Old Bones - Die Toten von Roswell

  • Knaur
  • Erschienen: August 2022

- Ein Fall für Nora Kelly und Corrie Swanson 3

- Übersetzung: Michael Benthack

- Originaltitel: "Diablo Mesa"

- Paperback

- 400 Seiten

Old Bones - Die Toten von Roswell
Old Bones - Die Toten von Roswell
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Tod am Ground Zero der Alien-Gläubigen

Nora Kelly hat die ständigen Intrigen am Arbeitsplatz satt. Wo eigentlich zum Wohle der Menschheit geforscht werden sollte - im Archäologischen Institut Santa Fe, US-Staat New Mexico -, wurde ihr gerade eine verdiente Beförderung verwehrt. Frustriert kündigt sie - und ist damit bereit für ein Angebot des märchenhaft (erfolg-) reichen Privatunternehmers Lucas Tappan, der Kelly für sein aktuelles Projekt anheuern will.

Normalerweise hätte er keine Chance, denn Tappan will einen Ort untersuchen lassen, an dem kein echter Wissenschaftlicher gesehen werden will: In Roswell, New Mexico, ist Anfang Juli 1947 angeblich ein außerirdisches Raumschiff abgestürzt. Die US-Army hat das Gefährt und seine toten Insassen bergen und untersuchen lassen, leugnet aber den Vorfall bis heute, um ihr Wissen nicht mit der Welt teilen zu müssen.

Immer wieder gab es ungeschickte Vertuschungs- und Täuschungsbemühungen, von denen sich Verschwörungstheoretiker und Spinner und nun auch Lucas Tappan nicht bremsen ließen. Er schafft es, sich eine Ausgrabungsgenehmigung für Roswell ausstellen zu lassen. Eine ‚richtige‘ Archäologin soll diese leiten. Die skeptische Kelly kann der Faszination nicht widerstehen, zumal sich der stattliche Tappan auch privat für sie interessiert.

Doch es gibt Schwierigkeiten. Die ‚Absturzstelle‘ ist womöglich keine, der eigentlich Ort des Aufpralls liegt woanders. Der Fund zweier Skelette hängt womöglich mit einer sehr irdischen Spionageaffäre der späten 1940er Jahre zusammen. Im Hintergrund sorgt eine mächtige Gruppe dafür, dass Lappan und Kelly möglichst viele Steine in den Weg gelegt werden. Als dies nicht fruchtet, werden die Attacken mörderisch …

Ein legendäres ‚Geheimnis‘ will nicht sterben

Die Aliens von Roswell sitzen in einem Boot mit dem Ungeheuer von Loch Ness und dem Yeti: Sie alle existieren nicht, was diejenigen, die fest vom Gegenteil überzeugt sind, erbittert leugnen, ohne jemals überzeugende Beweise vorlegen zu können. So wurden die genannten Spukgestalten zum Auslöser moderner Mythen, die sich um Glaubhaftigkeit nicht scheren müssen. Das wiederum lockt die Unterhaltung. Sie macht sich den Mythos zunutze, was die Arbeit erleichtert, weil zentrale ‚Informationen‘ quasi Allgemeingut geworden sind. Das Internet hat in diesem Punkt dafür gesorgt, dass buchstäblich die ganze Welt eingeladen ist, sich zum Thema zu äußern.

Dass die Wahrheit hinter Roswell längst bekannt ist, ändert daran nicht das Geringste.  Das ‚Geheimnis‘ ist zum Lebensinhalt meist selbst ernannter ‚Fachleute‘ geworden, die ihre Existenzberechtigung aus einem ‚Wissen‘ saugen, das sich dank ewiger Ringschlüsse, behaupteter ‚Fakten‘ und geleugneter Spinnereien zu einer Nische gemausert hat, deren Grenzen den Attacken der Realität problemlos standhalten.

Douglas Preston und Lincoln Child sind zwar ausgebildete Naturwissenschaftler, doch die Frage nach der Wahrheit ist auch für sie unwichtig. Sie legen jährlich zwei neue Thriller vor und freuen sich über jede Zeitersparnis. Der Roswell-Mythos ist für sie ein idealer Steinbruch, aus dem sie sich holen, was sie für die rasche Schöpfung eines unterhaltsamen Science-Thrillers benötigen.

