SCHNEE

  • btb
  • Erschienen: August 2022

- Übersetzung: Tina Flecken

- Originaltitel: "Bráðin"

- Paperback, Klappenbroschur

- 352 Seiten

SCHNEE
SCHNEE
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Carola Krauße-Reim
90°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2022

Thriller mit einer gehörigen Portion Grusel

Yrsa Sigurdardóttir ist mittlerweile nicht mehr der unbekannte Geheimtipp aus Island. Die Ingenieurin, die nebenbei fast jährlich einen Thriller schreibt, hat mit ihren Stand-Alones für Kinder und Erwachsene, aber vor allem durch ihre Serien, die Leserherzen der Thrillerfans in Deutschland erobert. Die unkonventionelle Rechtsanwältin Þóra Guðmundsdóttir und Kommissar Huldar, zusammen mit Psychologin Freya, fesseln die Leserschaft immer wieder aufs Neue. Dabei zeichnen sich Sigurdardóttirs Thriller durch einzelne, nur scheinbar zusammenhanglose Handlungsstränge aus, die meist auch ihre Begeisterung für das Übernatürliche widerspiegeln. So auch in ihrem neusten Bestseller „Schnee“.

Was geschah im Schnee?

Eine Gruppe Wanderer wird im Naturschutzgebiet Lónsöræfi vermisst. Das auch im Sommer sehr einsame Gebiet im Osten Islands ist jetzt im Winter in Schnee und Polarnacht kaum zugänglich. Als Jóhanna und ihr Rettungsteam fündig werden, stehen sie vor einem Rätsel – eine große Blutlache und weggeworfene Kleidung werfen Fragen auf. Zeitgleich erlebt Hjörar merkwürdige Dinge auf der Radarstation Stokksnes und Kolbeinn erfährt in Reykjavík durch einen wiedergefundenen Kinderschuh von seiner ihm unbekannten Schwester Salvör.

Drei Perspektiven und zwei Geister

Auch dieses Mal hat die Autorin das Geschehen in verschiedene Handlungsstränge geteilt. Rückblickend begleiten wir Dröfn, die ein Mitglied der Wanderergruppe im Lónsöræfi ist. Wir erfahren durch sie, was dort geschah. Nicht nur die eisige Kälte und der herannahende Sturm machen Probleme, ein Flüstern vor dem Zelt und ein Schemen, der sie in der düsteren Polarnacht verfolgt, machen ihr Angst. Das alles muss die Rettungsmannschaft aus Höfn in der Gegenwart erst noch herausfinden. Jóhanna erlebt mit ihr das Grauen in Schnee und Dunkelheit in dem einsamen Gebiet. Zuhause kann sie sich aber auch nicht erholen, denn dort geschehen merkwürdige Dinge, die sie ängstigen. Hjörvar ist Protagonist im dritten Handlungsstrang. Er liebt seine einsame Arbeit auf der abgeschotteten Radarstation, die seinem scheinbar labilen Vorgänger allerdings zum Verhängnis wurde. Als er durch das bereits jahrelang stillgelegte Haustelefon eine Kinderstimme hört, ist auch Hjörvar nicht mehr der Alte. Geschickt verbindet Sigurdardóttir mystische Elemente mit einer packenden Handlung. Die scheinbar unzusammenhängenden Erzählstränge werden erst relativ spät zusammengeführt und münden in einem Schluss, der ebenso tragisch, wie unwahrscheinlich ist.

Spannend, wenn man Logikfehler ignoriert 

Yrsa Sigurdardóttir gelingt es eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, die packend ist – aber nur, wenn man über die vielen Logikfehlern hinwegliest. Vieles in der Handlung wurde einfach passend gemacht ohne auf die Plausibilität zu achten. Zudem verpasst die Autorin den Protagonistinnen und Hjörvar eine gehörige Portion an kleinen Details, die sich alle als sehr tragend für das Gesamtgeschehen herausstellen und auf zu gewollte und damit wenig glaubwürdige Art alle ineinandergreifen, bis es zum sehr konstruierten Schluss kommt.

Dennoch kann man sich der Geschichte kaum entziehen, auch wenn die Mystik vielleicht etwas zu dick aufgetragen ist. Aber allein schon die Schilderung der gewaltigen Natur im Osten Islands, die Atmosphäre in der abgeriegelten Radarstation und auf den vereisten Straßen Höfns, selbst der Gestank in der Fischfabrik sind der Autorin fast greifbar gelungen.

Auch die Figuren binden durch ihre Diversität an die Geschichte. Die Hipster, die sich in ihren neu gekauften stylischen Outdoorklamotten keine Blöße geben wollen, können einem fast schon leidtun. Dennoch hat es Sigurdardóttir mit Grusel und sich verstrickender Handlung etwas übertrieben, was dem Thriller, neben den Logikmängeln, den Todesstoß versetzen könnte, wenn man anfängt darüber nachzudenken.

Fazit

„Schnee“ ist ein Island-Noir, der durch Mystik und Spannung zu überzeugen weiß. Allerdings nur, wenn man die vielen Logikfehler missachtet und die zahlreichen, sich zu gewollt zusammenführenden Details in Kauf nimmt. Doch dann hat man einen Thriller mit Suchtpotential, der zudem mit einer Atmosphäre punkten kann, die einen zusätzlich frieren lässt.

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