Furien im Finstern

Erschienen: Januar 1969

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Bats Fly at Dusk“

- New York : William Morror & Company, Inc. 1942)

- Frankfurt/Main - Berlin : Ullstein Verlag 1969 (Ullstein-Kriminalroman 1270). Übersetzung: Daphne Andersch.  159 S. ISBN-13: 978-3-548-01270-4

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Michael Drewniok
Tödliche Gerechtigkeit - per Fledermaus

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Bertha Cool, schwergewichtige Chefin einer kleinen Detektei, ist noch missgestimmter als üblich. Ihr Partner Donald Lam hat sie im Stich gelassen - so sieht Berta das - und sich der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika angeschlossen: Die Welt befindet sich in diesem Jahr 1942 im Krieg, und Lam will seine Bürgerpflicht erfüllen. Für solchen Idealismus hat Berta Cool kein Verständnis. Sie stellt fest, dass ihr der gewitzte Lam im Geschäft fehlt, und sieht sich gezwungen, wieder selbst auf der Straße Detektivarbeit zu leisten. Schlimmer noch: Der aktuelle Auftrag, der zunächst nach leicht verdientem Honorar aussah, übersteigt womöglich Bertas Fähigkeiten!

Der blinde Straßenhändler Rodney Kosling hat sie engagiert, weil ihm ein merkwürdiger Unfall keine Ruhe lässt: Josephine Dell, eine junge Frau, mit der er regelmäßig an seinem Stand zu plaudern pflegte, wurde von einem Wagen angefahren und vom Unfallfahrer mitgenommen. Seitdem ist sie verschwunden. Kosling macht sich Sorgen und möchte Josephine suchen lassen. Menschenfreunde sind Berta stets verdächtig. Trotzdem übernimmt sie den Fall, der sich rasch als heikel entpuppt. Zwar findet sie Josephine Dell, aber viel interessanter findet sie den plötzlichen Tod des alten Harlow Milbers. Der war Josephines Arbeitgeber und außerdem reich. Er hinterlässt ein seltsames Testament, das seine Haushälterin und deren Familie begünstigt. Milbers einziger Verwandter, sein Neffe Christopher, ist darüber wenig erfreut. Ist das Testament gefälscht?

Wenn Berta dies nachweisen kann, winkt ihr ein hohe ‚Gewinnbeteiligung‘! Stattdessen stolpert sie über den undurchsichtigen Versicherungsbetrüger Jerry Bollman und schließlich über dessen Leiche. Für die misstrauische Polizei ist Berta die Hauptverdächtige. Ihre Bemühungen, sich zu rehabilitieren und trotzdem ihren finanziellen Schnitt zu machen, setzen eine verhängnisvolle Kette krimineller Verwicklungen in Gang ...

Solider Krimi mit seltsamem Titel

Privatdetektive sind üblicherweise taffe Burschen, die vielleicht hier und da irren (oder übers Ohr gehauen werden), aber spätestens im Romanfinale vom Holzweg auf die Straße zur Wahrheit einbiegen. Sie verstehen ihren Job, lassen sich nicht schrecken oder bestechen, folgen unbeirrbar ihrer Spur. Genau das geschieht hier nicht. Furien im Finstern - den dümmlichen deutschen Titel verdankt das vorliegende Werk einem zeitgenössischen Drang zur ‚Originalität‘ - ist im Grunde eine Umkehr der meisten Detektivkrimi-Klischees.

Wir beobachten eine Schnüffler-Frau, der es an Energie und Furchtlosigkeit nicht mangelt. Leider kann ihre kriminalistische Fachkenntnis nur bedingt mithalten. Außerdem vernebelt ausgeprägte Geldgier das Gespür und übertüncht Anzeichen, die einen Philip Marlowe längst gewarnt hätten, dass etwas faul ist. Aber Bertha Cool will nicht Gerechtigkeit, sondern Bares. Mit dem Eifer und dem diplomatischen Geschick einer Abrissbirne fällt sie über ihre Klienten her. Sie ist sich keineswegs zu schade, mit windigen Betrügern um Prämien zu rangeln.

