Des Kaisers Schnupftabakdose

Erschienen: Januar 1964

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Emperor's Snuff-Box”

- New York : Harper & Brothers 1942

- London : Hamish Hamilton 1943

- Rüschlikon/Zürich : Albert Müller Verlag 1947 [AM-Auswahl 70]. Übersetzung: Max Bertschinger. 188 Seiten. [keine ISBN]

- Frankfurt/Main - Berlin: Ullstein Verlag 1964 [Ullstein-Krimi 996]. Übersetzung: Max Bertschinger. 150 Seiten. [keine ISBN]

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Michael Drewniok
Der Ruf ist (wichtiger als) das Leben

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

Zwar ist Eve Neill Engländerin, aber sie hat sich in Frankreich niedergelassen, nachdem ihre Ehe mit dem stattlichen, aber emotional labilen, gern handgreiflich werdenden Ned Atwood in die Brüche ging. An der nordfranzösischen Picardie- Küste lebt sie zurückgezogen in La Bandelette, wo sie allmählich zur Ruhe kommt - und sich neu verliebt. Horatio „Toby“ Lawes vergöttert sie, und seine Familie nimmt Eve mit offenen Armen auf.

Toby Vaters, Sir Maurice, genießt einen gewissen Ruf als Sammler oft kostspieliger Antiquitäten. Aktuell freut er sich über den Erwerb einer Schnupftabakdose, die einst Napoleon Bonaparte gehörte. Sohn Toby schwebt ebenfalls im siebten Himmel, denn Eve hat seinem Heiratsantrag angenommen.

Im fernen New York erfährt Ex-Gatte Atwood davon. Er gedenkt ‚seine‘ Frau keineswegs aufzugeben, reist nach La Bandelette und sucht Eve des Nachts in ihrem Haus auf. Da sie keinen Skandal heraufbeschwören will, duldet sie seine Anwesenheit, die einen unerwarteten Höhepunkt findet: Durch das Schlafzimmerfenster beobachten Eve und Ned den Mord an Sir Maurice.

Ned hat den Mörder gesehen, Eve jedoch nicht. Das ist fatal, denn aufgrund einer Kette unglücklicher Zufälle gerät Eve ins Visier der örtlichen Polizei. Ned, der ihre Unschuld beweisen könnte, liegt nach einem unglücklichen Sturz im Koma. Polizeipräfekt Goron zögert dennoch mit einer Verhaftung, denn ein guter Freund, der berühmte Kriminal-Psychologe Dr. Dermot Kinross, hält Eve für unschuldig und beginnt mit eigenen Nachforschungen …

Ganz im Hier und Jetzt

Mit „Des Kaisers Schnupftabakdose“ präsentiert uns John Dickson Carr einen seiner frühen und daher gelungenen Kriminalromane. Ungewöhnlich ist der Verzicht auf jegliche Schauereffekte, die der Autor liebte und normalerweise reichlich in seine oft skurrilen Mordgeschichten einfließen ließ. La Bandelette ist ein mondäner, moderner Ort ohne Spukhäuser, verwunschene Moore oder sonstige Schummer-Stätten, an denen es angeblich umgeht.

Dazu passt eine weibliche Hauptfigur, die ihre Gedanken ungern in die Vergangenheit schweifen lässt. Eve Neill ist Opfer eines Mannes geworden, der sie als sein Eigentum betrachtet. Während ihrer Ehe hat er sie geschlagen und - Carr deutet es düster an - mit perversen Bett-Praktiken behelligt. Erstaunlich gegen den Zeitgeist beurteilt der Autor dies als niederträchtig: 1942 hatte die Ehefrau dem Gatten zu gehorchen, bis er die Schwelle zur Körperverletzung überschritt - falls sie dies publik machen wollte sowie beweisen konnte.

Dass Eve Neill sich einem buchstäblich peinlichen Verhör entziehen will, sorgt für das elementare Problem ihrer Verteidigung. Heute wirkt ihre Zurückhaltung fragwürdig oder sogar ärgerlich. Wieso schont sie den Widerling Ned, statt ihn mit einem Arschtritt endgültig abzuservieren oder ihn wenigstens wegen Belästigung vor Gericht zu bringen?

