Der blonde Hund

  • Pendragon
  • Erschienen: Februar 2022
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Sabine Bongenberg
85°

Krimi-Couch Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2022

Der braune Mob erhebt sein Haupt

Die Berliner Polizei beginnt, sich auf neue Zeiten und auf neue Ermittlungsmethoden einzustellen und mittendrin steckt Ariel Spiro – schon länger Kommissar, noch nicht so lange in Berlin, erst seit Kurzem Hobby-Boxer und gerade erst fester Freund der bezaubernden aber eigenwilligen Nike Fromm. Er bekommt es bei seinem neuen Fall mit einem brutalen Mord an einem Journalisten zu tun, der auch nicht gerade berühmt dafür war, seine Geschichten sorgfältig zu recherchieren und umsichtig zu verfassen, gehörte er doch zum „Völkischen Beobachter“. Immerhin – ein paar verwertbare Spuren führen nach Süddeutschland und zu einer neuen Partei, deren Oberhaupt von Einigen regelrecht vergöttert wird. Hier setzt Spiro mit seinen Ermittlungen an und hat doch überhaupt keine Ahnung davon, dass gerade diese Partei ein gewaltiges Reich errichten und dazu auf gar keinen Fall schlechte Publicity zulassen will…

Unwissenheit und Dummheit sind wiederauferstanden

In ihrem dritten Roman um den Kommissar Ariel Spiro führt Kerstin Ehmer ihre Leser/innen wieder in das Berlin der berühmten „goldenen Zwanzigern“, die langsam, langsam ihren Zenit überschritten haben. Sicher – es wird noch gefeiert, als gäbe es kein Morgen, Séancen und Geisterbeschwörungen scheinen die Religion abgelöst zu haben und wer schick sein will, lässt sich sein eigenes Horoskop erstellen. Noch liegt die Weltwirtschaftskrise in weiter Ferne, dennoch verschärft sich insbesondere durch eine rechtsradikale Partei und ihren charismatischen Führer der Umgangston.

Auch Ariel Spiro, der gar nicht dem mosaischen Glauben angehört, erfährt allein aufgrund seines Namens die ersten Anfeindungen. Trotz oder gerade wegen dieser Gegensätze, gelingt es Kerstin Ehmer beeindruckend, das Leben des damaligen Berlins lebendig und zum Anfassen vorzustellen: Da sind der knurrige, bärbeißige Berliner Kollege Bohlke, der elegante Mitbewohner Jake mit seinem „Hoppla-jetzt-komm’-ich“-Charme und auch die kapriziöse Nike mit ihrer leicht überdrehten Familie. Es sind alles Charaktere, die einem – nicht nur nach der Lektüre von drei Bänden – ans Herz wachsen und das um so mehr, wenn man bedenkt, dass ihrer bald entsetzliche Zeiten und Entscheidungen harren. Erzählt wird alles konsequent im Präsenz, das ist manchmal ein wenig ungewohnt, führt aber andererseits auch zu einer besonderen Nähe zu den handelnden Personen.

Ein gut besetzter und durchdachter Krimi

Ehmer zeichnet nicht nur ein realistisches Bild Berlins der damaligen Zeit, sondern es ist ihr auch gelungen, einen gut besetzten und durchdachten Krimi vorzustellen. Spiro ermittelt in einem neuen Fall, der genauso gut der politischen Abteilung zugeordnet werden könnte, scheint doch eine neue Bewegung die Finger im Spiel zu haben. Bereits jetzt zeigt sich, wie schwer es ist, sich den Strömen der neuen Partei, die ihre Fangzähne bereits in viele Bereiche geschlagen hat und offensichtlich eine Säuberung in ihren eigenen Reihen durchführt, entgegen zu stemmen.

Manches Mal ist man als Leser geneigt, den Satz mit dem sich schlagenden und sich vertragenden Pack zu zitieren, dennoch ist es die Stärke des Kommissars und der Autorin zu sagen, dass kein Mord ungesühnt bleiben sollte. Gut gefiel mir übrigens in den Nebenhandlungen auch, dass bereits erste recht moderne Elemente vorgestellt werden, die wir auch heute noch kennen. So haben die Globuli ihren ersten Auftritt – und zeigen auch in aller Deutlichkeit, womit sie überfordert sind – und auch die Waldorfschule und ihre eigenen Methoden werden vorgestellt. Schön und unaufdringlich erzählt ist auch, wie die Liebesgeschichte zwischen Spiro und Nike weiter geht und wie sich die Frage aller Beziehungen löst, ob es denn jetzt zwischen den beiden etwas Ernstes oder nur eine kurzlebige Romanze ist. Was mir bei aller Liebe nicht so gefiel war, dass eine große Bühne dem – für mich so empfundenen – Hokuspokus eingeräumt wird. Vieles wurde von Séancen, Horoskopen und eigenartigen Sitzungen berichtet und das hätte für meinen Geschmack kürzer ausfallen können.

Fazit

Kerstin Ehmer vereint eine lebendige Geschichte mit mitreißenden Darstellern und einem spannenden Krimi. Nicht zu übersehen ist allerdings auch, dass die Zeiten dunkler und bedrohlich werden und bereits jetzt weiß der Leser, dass er sich von lieb gewonnenen Protagonisten wird verabschieden müssen. Dennoch bin ich jetzt schon auf den nächsten Spiro gespannt!

Der blonde Hund

Kerstin Ehmer, Pendragon

Der blonde Hund

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