Der Libanese

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 480 Seiten

- Bd. 1 [Frank Bosman ermittelt]

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Thomas Gisbertz
Einer der interessantes Krimis des Jahres

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Apr 2021

Frank Bosman führt mit seinem Team vom LKA Berlin einen ziemlich hoffnungslosen Kampf gegen Arslan Aziz, den Kopf einer libanesischen Großfamilie, die das Drogengeschäft in der Stadt weitgehend kontrolliert. Als die albanische Mafia aggressiv auf den Markt drängt und Arslans Bruder Tarik einen Konkurrenten ermordet, sieht Bosman die Chance, den ganzen Clan zur Strecke zu bringen. Doch die Festnahme endet blutig, und der Ermittler bekommt mehr Probleme, als ihm lieb sein kann.

Verstrickte Beziehungen

Wegen der tödlichen Schießerei muss sich Bosman mit der internen Ermittlung herumschlagen. Zu allem Überfluss hat die junge Augenzeugin Nikki gesehen, dass Bosman den flüchtigen Merhan Yilmez eiskalt abgeknallt hat. Doch statt ihn in den Knast zu bringen, fühlt sich die junge Frau vom Ermittler angezogen, und macht sich an den verheirateten Bosman ran. Als wäre das noch nicht genug, stellt sich heraus, dass dessen Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent, in den Fall um die libanesische Großfamilie verwickelt ist; er schuldet Tarik eine Menge Geld, das er nicht zurückzahlen kann ...

Erfolgreicher Drehbuchautor

Der Libanese  ist der Auftakt einer Krimireihe um Ermittler Frank Bosman. Autor Clemens Murath lebt wie seine Hauptfigur in Berlin. Als Drehbuchautor wurde er unter anderem für den Grimme-Preis nominiert (für den Fernsehfilm Es ist nicht vorbei). Bei der erfolgreichen MDR-Serie Weissensee  war Murath ebenso am Drehbuch beteiligt wie bei den Verfilmungen der Bannalec-Krimis Bretonischer Stolz  und Bretonische Flut.  Auch für die ARD-Serie Mordkommission Istanbul  und die ZDF-Serie Der Kriminalist  verfasste Murath die Skripte. Nun legt er mit Der Libanese, erschienen im Heyne-Hardcore Verlag, seinen ersten Kriminalroman vor, dessen Fortsetzung bereits in Arbeit ist. 

Blockbuster in Romanformat

Eines vorweg: Das Krimi-Debüt des Drehbuchautors Clemens Murath bietet bestes Popcorn-Kino. Wer eine mehr als abgedrehte Story, sich überkreuzende Handlungsstränge und eine Mischung aus Gewalt, Brutalität, Humor, Sarkasmus oder Zynismus mag, der liegt bei diesem Roman absolut richtig: ein wahrer Pageturner, der bestens unterhält, weil er voller Überraschungen und Kontraste ist.

Zugegeben: Die Idee ist nicht neu. Der Plot ähnelt dem Stil der bekannten TNT-Serie 4 Blocks, besitzt die Atmosphäre der „Nachtschicht-Reihe“ von Lars Becker und die Coolness so mancher Guy-Ritchie-Verfilmung. In der Erzählweise erinnert Der Libanese an die Romane der US-Autoren Elmore Leonard, James Ellroy oder Don Winslow, die in den letzten Jahrzehnten sicherlich genrebildend für die Hardboiled-Krimis waren - und deren Extraklasse er (noch) nicht erreicht. Aber es ist absolut legitim, sich diesen Vorbildern zu nähern, da Clemens Murath darüber hinaus seinen ganz eigenen Stil findet und ihm letztendlich ein ausgezeichneter Roman gelingt, bei dem trotz kleinerer Schwächen die Stärken deutlich überwiegen.

