Die schmutzige Stadt

Erschienen: Januar 1964

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Demoniacs“

- New York: Harper & Row Publishers 1962

- London : Hamish Hamilton Limited 1962

- Bern - Stuttgart - Wien : Scherz Verlag 1964 (Die Schwarzen Kriminalromane 213). Übersetzung: Margret Haas. Cover: Anton Stankowski. 188 S. [keine ISBN]

- Berlin : epubli 2020. (Apex Crime 78) Übersetzung: Margret Haas. ISBN-13: 978-3-7502-9567-4 [Hardcover] bzw. ISBN: 978-3-7502-9558-2 [Paperback]

- Berlin : epubli 2020 [eBook]. Übersetzung: Margret Haas. ISBN-13: 978-3-7487-3244-0

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Michael Drewniok
Mord-Spuk auf der London Bridge

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Im London des Jahres 1757 übt Jeffrey Wynne, Spross einer guten, aber verarmten Familie, ein übel beleumundetes Gewerbe aus: Er ist einer der „Diebeshäscher“, die im Auftrag des (blinden!) Richters Sir John Fielding nach flüchtigen Schurken fahnden. Dass er sich dafür bezahlen lassen muss, ist für ihn als „Gentleman“ ein besonderer Tiefschlag. Immerhin schätzt der Richter den unbestechlichen jungen Mann und lässt ihm sogar Freiraum für ‚private‘ Aufträge.

Gerade war Wynne für Sir Mortimer Ralston in Frankreich, wo er dessen Nichte und Mündel Mary Margaret suchte und fand. Die temperamentvolle junge Frau war aus ihrem Heim geflüchtet, weil sich dort die bösartige Lavinia Cresswell breitmacht. Sir Mortimer ist ihr verfallen, und Mary fürchtet, wegen ihres reichen Erbes mit Lavinias Bruder, dem Spieler und Wüstling Hamnet Tavernish, verheiratet zu werden. Dabei liebt sie nur Jeffrey Wynne, der dies zwar erwidert, jedoch aufgrund leerer Taschen die Eheschließung scheut; erst will er es zu etwas bringen, was die ungeduldige Mary nicht tolerieren will.

Die Situation verkompliziert sich, als Jeffrey und Mary Zeuge des Mordes an einer alten Frau werden. Die ‚Hexe‘ Grace Delight stirbt - offenbar vor Schreck - in ihrem Haus auf der ohnehin verrufenen London Bridge. Was hat sie gesehen? Richter Fielding reagiert auffällig unlustig auf Jeffreys Bestreben, den Fall aufzuklären. Zudem scheint er die böse Lavinia zu unterstützen, die Mary im Gefängnis sehen will, um sie für ihre Eskapaden zu strafen.

Freilich treibt Fielding wie üblich ein doppeltes Spiel. Er setzt den ahnungslosen Wynne quasi als Köder ein. Das ist gefährlich, denn es sind hochgestellte, vom Gesetz schwer fassbare Persönlichkeiten in den Mordfall Grace Delight verwickelt, der sich als Teil eines Komplotts entpuppt, das weit in die Vergangenheit zurückreicht und zahlreiche Personen erfasst, die Jeffrey Wynne entweder umbringen oder (scheinbar) helfen wollen …

Die Liebe zum Schatten

Zeit seines Lebens liebte John Dickson Carr verrufene Orte mit üblen Vorgeschichten, über die er in seinen Werken gern erzählte, selbst wenn sie mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hatten. Er sorgte auf diese Weise für eine ‚gotische‘ Atmosphäre scheinbaren Spuks, der an düsteren Stätten umzugehen schien.

Dahinter kamen stets diesseitige Machenschaften zum Vorschein, denn Carr gehörte zu jener Schule klassischer Krimi-Autoren, die übernatürliches Wirken als faulen Trick verdammten. Die Logik stand über der Story, die sich deshalb final als Menschenwerk schürzen lassen musste. Die schmutzige Stadt stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar.

Dass er kriminelles Tun dieses Mal in die Vergangenheit verlegte, befreite Carr zumindest teilweise vom Korsett der rationalen Aufklärung. Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte London zwar zu den größten Städten der Welt, doch ein Besucher aus der Gegenwart wäre sich absolut fremd in dieser Metropole vorgekommen. Politik, Kultur und Alltagsleben folgen seltsamen Vorschriften und Regeln, wobei sie das, was wir heute als „Menschenrechte“ (oder „Hygiene“) bezeichnen, systematisch auszuklammern schienen.

Tod & Teufel!

Carr schwelgt behaglich in entsprechenden Szenen. Sie begleiten eine Krimi-Handlung, die heutzutage so unmöglich wäre. Nicht das Recht bzw. seine Durchsetzung steht im Vordergrund, sondern der gesellschaftliche Status des Individuums. Adel, Klerus, Militär, Bürger- und  Arbeiterschaft: Die Schicht beeinflusst sämtliche Aspekte der Existenz. Dass Gesetzesverstöße geahndet werden, steht längst nicht fest, denn vor allem der adlige „Gentleman“ sieht sich nicht in der Pflicht, einem schnöden, ihm keineswegs ebenbürtigen „Gaunerhäscher“ wie Jeffrey Wynne Rede und Antwort zu stehen. Dieser pocht umsonst auf seine Legitimation und gerät schnell in Lebensgefahr: Ein „Gentleman“ sieht rasch seine Ehre befleckt und greift zum Degen, um sie zu verteidigen. Folgt dem ein tödlicher Stich, gilt dies nicht als Mord, sondern als Zeichen der Gerechtigkeit: Gott hat dem Sieger die Hand geführt.

