Roulett der Rächer

Erschienen: Januar 1971

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Dark of the Moon“

- New York: Harper & Row Publishers 1967

- Bern - München : Scherz Verlag 1971 (Scherz-Krimi 366). Übersetzung: Eva Tabory. Cover: Heinz Looser. 157 Seiten [keine ISBN]

- Bern - München : Scherz Verlag 1978 (Scherz-Krimi 684). Übersetzung: Eva Tabory. 157 Seiten. [keine ISBN]

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Michael Drewniok
Drei unmögliche Morde in drei Jahrhunderten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Im US-Staat South Carolina hat der Mathematiker Henry Maynard die unweit der Großstadt Charleston gelegene Villa seines kürzlich verstorbenen Bruders bezogen. Mit seiner Tochter Madge lebt er dort zurückgezogen, was die junge Frau nicht mehr dulden mag: Sie ist mannbar geworden, und mindestens zwei junge Herren buhlen mächtig um ihre Gunst.

Maynard scheint sich den Tatsachen zu beugen. Er hat sogar Gäste eingeladen, um Leben in das Haus zu bringen. Zu ihnen zählt der prominente Kriminalist und Detektiv Dr. Gideon Fell, den Maynard allerdings unter einem Vorwand zu sich bat: Da gäbe es einige seltsame Vorfälle, die womöglich Vater und Tochter in Gefahr bringen könnten.

Bevor Fell vom Hausherrn näher in Kenntnis gesetzt werden kann, wird Maynard mit eingeschlagenem Schädel auf der Terrasse gefunden. Von der Mordwaffe gibt es keine Spur, und auch sonst hat sich nachweislich niemand dem Opfer genähert. Dies nährt eine alte Spukgeschichte - denn zwei der Maynard-Vorfahren wurden ebenfalls von unsichtbarer Hand umgebracht.

Captain Ashcroft von der zuständigen State Police ist überfordert und froh über Fells Anwesenheit. Verdächtig sind sämtliche Personen, die sich zum Zeitpunkt des Mordes im Haus befanden. Ihre Alibis sind mürbe, dennoch kann niemand mit dem Mord in Verbindung gebracht werden. Zu allem Überfluss erscheinen auf einer Tafel mehrfach anonyme Botschaften mit Hinweisen auf den Täter oder die Täterin.

Niemand darf das Haus verlassen, denn einer der Anwesenden muss für den Mord verantwortlich sein. Der Druck steigt, nicht alle sind ihm gewachsen. Madge Maynard verbirgt eindeutig etwas; haben sie und einer ihrer Geliebten den lästigen Henry aus dem Weg geräumt? Oder geht tatsächlich der Geist des bösen Piraten Nathaniel Skeene um ..?

Kein Ende mit Schrecken, sondern voller Trauer

Es ist traurig, wenn ein Schriftsteller, der einst und ausdauernd gut zu unterhalten wusste, auf den sprichwörtlichen Hund kommt. Noch schlimmer wird es, wenn dieses Schicksal die Inspiration tötet, aber den Schreibfluss nicht unterbricht: John Dickson Carrs Niedergang lässt sich deutlich nachvollziehen, weil er trotz seines Verfalls nie zu schreiben aufhörte. Ein schwerer Schlaganfall, der ihn teilweise lähmte, seine Alkohol- und Nikotinsucht und schließlich eine Lungenkrebs-Erkrankung sorgten spätestens ab 1963 für eine Serie von Romanen, deren Handlung nur noch reine Routine vorantrieb.

Roulett der Rächer (der deutsche Titel ist absolut sinnfrei) ist der 23. und letzte Krimi mit Dr. Gideon Fell in der Rolle des Ermittlers; ihn hatte ein junger und genialer Carr 1933 erstmals auftreten lassen. Fell wurde ein Klassiker des Rätselkrimis - denn der Autor trieb nicht nur das übliche Spiel mit der Identität des jeweiligen Mörders, sondern ersann eine Fülle ebenso ‚unmöglicher‘ wie ausgeklügelter Mordaktionen, die nicht selten übernatürliches Wirken suggerierten.

Carr liebte Spukgeschichten und ‚verfluchte‘ Orte. Immer wieder ließ er seine Krimis dort spielen, wo einst Schauerliches geschehen war und womöglich gegenwärtig nachwirkte. Die entsprechende Gruselstimmung wurde zu seinem Markenzeichen. Dessen ungeachtet war Carr ein Anhänger der „Fair-Play“-Regel, nach der die Lösung eines Kriminalrätsels unbedingt rational sein musste. In seiner besten Zeit gelangen Carr diesbezügliche einige Sternstunden, weshalb sein Ruf unter den schwachen Spätwerken nur marginal litt.