Riesiges Figurentableau

Der Autor spart nicht mit interessanten Figuren und skurrilen Geschichten, aber auch traurigen Schicksalen: Da wäre zunächst Frank Bosman, korrupter Bulle und Mörder, der zusammen mit seinem Team gerne bei Razzien Drogen und Geld in einem „Rücklagen-Safe“ verschwinden lässt, um damit Informanten zu bestechen oder Zeugen zu helfen; Franks Schwester Helen, die gerade versucht, ihrer C-Promi-Karriere als Schauspielerin wieder Schwung zu verleihen, indem sie unter anderen während einer TV-Show im Rahmen der #Metoo-Debatte das Verhalten der Frauen als Naivität auslegt. Nebenbei lässt sie sich von ihrem ehemaligen Gärtner und jetzigen Yogalehrer Luis verwöhnen, der mit Hilfe des Drogendealers Bobo und Nazi-Uwe ihren Mann Harry entführt hat; ganz zu schweigen vom drogenabhängigen Transgender Skinny, der gerne Yeats-Gedichte liest, korrupten Bankern, auf das Übelste misshandelten Journalisten oder dem spießbürgerlichen Ehepaar Rainer und Heidi, die in einer beliebten Location für handverlesene Teilnehmer „Stutenreiten Royal“ anbieten. Insgesamt überfrachtet Murath die Handlung damit leider auch etwas, worunter letztendlich die Schärfe in der Figurendarstellung leidet und einige Protagonisten zu schablonenhaft erscheinen.

Brutale Milieudarstellung

Clemens Murath spart nicht mit derber, vulgärer Sprache und einer knallharten Ausdrucksweise. Nur so kann ein solcher Roman aber funktionieren, weil es den Leser in eine Welt eintauchen lässt, die ihn gleichzeitig fasziniert und abstößt.

Nicht selten muss man laut lachen, um im nächsten Moment angewidert kaum weiterlesen zu können. Es ist aber gerade diese Achterbahnfahrt, auf die der Autor den Leser mitnimmt und die den ambivalenten Alltag innerhalb der Kieze, die von Clans und Drogendealern beherrscht werden, aufzeigt. Da stört es überhaupt nicht, wenn selbst die Polizei gegen die Regeln verstößt, um den Verbrechern das Handwerk legen zu können. Dass auch der Antiheld Bosman letztendlich ein Guter ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er wöchentlich seinem Freund Achim bei der Tafel Geld zusteckt und sich - notfalls mit Gewalt - für seine Bekannte Jenny einsetzt.

Der Autor lässt seine Figuren durch die Bundeshauptstadt zirkulieren, einander begegnen oder nebeneinander existieren. Der Libanese ist mehr als nur ein Kriminalroman: Mit seinem Blick auf gescheiterte Existenzen, Menschen am Rande der Gesellschaft und dem sozialen Determinismus sowie einer gleichzeitigen Kontrastierung durch eine „schillernde“ Parallelwelt erscheint der Roman als eine Art (fiktionale) Studie des „Mikrokosmos Kiez“ - eine Lebenswelt, in der die Menschen auf verschiedene Art und Weise voneinander abhängig sind und sich gleichzeitig bekämpfen. Moral ist etwas, was sich die meisten Figuren in Muraths Roman nicht leisten können; gehandelt wird getreu dem Ausspruch Bertolt Brechts: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Leider gleitet Murath dabei auch immer wieder in Plattitüden ab, wirkt mitunter zu überdreht und verliert ab und an die Balance zwischen überdrehter Darstellung und Albernheit.

Fazit

Clemens Murath ist einfach ein starker Autor. Mehr muss man zu diesem fulminanten Krimi eigentlich gar nicht sagen: Skurril, brutal, zynisch, aber auch unfassbar komisch. Dabei erscheint der Roman wie ein Kaleidoskop und lässt uns ständig einen anderen Blick auf die Handlung, die Figuren und deren Motive werfen. Etwas mehr Tiefe und Klarheit in der Figurendarstellung im zweiten Band wäre aber noch wünschenswert. Dennoch: Ein mehr als vielversprechendes Debüt!

Der Libanese

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Letzte Kommentare:
10.04.2021 15:15:20
Jasminh86

Harter Stoff aus Berlin!

