Kant und der sechste Winter

  • Heyne
  • Erschienen: November 2021

- Die Kommissar-Kant-ermittelt-in-München-Reihe (1)

- Taschenbuch, Klappenbroschur

- 320 Seiten

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Thomas Gisbertz
82°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Gisbertz Nov 2021

Neues Ermittlerteam aus München

Ausgerechnet am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags wird Hauptkommissar Joachim Kant zu einem Tatort im Münchner Ortsteil Obermenzing gerufen. Der junge Anwalt Benedikt Spicher liegt tot im Schnee. Alles sieht zunächst nach einem Verkehrsunfall auf vereister Fahrbahn mit anschließender Fahrerflucht aus. Allerdings hat eine Anwohnerin eine seltsame Beobachtung gemacht: Die Rentnerin Irene Seifert will gesehen haben, wie der Fahrer des Unfallwagens ausstieg und das bereits am Boden liegende Opfer mit bloßen Händen erwürgte. Erst danach ergriff der Unbekannte die Flucht. Kant und das Team der Münchner Mordkommission nehmen die Ermittlungen auf.

Dunkle Geheimnisse

Die Spuren führen die Polizeibeamten immer wieder in ein kleines Dorf am nahe gelegenen Ammersee. Schelfing ist nicht nur der Heimatort des verstorbenen Benedikt Spicher. Der Anwalt vertrat dort auch seit einiger Zeit einen Mandanten, der gegen den Bebauungsplan der Gemeinde klagte. Doch der ansässige Bürgermeister zeigt sich im Rahmen der Ermittlungsarbeiten diesbezüglich wenig kooperativ. Dass dessen drogenabhängiger Sohn vor Kurzem erfroren in einem alten Heuchschober gefunden wurde, scheint den Ortsvorsteher ebenfalls wenig zu interessieren. Darüber hinaus waren Spicher und der Sohn des Bürgermeisters alte Schulfreude. Für Kant und sein Team sind dies zu viele Zufälle und Ungereimtheiten. Offenbar hüten die Einwohner von Schelfing mehr als nur ein dunkles Geheimnis.

Neue Krimireihe aus Bayern

Autor Marcel Häußler wurde 1970 in Essen geboren. Um die Jahrtausendwende arbeitete er in Köln als Kameraassistent und Cutter, ehe ihn die Liebe aus der Großstadt in ein bayerisches Dorf verschlug. Zwei Jahre später zog es ihn aus der Provinz nach München, wo er bis heute wohnt. Er veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten, schrieb an Drehbüchern mit und übersetzte über dreißig Romane aus dem Englischen.

„Kant und der sechste Winter“ ist der erste Fall für Kriminalhauptkommissar Joachim Kant und sein Team der Münchner Mordkommission.

Feine Figurenzeichnung

Marcel Häußler gelingt ein unaufgeregter Kriminalroman mit einer guten, wenn auch nicht ganz klischeefreien Figurendarstellung (alkoholkranke und geschiedene Ermittler). Die Hauptfigur Kant lebt seit mittlerweile 12 Jahren von seiner Frau Konstanze getrennt, die ihm noch heute an allem die Schuld gibt - weil er sie damals verlassen hat und weil er sich zu wenig um seine 16-jährige Tochter Frida kümmert. Diese ist erst vor Kurzem bei ihm eingezogen und mit der (vor-)weihnachtlichen Ruhe und Besinnlichkeit ist es schnell vorbei. Dennoch kommen die beiden bestens miteinander klar, weil Kant beruflich stark eingebunden ist und Frida dadurch ihren als Teenagerin nötigen Freiraum bekommt. Der Kommissar ist ein umtriebiger Ermittlertyp, der aber ein gutes Gespür für die Eigenarten, aber auch Sorgen seiner Kollegen hat. Das braucht es auch, da sein Team in der Zusammensetzung kaum heterogener sein könnte. Kant ist jemand, der durch seine klare, stringente Art die Gruppe leitet und mit gutem Beispiel vorangeht.

Die Figurendarstellung weiß auch deshalb zu überzeugen, weil sie mit viel Feingefühl gelingt. Die Ermittler sind keine Superhelden, sondern mitunter empfindsame Charaktere, und für die Bewohner Schelfings steht an erster Stelle nicht unbedingt Recht und Gesetz, sondern der Dorffrieden. Diesen gilt es ebenso zu erhalten wie die kleine, aber leider nicht ganz so heile Welt. Alles nimmt seinen Anfang bei einer ehemalige Schulclique und ein schicksalhaftes Ereignis vor einigen Jahren, das die Freunde trennte.

Auf den Punkt gebracht

Man merkt dem Roman an, das hier jemand schreibt, der als Übersetzer zahlreicher Werke aus dem Englischen ein gutes Gespür für die richtigen Worte besitzt und darüber hinaus unter anderem als Mitverfasser von Drehbüchern über ausreichend Erfahrung im Filmgenre verfügt. Autor Häußler gelingt es nämlich in beeindruckender Weise, einen spannenden und temporeichen Kriminalroman zu schreiben, ohne dabei alles episch unnötigerweise in die Länge zu ziehen. Hier ist keine Seite, kein Wort zu viel. Am Ende wundert man sich, was Häußler alles auf 317 Seiten untergebracht hat. Langeweile: Fehlanzeige. Gleichzeitig schreit der Roman regelrecht danach, verfilmt zu werden.

Dass das Ermittlerteam lange im Dunklen tappt, da ihnen bei der routinemäßigen Arbeit ein Anfängerfehler unterläuft, trübt den positiven Gesamteindruck zwar ebenso etwas, wie die etwas überzeichnete Darstellung des Täters - dessen Motiv jedoch zutiefst traurig ist - , dennoch wird man bestens unterhalten. Und das ist es schließlich, was einen guten Kriminalroman am Ende ausmacht.

Fazit:

AutorMarcel Häußler gelingt mit „Kant und der sechste Winter“ ein starker Debütroman, der durch eine straffe, klare Handlung, viel Feingefühl bei der Figurendarstellung und einem überraschenden Ende überzeugt. Kant und sein Team dürfen gerne in Serie gehen.

Kant und der sechste Winter

Marcel Häußler, Heyne

Kant und der sechste Winter

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