Mit faszinierender Sicherheit spinnt Autor Gardner sein Netz. Gauner gegen Gauner, die Fronten ändern sich ständig. Finstere Pakte werden geschlossen und sofort gebrochen. Wer gestern noch gegeneinander kämpfte, tut sich heute womöglich zusammen - und umgekehrt. Berta Cool mischt da skrupellos mit. Der Witz an der Sache ist ihre Blindheit dafür, wie sie, die mächtig ihre Klienten, Zeugen und die Polizei manipuliert, selbst in diverse Intrigen verwickelt wird, ohne es zu bemerken. Da ist es gut, dass Donald Lam während eines kurzen Heimaturlaubs den kunstvoll verwickelten Fall aufdröselt.

Berta schwimmt immer obenauf

Bis es soweit ist, hat der Leser einen Riesenspaß, denn er (und sie) ist zusammen mit Berta Cool tüchtig an der Nase herumgeführt worden. Die Mosaiksteinchen purzeln an ihre Plätze und enthüllen wider Erwarten ein logisches Gesamtbild. Wieder einmal bestätigt sich, dass die Cool/Lam-Romane ebenso sauber geplottet sind wie Gardners Perry Mason-Krimis. Womöglich können sie sogar besser gefallen, denn sie verfügen über eine angenehme Zusatzeigenschaft: Sie sind humorvoll. Damit ist nicht einmal der (angejahrte und heute „#MeToo“-verdächtige) Slapstick-Witz der dampfwalzenartig auftretenden Bertha Cool gemeint. Vor allem weiß eine ausgetüftelte Story zu gefallen, die den Namen „Krimikomödie“ verdient. Der Autor arbeitet mit trockenem Wortwitz, der sogar die Übersetzung überlebt hat.

Mit Berta Cool ist Erle Stanley Gardner eine klassische Figur gelungen, die sich ins Gedächtnis der Leser eingräbt. Selbstverständlich könnten - s. o. - allerlei Einwände gegen Berta Cool erhoben werden. Sie ist ein wandelndes Klischee, zwar tüchtig, aber dick (= geschlechtslos), grob, laut und gierig. Grandios setzt sie ihren Fall in den Sand und muss von ihrem (männlichen) Partner gerettet werden, der selbst aus weiter Ferne zum Kern des Lügengespinstes durchdringt.

Wir sparen uns an dieser Stelle hochphilosophische Überlegungen darüber, ob Gardner sich eine selbstständige und erfolgreiche Frau nur als Karikatur vorstellen konnte. Nehmen wir stattdessen an, dass er einfach eine schräge Type entwarf, um seine Romane um die Detektei Cool & Lam möglichst interessant zu gestalten. Außerdem sind die anderen Figuren auch nicht aus dem realen Leben gegriffen.

Ein Lam(m) zur Erdung

Einen dicken Pluspunkt kann Gardner kassieren: Bertha Cool ist kein Engel mit goldenem Herzen, das sich unter der rauen Schale verbirgt, sondern tatsächlich ein Miststück, das zu Mitgefühl und Hilfsbereitschaft regelmäßig überlistet werden muss. Wenn sich ihr Geiz dann gegen sie wendet, stellt Gardner das nie als gerechte Strafe eines moralinsauren Schicksals dar. Berta fällt der (blinden) Tücke des Objekts anheim, was sehr viel überzeugender wirkt.

Der eigentliche Kriminalist des Teams ist ohnehin Donald Lam. Berta Cool weiß trotz ihrer ewigen Verbalattacken sehr gut, was sie an ihm hat, ohne dass sie sich dadurch nachgiebiger zeigen würde. Lam nimmt Bertha, wie sie ist, was wohl die einzige Möglichkeit für eine fruchtbare Zusammenarbeit darstellt.

Normalerweise ist Lam für die eigentliche Detektivarbeit zuständig. Er ermittelt vor Ort, während Bertha Cool im Hintergrund wirkt, um von dort regelmäßig nach vorn zu drängen, wenn die Handlung der humorvollen Auflockerung bedarf. Furien im Finstern stellt insofern eine Abweichung von der goldenen Regel dar, nach der die Leser einer Serie Veränderungen des gewohnten Schemas hassen. Gardners Rechnung geht auf: Bertha Cool trägt ‚ihren‘ Roman spielend. Man wünscht sich sogar mehr Geschichten mit ihr im Mittelpunkt.

Fazit

Gleichermaßen trickreicher wie witziger Krimi (Band 6 der Serie um Bertha Cool und Donald Lam), der die Konventionen des Genres gegen den Strich bürstet: ein leichtfüßiger Krimispaß, der über die gesamte Distanz zu unterhalten weiß.

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