Der Bunker

  • Heyne Hardcore
  • Erschienen: August 2022
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Thomas Gisbertz
80°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Über Warlords, Organhandel und korrupte Bullen

In seinem zweiten Fall bekommt es der Berliner LKA-Beamte Frank Bosman mit kriminellen Kosovo-Albanern zu tun. Dabei muss sich der Ermittler auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Vor Jahren war er nach dem Kosovo-Krieg zusammen mit seinem Partner Schuster als Polizeiausbilder in Prizren stationiert, um im Rahmen einer UN-Mission die lokalen Einsatzkräfte auszubilden. Doch der Einsatz scheiterte krachend. Dies lag vor allem am Einfluss des ehemaligen Warlords Remi Ekrem, dem vorgeworfen wird, serbische Gefangene exekutiert und deren Organe verkauft zu haben.

Nun ergibt sich für UN-Sonderermittlerin Elaine Szolnay und Frank Bosman endlich die Möglichkeit, Ekrem zur Strecke zu bringen. Szolnay will den ehemaligen Warlord für seine Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen, Bosman jagt ihn wegen Drogenhandels, denn Ekrem überschwemmt Berlin über die Balkanroute mit heißem Stoff. Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass Ekrem auch weiterhin im Organhandel unterwegs ist und Geschäfte mit einer Truppe Rechtsradikaler macht. Als Bosman Ekrem zu nahe kommt, wird er vom Jäger zum Gejagten. Jemand will ihm ein Verbrechen in die Schuhe schieben, das er nicht begangen hat. Bosman muss untertauchen, um seine Unschuld zu beweisen.

Erfolgreicher Drehbuchautor

Vor über einem Jahr legte Autor Clemens Murath seinen Debütroman vor. „Der Libanese“ erschien wie der aktuelle Nachfolgeband im Heyne-Hardcore Verlag. Gleichzeitig stellte der Roman den Auftakt einer Krimireihe um den LKA-Ermittler Frank Bosman dar. Wie seine Hauptfigur lebt Clemens Murath in Berlin. Als Drehbuchautor wurde er unter anderem für den Grimme-Preis nominiert (für den Fernsehfilm „Es ist nicht vorbei“). Bei der erfolgreichen MDR-Serie „Weissensee“ war Murath ebenso am Drehbuch beteiligt wie bei den Verfilmungen der Bannalec-Krimis „Bretonischer Stolz“und „Bretonische Flut“.Auch für die ARD-Serie „Mordkommission Istanbul“ und die ZDF-Serie „Der Kriminalist“ verfasste Murath die Skripte.

Der Kiez fehlt

Autor Clemens Murath liefert auch mit dem zweiten Band der Frank-Bosman-Reihe harte Krimikost ab. Dabei überzeugt er erneut neben einem durchdachten, wendungsreichen Plot auch mit einem Sammelsurium skurriler Charaktere und Typen. Was fehlt, ist die Leichtigkeit des ersten Bosman-Falls. Dies zeigt sich unter anderem in der Sprache des Romans. Zwar sparen die Figuren Muraths wiederum nicht an einer derben, vulgären Ausdrucksweise. Aber die leise Ironie, der Zynismus und die Banalität im Ausdruck fehlt diesmal etwas. Vielleicht liegt dies auch daran, dass der „Mikrokosmos Kiez“ - im „Libanesen“ noch der zentrale Handlungsort - diesmal nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Atmosphäre des Romans leidet darunter, dass Berlin fast zur Randnotiz verkommt.

Skurriles Figurentableau

Dafür gibt es aber wie bereits im ersten Band vollkommen durchgeknallte Figuren wie den gefallenen TV-Star Bruce Russo, der in die geplante Festnahme Ekrems verwickelt ist und sich später als Geisel den ganzen Tag besoffen mit seinem Entführer eine türkische Telenovela anschaut; einen Grafen, der die schwule Liberaldiktatur hinwegfegen und Deutschland zu altem Glanz führen will, und Nazi-Uwe, der im ersten Band an der Entführung von Bosmans Schwager Harry beteiligt war, und nun in die Umsturzpläne des Grafen involviert ist. Murath versteht es, die Figuren in ihrer ganzen Perversität stets am Rande der Überzeichnung darzustellen, so dass man als Leser oftmals nicht weiß, ob diese Charakteren Karikaturen sind oder traurige Realität.

Ambivalente Figuren

Da stört es auch überhaupt nicht, wenn selbst die Polizei gegen die Regeln verstößt, um den Verbrechern das Handwerk zu legen oder auch Kollegen zu schützen. Besonders Bosman und Schuster wissen durchaus ihre Kontakte zur Unterwelt zu pflegen. Die beiden erinnern in ihrem Auftreten an die Ermittler Diller und Kessel aus Georg M.Oswalds Kriminalroman „Unter Feinden“. Besonders Bosman ist ein Antiheld, der das Unglück regelrecht anzieht. Sein Handeln ist stets ein Drahtseilakt - und nicht selten stürzt er dabei ab. So sehr er sich bemüht: Auch der Spagat zwischen Beruf und Privatleben will ihm nicht so recht gelingen. Im Vergleich zum ersten Band gibt Clemens Murath seinem Protagonisten nun deutlich mehr Tiefe und Klarheit.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und an diversen Handlungsorten. Auch an Handlungssträngen spart Murath erneut nicht. Gerade zum Ende hin wirkt dies alles aber nicht ganz überzeugend, da der Erzählfluss darunter leidet. Des Weiteren gehört die Kiez-Figur Bosman einfach in sein Revier nach Berlin. So mangelt es leider am düsteren Hauptstadt-Sound des ersten Bandes.

Fazit

Die Stärke dieses Hardboiled-Krimis ist sein enormes Tempo, die eigenwillige und bizarre Figurendarstellung und sein cleverer Plot. Insgesamt fehlt es aber an Atmosphäre, die der Katalysator des ersten Bandes war. Vielleicht fängt Clemens Murath sie im nächsten Bosman-Fall wieder ein.

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