Sturmrot

  • Rowohlt Polaris
  • Erschienen: Juli 2022

- Die Eira-Sjödin-Trilogie 1

- Übersetzung: Hanna Granz

- Originaltitel: "Rotvälta"

- Taschenbuch

- 480 Seiten

Sturmrot
Sturmrot
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Carola Krauße-Reim
80°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

Mehr Milieustudie als Krimi

Tove Alsterdal ist in Schweden eine bekannte Autorin, deren Werke bereits mehrfach ausgezeichnet wurden. Einige ihrer Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt. Während sie bis jetzt nur eigenständige Thriller schrieb, beginnt sie mit „Sturmrot“ eine Trilogie rund um die Polizistin Eira Sjödin.

Eira Sjödin darf ermitteln

Olof war nie mehr in seinem Elternhaus, seit er vor 23 Jahren als 14-Jähriger den Mord an der wenig älteren Lina gestand. Aber jetzt ist er neugierig, was aus seinem Vater in dem abgelegenen Haus geworden ist. Doch er findet ihn tot in der Badewanne, erstochen mit einem Jagdmesser.

Polizistin Eira Sjödin fühlt sich manchmal schon richtig alt, wenn sie es mit den jungen Berufsanfängern zu tun bekommt. Doch sie ist erst Mitte 30 und bearbeitet endlich ihren ersten Mordfall. Erst vor Kurzem ist sie nach Kramfors an der Küste Mittelschwedens zurückgekehrt, um sich um ihre an Demenz erkrankte Mutter zu kümmern. Der Fall spült ihre eigene Vergangenheit wieder hoch, denn sie hat Olof und Lina gekannt und das Verschwinden des Mädchens hat ihr mehr als einen Alptraum beschert.

Ein aktueller und ein Fall aus der Vergangenheit

Der Krimi lässt sich grob in zwei Teile splitten. Der Tod des alten Mannes steht zuerst im Vordergrund, wird aber sehr schnell aufgeklärt und dient eigentlich nur als Aufhänger, um das Verschwinden von Lina vor über 20 Jahren neu zu betrachten. Laut Angaben der Autorin ließ sie sich durch tatsächliche Fälle inspirieren, was vielleicht der Grund für die vielen Nebenschauplätze ist, die in der Handlung vorkommen. Dadurch erscheint alles ein wenig überfrachtet und zersplittert, gerade wenn dann auch noch die ausgeprägte sozialkritische Komponente dazu kommt.

Das Gebiet in Mittelschweden lebte einst von der Holzindustrie, hat heute aber mit Landflucht, einhergehender Verarmung und dadurch wiederum mit großen sozialen Problemen zu kämpfen. Alsterdal lässt alles dies mehr oder weniger deutlich in die Handlung einfließen. Das könnte auch eine Steigerung der Spannung bedeuten, ist allerdings gerade das Gegenteil, denn die Autorin erzählt so unaufgeregt, teilweise langatmig, dass wirkliche Spannung erst sehr spät aufblitzt. Einige Wendungen halten die Leserschaft bei der Stange, wobei immer offensichtlicher wird, dass Eiras Familie tiefer in den Fall verstrickt ist als diese dachte. Auch wenn man im letzten Drittel des über 450 Seiten dicken Buches erahnen könnte, was mit Lina geschah, ist der Schluss ein richtiger Kracher, der für alle Langatmigkeit im Vorfeld entschädigt.

Die Figuren tragen das Geschehen

„Sturmrot“ ist kein Krimi, der von Schockszenen oder action-geladener Handlung lebt. Hier geben die Figuren und ihr Umfeld den Ton an. Allen voran Eira, die uns ihre eigene aktuelle Situation und ihre Vergangenheit vor Augen hält. Alsterdal schafft mit ihr eine Protagonistin, die viel menschliche Tiefe aufweist, aber im Job auch knallhart sein kann. Ihre Einsamkeit ist spürbar, ihre Überforderung mit der demenzkranken Mutter auch. Wenn dann auch noch ihr Bruder ins Spiel kommt, schafft die Autorin es gekonnt, die familiäre Situation zu konkretisieren und gleichzeitig auf die schwierige Lage der jüngeren Generation in diesem Teil Schwedens hinzuweisen. An Bullerbü erinnern hier vielleicht gerade noch die mehr oder weniger heruntergekommenen Häuser.

Eigentlich geht alles den Bach runter. Diese Aussichtslosigkeit manifestiert die Autorin auch in den anderen Figuren. Sei es der einsame Nachbar, der alkoholabhängige Ex-Kollege oder der von der Vergangenheit gezeichnete Olof - alle sind gut und glaubhaft gelungen. Selbst das unkonventionelle junge Teammitglied nimmt man der Autorin ab. Doch diese gelungene Figurenzeichnung ist vielleicht etwas zu vordergründig und macht aus diesem Krimi eher eine Milieustudie mit angeschlossenen leicht spannenden Ermittlungen als andersherum.

Das Setting entschädigt etwas

Auch wenn es wirtschaftlich oder sozial noch so trübe in Mittelschweden aussieht – die Natur ist wunderschön. Diese Schönheit weiß die Autorin sehr gut zu vermitteln. Ihre Beschreibungen von den Wäldern, der Küste, den Blumenwiesen und der Einsamkeit, die gleich hinter dem Ortsschild wartet, schafft dann doch noch ein wenig Heile-Welt-Feeling, was wiederum etwas für die nur schleppende Spannung und den sehr langatmigen Schreibstil entschädigt. Der verlangt von der Leserschaft schon einiges an Durchhaltevermögen, denn schnell erzählt ist hier nichts.

Fazit

Ein Nordic-Noir der ruhigen Art. Tove Alsterdal eröffnet die Eira-Sjödin-Trilogie mit gleich zwei Fällen, wobei sie viel Wert auf die Figuren und ihr soziales Umfeld legt. Dadurch leidet die Spannung etwas, schafft aber so viel Atmosphäre, dass man dennoch sehr gespannt ist, wie es mit Eira weiter geht. Lange müssen wir auf die Fortsetzung nicht warten, denn die soll noch in diesem Herbst erscheinen.

Sturmrot

, Rowohlt Polaris

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