Eine Uhr steht still

Erschienen: Januar 1949

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Bowstring Murders“

  • New York : William Morrow & Co. 1933
  • London : William Heinemann Ltd. 1934
  • Bern : Scherz Verlag 1949 [als „Carter Dickson“] (Die schwarzen Kriminalromane 25). Übersetzung: N. N. 192 S. [keine ISBN]
  • Frankfurt/Main - Berlin - Wien 1970 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1303). Übersetzung: N. N. 166 Seiten. [keine ISBN]

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Michael Drewniok
Moderne Mordserie in mittelalterlicher Burg

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Auf Schloss Bowstring, gelegen in der englischen Grafschaft Suffolk in Sichtweite der Ostküste Englands, führt Lord Henry Rayle sein kauziges Regiment. Man könnte ihn für übergeschnappt halten, aber weil er von Adel sowie reich ist, gilt er stattdessen als „exzentrisch“, und seine Launen werden geduldet. Francis und Patricia, die Kinder aus erster Ehe, haben es nicht leicht mit dem versponnenen Vater, der allerdings in einem Punkt enorme Anerkennung genießt: Lord Henry nennt eine der weltgrößten und wertvollsten Sammlungen mittelalterlicher Rüstungen und Waffen sein Eigentum, weshalb ihn immer wieder Wissenschaftler besuchen.

Aktuell sind Sir George Anstruther, Historiker und Direktor des Britischen Museums, und Dr. Michael Tairlaine von der Universität Harvard (USA) seine Gäste. Vor allem letzterer ist gespannt auf die Schätze, zumal er den Hausherrn beraten soll. Soweit kommt es nicht, denn noch am gleichen Abend wird Lord Rayle im Waffensaal von Bowstring ermordet - erwürgt mit der Sehne einer ausgestellten Armbrust, wobei der Mörder offensichtlich zwei uralte Panzerhandschuhe trug!

Ausgerechnet Tairlaine saß zum Zeitpunkt des Mordes in der Bibliothek. Nur hier konnte man den Saal betreten, aber der Wissenschaftler war müde und hat nicht aufgepasst. Das ist fatal für Patricia, die man ohnmächtig neben dem toten Vater findet. Sie beteuert ihr Unwissen über das Geschehene, sagt aber offenkundig nicht die ganze Wahrheit. Noch bevor die Polizei erscheint, entdeckt Francis - der neue Lord Rayle - das Hausmädchen Doris. Sie wurde ebenso bizarr wie Lord Henry erdrosselt. Da Inspektor Tape offenkundig mit dem Fall überfordert ist, ruft Francis einen lokalen Kriminalisten zur Hilfe. John Gaunt ist ein ebenso genialer wie unkonventioneller Ermittler, was er den staunenden Schlossbewohnern (und der Polizei) umgehend demonstriert …

Die pure Freude am bizarren Schrecken

1933 war er keine 30 Jahre alt, kerngesund und trug einen mit kruden Ideen prall gefüllten Kopf auf seinen Schultern: Im dritten Jahr seiner schriftstellerischen Karriere sprudelte John Dickson Carr vor Schaffensdrang förmlich über. Um dies zu kanalisieren und den Buchmarkt nicht mit Titeln aus seiner Feder zu überfluten, schlug ihm sein Verleger vor, Werke unter Pseudonym zu veröffentlichen. Carr war nicht begeistert, aber einverstanden, weshalb ein Autor namens „Carr Dickson“ für den Roman „The Bowstring Murders“ verantwortlich zeichnete. Mit diesem Alias waren beide Seiten unzufrieden, weshalb auf dem Cover der britischen Erstausgabe von 1934 „Carter Dickson“ das Licht der Welt erblickte; unter diesem Namen erschien der Roman fünfzehn Jahre später auch erstmals in deutscher Sprache.

Carr schwärmte für das ‚alte Europa‘, wobei er die anekdotenreiche Überlieferung der historischen Realität vorzog. Verfallende Schlösser, tiefe Keller, finstere Wälder u. a. Orte, an denen es aufgrund früherer Übeltaten angeblich spukte, zogen ihn magisch an. Carr bereiste den Kontinent und zehrte später von seinen Erfahrungen. Schloss Bowstring ist eine Hommage an legendenträchtige Festungen, die Carr kennengelernt hatte. Als Schriftsteller konnte er eliminieren, was ihn real störte, weshalb Bowstring eine ‚echte‘, d. h. nie zerstörte oder nachträglich umgebaute Anlage des Mittelalters ist - eine trutzige Burg mit dicken Mauern, kleinen Fenstern und unzähligen dunklen Winkeln.

‚Natürlich‘ muss eine Anlage wie Bowstring durch Ritterrüstungen und zeitgenössische Waffen, Standarten und Wandteppiche geprägt sein, während elektrisches Licht, Telefon oder eine Zentralheizung zwar notgedrungen existieren - gar zu weit trieb Carr die Liebe zum Anachronismus nicht -, aber kaum präsent sind. Carr stattet Bowstring nicht nur mit dem entsprechenden Inventar aus, sondern bevölkert das Schloss mit kuriosen Gestalten, die mehrheitlich nur bedingt rational wirken, was den Ermittler ausdrücklich einschließt.

Was könnte geschehen sein?