Wie man sich selbst ein Bett stellt

Doch die Gesellschaft funktionierte 1942 anders, und da diese Geschichte im genannten Jahr spielt, verankert sie Carr im zeitgenössischen Moralkodex. Der ist wie gesagt schwer begreiflich, obwohl er plausibel dargestellt wird: Wir befinden uns in einer Welt, in der eine Frau ihren Bräutigam anzeigen kann, weil er sein „Eheversprechen“ gebrochen hat. Auf dem Heiratsmarkt gilt sie damit als ‚beschädigte Ware‘, was durch Geld wenigstens teilweise ausgeglichen werden soll.

Umgekehrt gilt schon der nächtliche Aufenthalt eines Mannes im Schlafzimmer einer Frau als Beweis ihrer ‚Schuld‘. Vor allem in Frankreich mag niemand Eve Glauben schenken, dass nichts ‚passiert‘ ist, als Ned sie ‚besucht‘ hat. Weil ihr dies bewusst ist, bemüht sie sich krampfhaft, Neds Anwesenheit in ihrem Haus geheim zu halten - und genau dies ist der Auslöser für eine aus Missverständnissen und Zufällen geschmiedete Klinge, die womöglich Eves Kopf vom Hals trennen wird: In Frankreich wird die Todesstrafe 1942 mit der Guillotine vollstreckt. (Wird auf ein „Verbrechen aus Leidenschaft“ befunden, landet sie ‚nur‘ für einige Jahre auf der Teufelsinsel, der berüchtigten französischen Strafkolonie vor der Nordostküste Südamerikas …)

Eve verheddert sich in einem Wust selbst verursachter ‚Indizien‘, die sie entweder als Mörderin oder ‚loses Frauenzimmer‘ brandmarken. 1942 bedeutet beides das gesellschaftliche Aus. Der „Skandal“ bedingt eine Furcht, die den Lebenswillen durchaus überstrahlen kann. Hinzu kommen die fragwürdigen Praktiken einer (französische) Polizei, die in ihrer Ermittlungsmethodik noch tief in der Vergangenheit steckt. Sobald eine Indizienkette geknüpft ist, wird verhaftet, vor Gericht gestellt und hingerichtet. Wer diesen Ablauf unterbricht, gilt als Ärgernis.

Der Retter in der Not

Diese Situation bedarf eines Ritters. In diese Rolle schlüpft Dr. Dermot Kinross, einer jener Ermittler, die jenseits eingeschliffener Methoden arbeiten und deshalb in der Lage sind, hinter die Kulissen zu blicken. In unserem Fall bedeutet dies erst einmal, dass Kinross Eve tatsächlich Glauben schenkt, als sie zögerlich irgendwann ihre ‚Schande‘ gesteht.

Zudem ist Kinross fähig, hinter dem kruden, durch Eves Verhalten zusätzlich verkomplizierten Geschehen ein Verbrechen zu orten. Wie es sich für einen klassischen Rätselkrimi gehört, werden die entsprechenden Hinweise in einem „Großen Finale“ aufgelistet und nunmehr korrekt interpretiert. Was Eve ‚sah‘, stellt sich als geschickt geschürte Illusion heraus. Dafür muss Carr die Ereignisrealität arg gegen den Strich bürsten. Wie er hier beweist, gelingt ihm dies in seiner besten Zeit mit spielerischer Leichtigkeit. (Das zeigt auch das souveräne Ignorieren der titelgebenden Tabakdose, die für das eigentliche Geschehen belanglos ist.)

Zwar lässt Carr final ‚die Liebe‘ so, wie sie für Eve ‚richtig‘ ist, obsiegen und gibt damit dem zeitgenössischen Ethik-Affen Zucker. Nichtsdestotrotz prangert er (stellvertretend für die Gesamtsituation) mehrfach die moralische Heuchelei in La Bandelotte an - und dies mit deutlichen Worten! Immerhin kehrt Eve nach England zurück und lässt damit die voreingenommenen Franzosen hinter sich …

Fazit:

Dieser für Autor Carr ungewöhnliche, weil auf ‚gotisches‘ Grusel-Beiwerk verzichtende Roman entwickelt einen ohnehin vertrackten Kriminalfall, der durch zeitgenössische Moral - bzw.  Bigotterie - eine zusätzliche Spannungskomponente erfährt: gelungenes Werk eines Verfassers auf der Höhe seines Könnens.

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