Mord in Parma

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 352 Seiten

- Bd. 1 [Paolo Ritter ermittelt]

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Thomas Gisbertz
Monk 2.0 ermittelt in der Emilia-Romagna

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2021

Paolo Ritter ist der beste Mann beim bayerischen LKA. Dabei ist er alles andere als ein gewöhnlicher Ermittler: Ritter ist informeller Mitarbeiter im Bereich Fallanalyse und Tathergangsrekonstruktion. Das Besondere an ihm ist sein episodisches Gedächtnis, d.h. er kann nichts vergessen. Was im Beruf nützlich ist, wird privat schnell zu einer Belastung. Ritters aktueller Auftrag klingt simpel: Er soll in München aufgefundene NS-Raubkunst nach Parma überstellen. Die Übergabe eines verschollenen Gemäldes des Malers Correggio läuft nach Plan. Am nächsten Tag erhält Ritter aber einen merkwürdigen Anruf des Kurators der Galerie Nazionale, Umberto Tantaro. Dieser muss dringend mit dem deutschen Ermittler sprechen. Als Ritter Tantaro in dessen Wohnung aufsucht, findet er den Kurator aber nur noch tot vor ...

Rückkehr nach Italien

Paolo Ritter verbindet mit Italien eher negative (Kindheits-)Erinnerungen. Dies liegt nicht nur am ungeliebten Strandurlaub mit der Familie, sondern auch an seinem Bruder Felix, der sich in Italien niedergelassen hat und zuletzt Besitzer eines Hotels war. Seit einem Streit hatten beide jahrelang keinen Kontakt mehr miteinander. Vor längerer Zeit verstarb Felix dann an Krebs. Ritter nutzt den Aufenthalt in Parma, um das kleine Hotel seines verstorbenen Bruders in Cervia, einer Stadt an der Adria, aufzusuchen. Dort lernt er die temperamentvolle Lucia kennen, eine ehemalige Geschäftspartnerin von Felix, die im leerstehenden Hotel lebt. Kurzerhand macht der deutsche Ermittler sie zu seiner Assistentin, um im Mordfall des Kurators zu ermitteln - sehr zum Missfallen von Commisario Aldo Borghesi.

Versteckspiel um Autor

In letzter Zeit ist es immer mehr Mode geworden, Autoren mit einem Pseudonym auszustatten, wenn diese bereits Romane in einem anderen Genre veröffentlicht haben. Grundsätzlich ist dies auch eine gute Idee, um bei den Lesern nicht falsche Erwartungen zu schüren. Warum man aber nicht den Namen des „deutschen Erfolgsautors“, wie der Rowohlt Verlag ihn nennt, verrät, bleibt ein Rätsel.

Zumindest erfährt man über Dani Scarpa, dass ein Teil seiner Familie noch heute in Italien lebt und er „alle Aspekte des deutsch-italienischen Zusammenlebens aus nächster Nähe kennt“.

Mord in Parma  ist Scarpas erster Kriminalroman um Paolo Ritter, einen deutschen Ermittler, den es (zunächst) wiederwillig in die Emilia-Romagna verschlägt. Ein weiterer Band ist bereits in Planung.

Nicht vergessen können

Es ist verständlich, wenn Autoren ihren Protagonisten ein Alleinstellungsmerkmal geben wollen, um sich diesbezüglich abzugrenzen. Gerade dies will hier aber (noch) nicht richtig gelingen: Ein informeller Mitarbeiter, der Angst vor Bakterien oder großen Menschenansammlungen hat, sich ständig die Hände desinfiziert, seine speziellen Eigenarten besitzt, ein Meister in der Rekonstruktion des Tathergangs ist und vor allem über eine phänomenale (Kombinations-)Gabe besitzt, erinnert doch zu sehr an den neurotischen Privatdetektiv Adrian Monk, die Titelfigur der gleichnamigen US-amerikanischen Comedy-Krimiserie.