Ansonsten regiert - immerhin dies klingt vertraut - Geld diese Welt. Dass Wynne sich nicht bestechen lässt, gilt als wahres Wunder. Mörder lassen sich für ein paar Goldmünzen dingen, ‚Zeugen‘ kann man deutlich günstiger einkaufen. Obwohl Wynne quasi ein Beamter ist, darf er nebenbei kassieren, wenn es sein Chef ihm genehmigt. Juristen manipulieren und arbeiten gezielt mit Vorurteilen, um ihre Klienten ins Gefängnis bzw. frei zu bekommen. Wer sich keinen guten Anwalt leisten kann, landet im Loch oder am Galgen. „Gnade vor Recht“ ist in dieser Ära ein unbekanntes Sprichwort.

Das Stadtleben ist auch sonst chaotisch, weil ohne echte Reglementierung oder Planung. Man baut, wo und wie man will. Die „London Bridge“ droht unter den an ihren Seiten errichteten ‚Häusern‘ einzustürzen. Man zimmert und hämmert ohne Rücksicht windschiefe, wackelige Verschläge zusammen, die sich als Feuerfallen erweisen. Sie sind eng, zugig - und schmutzig, was Epidemien ausbrechen lässt, die ganze Stadtviertel ausrotten. Es gibt keine Kanalisation, keine Frischwasserversorgung, keine Beleuchtung, die über Fackeln (draußen) und Kerzen (innen) hinausgeht. So entstehen Gettos, in die sich die wenigen ‚Gesetzeshüter‘ und selbst Soldaten höchstens tagsüber und gruppenweise wagen. Das Verbrechen blüht, die grausamen Strafen schrecken niemand ab.

Ehrenmann in mehreren Klemmen

Dies ist die Welt, in der Jeffrey Wynne versucht, ein ‚echter‘ Ehrenmann zu bleiben. Damit bindet er sich quasi selbst einen Arm auf dem Rücken fest, denn jeder Mann und jede Frau nutzt um des Vorteils willen ‚Abkürzungen‘ und setzt auf ‚Beziehungen‘. Autor Carr dreht um der Dramatik willen zusätzlich an dieser Schraube und verwickelt den Helden in ein Komplott, das Wynnes Leben und Ruf gleichermaßen bedroht. Wie es sich für einen Rätsel-Krimi gehört, bleiben die Verantwortlichen und ihre wahren Motive spannungsförderlich so lange wie möglich verborgen.

Wenn Wynne sich suchend durch die Stadt bewegt, lernen wir die lokalen Verhältnisse aus seiner Sicht kennen. Carr sorgt dafür, dass dies mindestens ebenso aufregend ist wie das kriminelle bzw. kriminalistische Geschehen. Zwar ist Wynne moralisch in seinen Möglichkeiten eingeschränkt; dennoch bleibt er ein Fisch im Wasser der zeitgenössischen Haupt- und Halbwelt, weshalb er den ihm gestellten Fallen immer wieder entkommt. Im Hintergrund hält Richter Fielding - eine historisch reale Figur (1721-1780) - einerseits schützend die Hand über Wynne, nutzt ihn aber gleichzeitig als Spürhund wider Willen aus; eine Ungewissheit, die Carr spannend über der Handlung schweben lässt.

Wynnes Achillesferse ist die Liebe zur kapriziösen Mary Margaret. Mit seinen weiblichen Figuren konnte Carr seinen Nachruhm nicht begründen. Mary Ralston ist ein besonders unrühmliches Beispiel. Carr gedacht offenbar eine ‚moderne‘ Frau vor der Kulisse einer strikt anti-feministischen Vergangenheit zu schildern. Gelungen ist ihm dies höchstens in Ansätzen. Marys Dauerzorn auf ihre restriktive Umwelt wirkt überaus verständlich, wenn ihr Onkel laut darüber nachdenkt, ihre ‚Unschuld‘ = ihren Wert als Braut ärztlich überprüfen zu lassen. Nichtsdestotrotz ist Mary eine Nervensäge, die nie denkt, sondern handelt und das Falsche sagt, wenn sie schweigen sollte, Wynne entweder auf der Pelle hockt oder wieder einmal beleidigt genau dorthin flüchtet, wo Feinde auf sie lauern. Wieso Wynne Mary nicht in einer der kindisch selbst heraufbeschworenen Notlagen versauern lässt, bleibt ein Rätsel bzw. spiegelt die Macht wahrer Liebe wider …

Fazit

John Dickson Carrs Spätwerke sind in der Regel keine Meisterwerke. Auch „Die schmutzige Stadt“ ist weniger ein spannender oder logischer Historien-Krimi, sondern lebt von der farbenfrohen (bzw. schmutzigen) Kulisse einer fernen und fremden Vergangenheit, vor der Carr eine ganze Palette heute so nicht mehr möglicher Verbrechen präsentiert: kurios und lesenswert.

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