Carr liebte das Übernatürliche und gab ihm auch literarisch Raum. Als Autor von Kriminalgeschichten war er jedoch ein Purist bzw. Anhänger jener Schule, zu denen Ronald A. Knox und die Mitglieder des „Detection Club“ zählten; auch Carr war (obwohl US-Amerikaner, aber im Herzen) einer der ihren. Demnach galten sowie der Einsatz ‚jenseitiger‘ Kräfte als auch der ‚überraschende‘ Einsatz bisher geheimer Gänge als faule, verbotene Tricks. Als Dr. Tairlaine Francis nach einem „Hausgeist“ fragt, verneint dieser ausdrücklich eine solche Existenz: Hinter dem unheimlichen Treiben auf Bowstring steckt also ein Mensch!

Freilich sah sich Carr nicht verpflichtet, dem (vorgegaukelten) Horror deshalb ein Ende zu bereiten. Auf Bowstring geht es immer stärker um, was nicht nur die Zahl der Leichen sondern auch die Spannung steigert, denn letztlich muss alles erklärt werden - eine Herausforderung, an der viele Autoren scheitern, die ein Garn spinnen, es aber final nicht entwirren können. Carr selbst fing sich in seinen späten Jahren in dieser Falle. 1933 konnte er sein Spiel noch auf die Spitze treiben, d. h. ein Rätsel entwerfen, das in erster Linie sich selbst genügte = die Leser zufriedenstellte. Die Realität stand höchstens im Hintergrund. Man vermisst sie heute nicht. Viele Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung sorgen gerade die ‚Verstöße‘ gegen ein stringentes Krimi-Geschehen für Vergnügen.

Mit atemberaubender Gleichgültigkeit in Sachen krimineller Logik lässt Carr einen Mörder los, der Reaktionsdruck in mörderisches ‚Genie‘ ummünzt. Dieses Urteil muss und wird man nicht teilen, obwohl John Gaunt es mehrfach bekräftigt. Freilich ist er keineswegs der ideale Kandidat für eine solche Einschätzung. Carr selbst deutet mehrfach nicht nur an, dass Gaunt psychisch angeschlagen sowie ein Trinker ist, dessen Ruf nach diversen spektakulären Ausfällen gelitten hat.

Sehr verdächtig, auf jeden Fall seltsam

Tatsächlich ist Gaunt so, wie der Verfasser ihn uns präsentiert, nur ein weiterer ‚typischer‘ Carr-Ermittler, dessen Brillanz primär behauptet, aber nur bedingt unter Beweis gestellt wird. Wie Dr. Gideon Fell, Sir Henry Merrivale oder Henri Bencolin hüllt sich Gaunt in ein Schweigen, das durch vage Andeutungen unterbrochen, aber nie begründet wird. Schon eine Stunde nach seiner Ankunft auf Bowstring habe er den Täter identifiziert, gibt Gaunt an, aber statt ihn zu nennen, inszeniert er quasi eine Ermittlung, die sämtliche Zeugen, Inspektor Tape sowie die (hoffentlich staunenden) Leser auf die Folter spannt, bis Gaunt final geruht, sein Wissen mit uns zu teilen.

Ohne Scheu bevölkert Carr Bowstring mit einer Schar wahrlich außergewöhnlicher Figuren, wobei der bald verblichene Lord Rayle den Vogel abschießt. Im Vordergrund steht auch hier das Rätsel, weshalb selbst die nicht überspitzten Charaktere zumindest Archetypen bleiben; hier ist vor allem Michael Tairlaine als eigentliche Zentralfigur zu nennen. Aus seiner Perspektive wird diese Geschichte erzählt, ohne dass er deshalb ein echtes Profil gewinnt. Inspektor Tape ist der typische Pompös-Polizist, der voreilige Schlüsse zieht und vor allem den Fall abschließen will, sodass Gaunt ihn bremsen und vor der Blamage und einem Justizirrtum bewahren muss, der aufgrund der Fall-Raffinesse in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen ist.

Die Auflösung erfolgt klassisch in großer Runde, d. h. unter Anwesenheit sämtlicher Hauptfiguren, unter denen sich selbstverständlich der Täter verbirgt, auch wenn ihm nicht mit großer Geste die Maske vom Gesicht reißen kann; Carr sorgt für eine finale Action-Szene. Was anschließend als ‚Erklärung‘ präsentiert wird, kann im Definitionsrahmen des Rätselkrimis bestehen: Carr hat die „red herrings“ eingeschlagen, und sie halten einen in sich schlüssigen Plot. Mehr verlangt niemand. Die ‚reine‘ Form des „Whodunit“, der ohne den später oft ausufernden ‚Realitätsbezug‘ sehr gut bestehen kann, sorgt jedenfalls dafür, dass „Eine Uhr steht still“ seinen Unterhaltungswert nicht eingebüßt hat.

Anmerkung: Normalerweise muss vor den Neuauflagen älterer Titel in der Reihe der „Ullstein-Krimis“ gewarnt werden, doch für „Eine Uhr steht still“ wurde die ursprüngliche Übersetzung ungekürzt übernommen, was einen kostengünstigen antiquarischen Erwerb begünstigt.

Fazit:

In einem liebevoll beschriebenen ‚Spukschloss‘ inszeniert Autor Carr ein kurios-genial verwirbeltes Mord-Rätsel. Er kümmert sich nicht um die Realität, sondern schafft der unterhaltsamen Verwirrung eine Nische, in der sie zu einem weiterhin lohnenden Lektüre-Vergnügen heranwachsen kann.

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