"Der Libanese" ist ein Hardboiled-Krimi von Clemens Murath und dem Verlag Heyne Hardcore, der Auftakt einer Krimiserie um Ermittler Frank Bosman. Politisch stimmt hier rein gar nichts und es wird mit illegalen Methoden ermittelt, von denen selbst ich das erste Mal lese. Drogenhandel, Prostitution, eine Geiselnahme und wer die größte Macht über Berlin hat, bieten in einem rasanten und krassen Krimi mit einem geschickten und gut durchdachten Plot auf jeden Fall unterhaltsame Lesestunden. Wer auf rassistische Anfeindungen sensibel reagiert, der sollte lieber einen großen Bogen um das Buch mit aktuellen Themen machen. Auch sollte man bei der Clan und Gossensprache nicht kleinlich sein. Auf jeden Fall ist hier immer wieder ein interessanter Wortschatz eingebaut, besonders der von den Libanesen. Ich fand ihn oft sehr amüsant, gelacht habe ich auf jeden Fall oft. Das "Alter" und "Du Opfer, ich weiß, wo Du wohnst oder aussiehst" ist bei einigen ja auch im normalen Leben der gängige Wortschatz. Das macht den Krimi sehr authentisch, im Gegensatz zu einigen Handlungen. Der Schreibstil gefällt mir richtig gut, denn er ist unheimlich flüssig, locker und vor allem modern. Die Protagonisten kommen alle zu Wort, so konnte ich dessen Gedanken und Handlungen besser nachvollziehen. Clan-Kriminalität wird ausführlich und realistisch beschrieben, der Autor hat hier leider die harte Realität aufgegriffen. Die Libanesen nehmen hier viel Raum ein, während die Albaner sich im Hintergrund halten. Jedoch merkt man deutlich die Bedrohung, die von ihnen ausgeht. 

Frank Bosman führt mit seinem Team vom LKA einen ziemlich hoffnungslosen Kampf gegen Arslan Aziz, den Kopf einer libanesischen Großfamilie, die das Drogengeschäft in Berlin weitgehend kontrolliert. Als die albanische Mafia aggressiv auf den Markt drängt und Arslans Bruder Tarik einen Konkurrenten ermordet, sieht Bosman die Chance, den ganzen Clan zur Strecke zu bringen. Doch die Festnahme endet blutig und Bosman kommt schwer unter die Räder. Nicht nur hat er die internen Ermittlungen wegen der tödlichen Schießerei am Bein, sondern er muss sich einer blutjungen Augenzeugin erwehren, die ihn jederzeit in den Knast bringen kann. Als wäre das noch nicht genug, stellt sich heraus, dass sein Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent, in den Fall verwickelt ist. Er schuldet Aziz eine Menge Geld, das er nicht zurückzahlen kann …

Verschiedene, brutale und spannende Handlungsstränge, die alle auf eine gewisse Weise zusammengehören, gehen auf die Konten von Arslan und Tarik Aziz. Der knallharte LKA-Ermittler Frank Bosman aus Berlin Jagd diesen mächtigen Gangsterclan, dabei ist ihm jedes, aber auch wirklich jedes Mittel recht. Mit seiner dicken illegalen Geldrolle pellt er im Stundentakt Scheine ab, um an Informationen zu gelangen und Bedürftigen unter die Arme zu greifen. Wenn Haustüren gewaltsam mit der Ramme geöffnet werden, dann hat das LKA wieder einmal Überraschungsbesuche unternommen. Interne Polizei-Wettbewerbe, wer jeden Monat am geilsten und brutalsten mit der Tür ins Haus fällt, sind mittlerweile Kult bei Bosman und seinen Kollegen. Mit seinem Kollegen Schuster hat er den perfekten Partner gefunden, denn er schreckt genauso wenig von illegaler Ermittlungsarbeit ab. Nachdem ihm Aziz wieder einmal durch die Lappen gegangen ist stellt Bosman klar, das er noch deutlicher zeigen muss, wer in Berlin das Sagen hat. Dabei begegnet ihn ein Pack nach dem anderen. 

