Ein Präsident verschwindet

  • Rowohlt
  • Erschienen: Februar 2022
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Marcel Zenk
70°

Krimi-Couch Rezension von Marcel Zenk Mai 2022

Tabuthemen der deutschen Nachkriegsgeschichte

Im März 2022 jährte sich der Todestag von Otto John zum 25. Mal. Der Fall John ist ein brenzliges Thema in der deutschen Geschichte, das gerne unter den Teppich gekehrt wird. Umso lobenswerter ist es, dass sich Ralf Langroth damit auseinandersetzt und daraus einen Kriminalroman gemacht hat. Es ist sein zweites Buch um den Kriminalhauptkommissar Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe Bonn.

John: Verräter oder Patriot?

Im Jahr 1954 verschwindet der Verfassungsschutzpräsident Otto John und taucht in Ost-Berlin wieder auf. Konrad Adenauer betraut Gerber mit den Ermittlungen im Fall John. Bald findet er heraus, dass seine Geliebte, die Kommunistin Eva Herden, im Osten zusammen mit Otto John gesichtet wird. Herden gerät schnell unter Mordverdacht als ein Barbesitzer aus dem Rotlicht –Milieu, der sich innerhalb der Politik-Elite gut auskennt, getötet wird. Ist Eva eine Mörderin und Agentin der Kommunisten? Was wird aus Otto John? Und schafft es Gerber unbeschadet zwischen den Fronten der Geheimdienste zu ermitteln?

Hervorragend recherchiert

Bei einem Historischen Kriminalroman muss sich ein Autor immer entscheiden welchen Schwerpunkt er setzt: Recherche oder Plot. Langroth setzt den Schwerpunkt meiner Ansicht nach auf die Recherche. Das Buch besticht durch die Wiedergabe der historischen Fakten und ist sehr gut recherchiert. Dabei kommen jedoch die Charaktere zu kurz und sind eher konturlos. Insofern hätte ich mir mehr Tiefe und charakterliche Entwicklungen gewünscht. Vor allem aus dem Dilemma von Gerber, der auf Seiten der BRD ermittelt und trotzdem eine Kommunistische Geliebte hat, hätte man mehr machen können.

Besonders deutlich und mit Hintergrundrecherche zeigt Langroth auf, wie viele Nazis auch noch in Adenauers Bundesrepublik an hohen Positionen saßen. So wird lieber mit Faschisten zusammengearbeitet als dass man sich auch nur einen Zentimeter auf den Osten zu bewegt. Insofern ist der Fall John beispielhaft für den Kalten Krieg, da Otto John als ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die Nazis nun auch in der Bundesrepublik Bekanntschaft mit alten Feinden macht und zwischen die Fronten gerät.

Eine Mischung aus Fiktion und Wahrheit

Schlussendlich legt Langroth den Finger auf eine alte Wunde der deutschen Geschichte. Im Zentrum steht die Frage, ob John freiwillig in den Osten gegangen ist oder ob er entführt wurde. Am Ende beantwortet der Autor diese Frage auf seine eigene Art und Weise und verpackt sie in einen Plot aus Verschwörung und James Bond - Agentenstil. Die Auflösung gelingt ihm, wenn auch etwas an den Haaren herbeigezogen. Auch wenn die Sowjetunion am Ende nicht gut wegkommt und Adenauer als Kommunisten-Begnadiger dargestellt wird, obwohl er es in Wirklichkeit nie war, regt das Buch zur Recherche an, was ein guter historischer Kriminalroman im besten Fall sollte.

Fazit

Ralf Langroth stattet den Leser mit viel geschichtlichem Hintergrundwissen aus und traut sich als einer der wenigen an Tabuthemen der deutschen Nachkriegsgeschichte heran. Leider geht die gute Recherche-Arbeit aber zu Lasten der Charaktere, die ausgereifter hätten sein können.

Ein Präsident verschwindet

Ralf Langroth, Rowohlt

Ein Präsident verschwindet

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