von ihm erstellt, überwacht er bereits den Instagram-Account seines nächsten Opfers, dessen scheinbar perfektes Leben ein grausames Ende finden soll.

Start der Erdmann-Eloğlu-Reihe

Autor Hubertus Borck, geboren 1967 in Lübeck, ist ein deutscher Kabarettist, Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterautor. Er war viele Jahre der kreative Kopf des Hamburger Musik-Kabarett-Duos Bo Doerek. Borck arbeitet heute als Theater- und Drehbuchautor und schrieb u. a. für „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Wege zum Glück“ und die NDR-Produktion „Rote Rosen“.

Der Wahl-Hamburger ist einer der Preisträger des Schreibwettbewerbs „Rowohlt Rotation“ und legt mit „Das Profil“ den Auftaktband seiner neuen Thrillerreihe vor, der zusätzlich als ungekürztes Hörbuch beim Argon Verlag erscheint (gelesen von Daniela Ziegler).

Ungleiches Ermittlerpaar

Hubertus Borcks Debütroman überzeugt vor allem mit seiner fabelhaften Ermittlerin, die wohltuend geerdet agiert und eine große Hingabe für ihren Beruf mitbringt. Aber die Jahre bei der Polizei haben ihre Spuren hinterlassen und persönliche Opfer gefordert. Vor einem halben Jahr verstarb ihr langjährige Kollege Armin; nun hat Hauptkommissar Franka Erdmann einen Frischling an ihrer Seite: Alpay Eloğlu, 28 Jahre, Abschluss des Masterstudiengangs in Kriminologie mit Bestnoten.

Im Gegensatz zum smarten Akpay legt Franka - mittlerweile Ende Fünfzig - weniger Wert auf ihr Äußeres; des Weiteren raucht sie ständig und ist regelrecht süchtig nach Energydrinks. Ihre oftmals schroffe, direkte Art ist für den jungen Kollegen nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern verunsichert ihn auch anfänglich.

Aber auch wenn die Kommissarin es nicht zeigt, merkt sie schnell, was sie an Alpay und seinem kriminalistischen Gespür hat - wohl wissend, dass er manchmal noch zu forsch ist und sein Temperament nicht immer unter Kontrolle hat. Aber der neue Kollege ist lernwillig und teamfähig.

Alpay bewundert ebenfalls zunehmend seine erfahrene Kollegin, auch wenn er dies nie zeigen würde. Er merkt, dass er sie falsch eingeschätzt hat und achtet sie nicht nur für ihre Leidenschaft und Hartnäckigkeit im Job, sondern auch dafür, dass sie sich in 30 Jahren Dienstzeit gegen ihre männlichen Kollegen durchgesetzt hat.

Subtile Täterdarstellung

Borcks Schreibstil ist wunderbar klar, gradlinig und schnörkellos. Dabei spart er nicht an pointierten Dialogen. Die gesamte Handlung ist auf die Mordfälle fokussiert, was für Spannung und Dynamik sorgt. Die besondere Stärke des Romans ist es aber, den Täter in seiner ganzen Tiefe zu erfassen. Borck schafft es, ein differenziertes Bild einer verletzten Seele aufzuzeigen. Auf der einen Seite zeichnet er den Charakter eines brutalen, eiskalten Killers, auf der anderen Seite schildert er - oftmals in leisen Tönen - wie aus einem einstigen Opfer später ein Täter wird. Weil er nicht anders kann und weil das Leben ihn dazu gemacht hat. Dieser Spagat gelingt dem Autor, weil er nie rührselig in seiner Darstellung wird, aber gleichzeitig dem Leser feinfühlig aufzeigt, wie das Schicksal die Weichen in die falsche Richtung stellen kann. Doch die Frage nach der Schuld und Verantwortung für die Taten wird letztlich - nicht nur vom Autor - klar beantwortet.

Ein weiteres Plus neben der exzellente Figurenentwicklung und dem spannenden Plot ist die gute Ermittlungsarbeit des gesamten Teams, die trotz notwendiger literarischer Abstriche äußerst glaubwürdig erscheint. Dass es Borck zusätzlich gelingt, eine nahezu greifbare Atmosphäre des winterlichen Hamburgs zu schildern, trägt sein Übriges zu einem gelungenen Roman bei.

Gefahr sozialer Medien

Kritik wird am allzu leichtfertigen Umgang mit den Sozialen Medien geübt. Dies gilt insbesondere für die Plattform Instagram und die naive Selbstinszenierung zahlreicher User, die es dem Täter so einfach macht, seine Opfer zu finden. Die Influencerinnen scheinen längst vergessen zu haben, dass das, was sie posten, eine breite Öffentlichkeit erreicht, die nicht in einer virtuellen Welt, sondern in der Realität lebt. Am Ende müssen sie ihre Gier nach Aufmerksamkeit mit dem Leben bezahlen.

Fazit:

Erdmann und Eloğlu sind das neue Kultermittlerteam aus Hamburg. Ein glänzend erzählter, packender Thriller. Man merkt auf keiner Seite, dass man es mit einem Debütroman zu tun hat. Figurendarstellung, Atmosphäre, Plot, Schreibstil: Hier passt nahezu alles. Borck ist ein vielversprechender Thrillerautor, der ein großartiges Gespür für seine Figuren und die richtige Balance zwischen Spannung und ruhigen Momenten besitzt. Ein ganz starkes Debüt.

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