Die (allzu schwierige) Kunst der Andeutung

Die beiden Autoren sind Vollprofis der Populärkultur. Sie mischen geschickt Fakten und Fiktion und schaffen damit das Umfeld für eine spannende Geschichte. Auch „Die Toten von Roswell“ lässt sich wieder glatt und gut lesen. Das Tempo ist hoch, und stets gibt es ‚überraschende‘ Wendungen, die das Geschehen in eine neue Richtung treiben.

Die ‚Als-ob‘-Anführungsstriche deuten an, dass es mit der Einlösung dieses Anspruchs Schwierigkeiten gibt. Preston & Child geben sich viel Mühe mit einem Trommelfeuer vielversprechender Andeutungen, die auf einen scheinbar wahren Hintergrund der Roswell-Ereignisse hinweisen. Technobabbel à la „Star Trek“ hebt die eigentlich ziemlich langweilige und mühevolle Arbeit der Archäologen auf ein Hightech-Level, das plausibel wirkt, aber nicht ist.

Der langwierige Prozess einer Ausgrabung wird effektbetont zusammengestrichen sowie durch weitere Spannungselemente ergänzt, die dem Krimi und dem Thriller zuzuordnen sind. Jenseits der Aliens munkeln auch Mächte jenseits der ohnehin für jede Schweinerei offenen US-Geheimdienste. In diesem Umfeld agiert Corrie Swanson, die vorgeblich als Agentin für das FBI tätig ist, während sie tatsächlich die meiste Zeit gegen lähmende Vorschriften und blockierende Vorgesetzte anrennt. Hier ist sie zusätzlich lange das Opfer einer Täuschung, die nicht raffiniert ist, sondern von Swanson als solche überhaupt erst erkannt werden kann, als die Finsterlinge von sich aus die Masken fallenlassen.

Das Baukasten-Prinzip

Die allzu leichtgewichtige Struktur dieses Mystery-Thrillers offenbart sich, je näher das Finale rückt. Angeblich welterschütternde Erkenntnisse relativieren sich, weil die Autoren nicht gänzlich ins Genre Science Fiction wechseln wollen. „Die Toten von Roswell“ erweist sich außerdem als zusammengeflanschte Folge abenteuerlicher Episoden, die oft folgenfrei verpuffen bzw. sich als Treibstoff für eine Handlung erweisen, deren roter Faden eher ausgefasert als stabil ist; da verglüht ganz nebenbei  schon mal eine ganze Pechvogelgruppe.

Eine enttäuschend matte Figurenzeichnung unterstreicht den Eindruck einer Instant-Lektüre. Nora Kelly und Corrie Swanson sind farblose Charaktere, die indes vor Leben sprühen, wenn man sie mit Klischee-Knallchargen wie Bruder Skip - schon der Spitzname kennzeichnet den übereifrig-naiven Tölpel - oder Geheim-Killer Lime vergleicht. Sprudelhirn Lappan ist eine (sehr schmeichelhafte) Elon-Musk-Kopie, die u. a. für einen Epilog sorgt, in dem die Autoren offenbar schmerzliche Erfahrungen verarbeiten: Lappan sorgt mit viel Geld für einen Sieg der idealen, d. h. lobbyfreien Wissenschaft und lässt Politiker und Karrieristen dumm dastehen.

Man kann dieses Buch lesen und dabei ganze Seiten oder Kapitel überspringen, ohne wirklich den Handlungsfaden zu verlieren, der ständig auf eine neue Spule wechselt. Hinter dem Effekt-Getöse kommt so ein krudes, aber im Rahmen eines ohnehin hanebüchenen Mythos‘ funktionstüchtiges und rasantes Garn zum Vorschein, das sich im Finale selbst zerlegt, weil Action-Routinen kein Ersatz für eine themenorientierte Auflösung sind. Die wird zwar nachgereicht, entpuppt sich jedoch nur als ‚Teaser‘, der - vielleicht - in weiteren Romanen der Serie aufgegriffen wird.

Fazit

Band 3 der „Old-Bones“-Serie verwickelt Wissenschaftlerin Nora Kelly und FBI-Agentin Corrie Swanson in ein Geschehen, das sich aus Mystery und Krimi bzw. Thriller bedient. Das Ergebnis ist saubere, aber ideenarme Routine = das typische Produkt zweier trivialliterarischer Fließbandarbeiter.

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