Anders jedoch als dieser leidet Ritter an einem hyperthymestischen Syndrom, d.h. er kann sich an jeden Tag (seit er acht Jahre alt war) erinnern, weil bei ihm das episodische Gedächtnis besonders stark entwickelt ist. Sogar Sinneseindrücke und Gefühle, die er damals empfunden hat, sind ihm im Gedächtnis geblieben. Interessant wird es im Roman aber immer dann, wenn ihm Personen aus der Gegenwart, aber auch seiner Vergangenheit - z. B. sein Bruder Felix oder der ermordete Kurator - erscheinen und er sich mit ihnen unterhält. Sie helfen ihm, sich das bewusst zu machen, was er bereits erlebt habt, ohne deren Bedeutung zu erkennen. Diese Episoden sind wirklich gelungen und äußerst interessant.

Pro und Kontra

Insgesamt fällt auf, dass der Roman immer dann zu überzeugen weiß, wenn Autor Dani Scarpa auf die italienische Lebensart und Herzlichkeit der Figuren eingeht. Es entsteht ein wundervolles Sommergefühl, wenn Ritter mit Lucia und Thomas bei dessen Mutter abends am Tisch sitzt und Mamma Gianna für sie kocht und sie umsorgt. Von einer klischeehaften Darstellung ist Scarpa dabei weit entfernt, denn nicht selten weist er darauf hin, dass sich auch die Italiener in ihrem Verhalten in den letzten Jahren verändert bzw. angepasst haben. Auch gibt es zahlreiche humorvolle Episoden, die bestens unterhalten; so zum Beispiel, wenn Ritter etwas unbeholfen mit einer Archivarin flirtet, um an Informationen zu gelangen.

Hinsichtlich der Kriminalgeschichte wirkt der Roman aber noch zu konstruiert. Commissario Borghesi, in seinem beigefarbenen Trenchcoat, wirkt in seinem Auftreten überzogen, mitunter auch albern. Sein Verhalten Ritter gegenüber ist schon als manisch zu bezeichnen, da er diesen immer mit seiner deutschen Ex-Frau vergleicht.

Ein weitere „schwache“ Figur ist Julia Wagner. Die Kriminaloberkommissarin ist seit zwei Jahren mit Ritter zusammen. Sie wird vollkommen hölzern dargestellt. Dass sie etwas zu verbergen hat und deshalb auch den Heiratsantrag ihres Freundes nicht annimmt, ist allzu offensichtlich. Nur dem ansonsten so grüblerischen Ermittler fällt dies nicht auf. Auch dass sich der deutsche Ermittler am Ende dafür entscheidet, in Italien zu bleiben, ist keine Überraschung. Dafür legt der Autor zu viele erkennbare Spuren im Laufe der Handlung - insbesondere, da sich der Ermittler immer mehr mit der italienischen Lebensart anfreundet und diese zu schätzen weiß.

Altbekanntes und wenig Neues

Genau das ist aber die Schwäche des Romans: Es gibt im Verhalten und Zusammenspiel der Figuren zu wenig Überraschungen. Vieles ist zu vorhersehbar und offensichtlich. Des Weiteren fehlt es den Charakteren noch an Ecken und Kanten. Dabei ist der Fall um den ermordeten Kurator durchaus spannend, aber auch hier löst sich alles am Ende zu einfach auf. Der Roman unterhält durch seine Erzählweise und seine authentische Atmosphäre, aber wirklich Neues hat er leider nicht zu bieten.

Fazit

Wer gerne nach Italien verreist, die typisch italienische Lebensweise mag oder einen spannenden Sommer-Krimi sucht, für den ist Mord in Parma sicherlich eine lohnenswerte (Urlaubs-)Lektüre. Der Roman bietet viel Flair und Dolce Vita, macht aber noch viel zu wenig aus dem sicherlich vorhandenen Potential.

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