Die Protagonisten sind bunt gemischt und dessen Charaktere sind gut ausgearbeitet, im Gegensatz zu Bosman. Obwohl er der Hauptprotagonist ist, wurde ich mit ihm nie ganz warm. Seine distanzierte und sture Art konnte mich oft nicht überzeugen. Er ist teilweise emotionslos und egoistisch. Die Aziz-Brüder sind aggressiv, beide wollen Ihr Revier beherrschen. Während Tarik ganz gerne vollen Körpereinsatz zeigt, seine Fäuste sprechen lässt und gelegentlich ein Messer zückt, ist Arslan eher der hinterhältige Typ, der Probleme auf seine ganz spezielle Art löst. Swingerkönig Rainer Butt und korrupte Banker kommen hier ebenfalls vor. Harry, Bosmans’ Schwager und erfolgloser Filmproduzent lässt sich auf ein heikles Geschäft mit Tarik ein. Nachdem er sein Geld gewaschen hat, kann er es ihm nicht mehr zurückzahlen. Zwei Messerstiche dank Tarik sind nur der Anfang. Während er zu flüchten versucht wird er dann schließlich auch noch entführt, Waterboardingaktionen haben ihn besonders zugesetzt. Die drei Obervolldeppen Luis, ein spanischer Yogalehrer mit prallem Hoseninhalt, Bong-Bobo der von einem eigenen Imbiss träumt und Uwe der Nazi wollen ebenfalls an das große Geld gelangen und starten eine Aktion, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Aber versuchen kann man es ja. Die weiblichen Protagonisten wie Bosmans' Schwester und Harrys’ Frau Helen, die sich erfolglos als Schauspielerin versucht, kommt hier auch gut rüber. Am allerbesten gefällt mir Nikki, die Augenzeugin der Schießerei wo Bosman den Drogendealer auf offener Straße abknallt. Sie ist TV-Praktikantin und anstatt Bosman zu erpressen, entdeckt sie dank ihm Ihre neue devote Seite, die sie in Ihren Sexblogs teilt. Die Damen sind nicht die hellsten Leuchten, jedoch passen sie hier gut rein. Ein Journalist, der über die Libanesen berichtet, bereut seine Reportage kurze Zeit später, da er dank Arslan unfreiwillig die griechische Sexualität kennenlernen musste und es werden Zeugen und Spitzel auf spezielle Weise zum Schweigen gebracht. Dieser bunt gemischte Haufen, der zum Berliner Clan- und Drogenmilieu passt, hat mir sehr gut gefallen und er hat mich wie erwähnt oft zum Lachen gebracht. 

Es werden mehrere Plots überkreuzt, die für rasante Action sorgen. Langeweile? Gibt es hier zu keiner Zeit. Denn der Autor, der ein erfolgreicher Drehbuchautor ist weiß, wann er zur richtigen Zeit das Tempo erhöhen muss, damit er seine Leser/innen komplett in den Bann zieht. Bei mir hat es auf jeden Fall geklappt und ich freue mich wahnsinnig auf den nächsten Band. Obwohl harte und obszöne Sexszenen nicht jedermanns Sache in einem Krimi sind, bekommt "Der Libanese" von mir verdiente fünf Sterne. 

10.04.2021 15:13:52
Jasminh86

01.03.2021 21:30:51
Luciferine

Der Spiegel sieht in dem Buch "eines der vielversprechendsten Krimidebüts seit Jahren". Naja, ich fand es nicht besser also so viele andere deutsche Krimis auch: sprachliche Klischees ersetzen psychologische Feinzeichnung, die auch bei "toughen" Romanen funktionieren sollte (siehe Sara Paretsky). Insofern leider keinen Deut besser als die Drehbücher, die er Autor sonst schreibt.

BEHIND THE DOOR
Der Raum. Die Tat. Das Rätsel.

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