Junge Liebe vs. Southern Gothic

1967 war die Zeit für Dr. Fell abgelaufen. Der „Whodunit“, der seinen Aufstieg auch Carr verdankte, war von formal wie inhaltlich moderneren, die Gegenwart widerspiegelnden Kriminalgeschichten ersetzt bzw. in eine Nische abgedrängt worden. Carr war sich dessen bewusst. Zwar fehlte ihm nicht der Wille, aber die Kraft, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten; seine Werke wurden zusehends anachronistischer und wirkten altmodisch. In Roulett der Rächer sorgen diverse staubige Liebeshändel nicht für zusätzliche Spannung, sondern für Verdruss, weil sie die zentrale Handlung nicht bereichern, sondern aufhalten.

Buchstäblich in einer zeitlichen Nische siedelt Carr den Mordfall Maynard an: Das Haus des Opfers ist ganz klassisch abgelegen und isoliert. Die dort Anwesenden sind alle verdächtig, und eine/r von ihnen wird sich tatsächlich als Übeltäter/in herausstellen. Carr sorgt zusätzlich für wallenden Nebel und üppiges Unterholz. Ansonsten wird die Historie quasi lebendig, wenn ins späte 18. und 19. Jahrhundert zurückgeblendet wird. Carr spielt mit der Geschichte von Charleston, erinnert an hier einst hausende Piraten oder den Amerikanischen Bürgerkrieg und an lokale Prominenz, wobei er den Schriftsteller Edgar Allan Poe keineswegs vergisst!

Leider entpuppen sich diese Reminiszenzen an alte Zeiten als reine Schaumschlägerei: Das Roulett der Rächer würde sich auch ohne sie wie geschmiert drehen. Sehr offensichtlich rekapituliert Carr mechanisch, was er früher geschmeidig in die Handlungen seiner Romane einfließen ließ. Historische Rätsel existierten nicht isoliert vom Fall, sondern unterfütterten ihn - und zwar spannend und glaubwürdig.

Im Haus der langweiligen Leute

Der Plot ist weniger komplex als kompliziert, vor allem aber schlecht konzipiert. Was ist von einem Krimi zu halten, der um einen faktisch sinnlos verworrenen Mord kreist? Es gibt keinen Grund, Henry Maynard auf die letztlich enthüllte Weise zu töten. Carr will den Mord unbedingt mit den beiden historischen Mordrätseln verbinden, die er uns zuvor geschildert hat. Das sorgt nicht nur für einen grundlos ‚mysteriösen‘ Tatverlauf, sondern auch für eine Ermittlung, die viel Zeit in einen Rätsel-Background investiert, der diesen Aufwand nicht wert ist.

Das Geschehen leidet zusätzlich unter der schwachen Figurenzeichnung. 1967 war es einfach lächerlich, wenn erwachsene Männer in der Werbung um eine Frau zu dummen Jungs degenerierten, die sich wie in einer Komödie aus den 1930er Jahren benahmen. Die daraus erwachsenden Verdachtsmomente sind reine Zeitverschwendung und lassen den dünnen Handlungsfaden zusätzlich ausfasern. Ebenfalls eine Zumutung ist Carrs Frauenbild: Die drei weiblichen Figuren sind Nervensägen, die entweder die erwähnten dummen Jungs ‚fraulich‘ zappeln lassen = auf ihre Eignung als Ehegatten prüfen, oder in Ohnmacht fallen, wenn etwas (nach Carrs Willen) ‚Schockierendes‘ vorfällt.

Kein gutes Bild gibt bei seinem letzten Auftritt Gideon Fell ab. Seit jeher waren seinen ‚Ermittlungen‘ Alleingänge, die von dramatischen, aber unverständlichen Andeutungen begleitet wurden. Früher konnte Carr dies handlungsintensiv nutzen, nun wird es mechanisch abgespult. Wie Fells Geistesblitze sich in Erkenntnisse verwandeln, muss in einem Epilog geklärt werden, was selten ein gutes Zeichen ist. In diesem Fall kommt die sang- und klanglose Auflösung noch offener ‚Geheimnisse‘ ernüchternd hinzu; der Mord kann zu den Akten gelegt werden. Auch die Leser können ihn vergessen - sie sollten lieber zu einem Carr-Roman greifen, der Spannung nicht nur verspricht, sondern auch liefert!

Fazit

Obwohl sämtliche Elemente des typischen John-Dickson-Carr-Krimis bemüht werden, wollen sie sich nicht zu einer spannend-unheimlichen Geschichte fügen, sondern müssen zueinander gezwungen werden. Der 23. und letzte Thriller um Ermittler Dr. Gideon Fell ist trotz der weiterhin beachtlichen Verfasserroutine ein Schatten einstigen „Whodunit“-Glanzes.

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