Die Stimme

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Assistant

- aus dem Englischen von Susanne Wallbaum

- TB, 400 Seiten

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Andreas Kurth
Wenn die kleinen Helfer dein Leben einfach auslöschen wollen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2021

Josephine Ferguson (von allen nur Jo genannt) ist eine freie Journalistin, die aus finanziellen Gründen in der Luxuswohnung ihrer Freundin Tabitha Ashbury im besseren Teil von Camden in Nord-London lebt. Ausgestattet ist das Domizil mit allerlei digitalen Helfern: HomeAssistants der neuesten Entwicklungsstufe. Tabithas Verlobter Arlo ist schließlich im IT-Bereich an führender Position tätig und möchte ihr über die digitale Verbindung jederzeit helfen können.

Nun ist Jos Freundin allerdings beruflich viel unterwegs, oder sie übernachtet bei ihrem Verlobten. Jo macht die Gegenwart der elektronischen Helfer dagegen zunehmend nervös. Außerdem ist sie ohnehin psychisch angeschlagen, da ihre ökonomische Situation stets fragil ist.

Und dann beginnen Electra - so heißt im Roman der wichtigste elektronische Helfer, wohl angelehnt an die bekannte Alexa - und der kleinere Bruder HomeHelp ungefragt Dinge zu sagen sowie Musik und Videos abzuspielen, was Jo in höchstem Maße beunruhigt.

„Hoppipolla. HomeHelp spielt Hoppipolla.

Den Song. Ausgerechnet. Vor meinem inneren Auge erscheint ein junger Mann, dessen Augen wegdrehen. Mein Kopf schnellt vom Kissen hoch. Das bilde ich mir nicht ein, auf keinen Fall. Stirb nicht, Jamie, stirb nicht wie mein Vater.“

Das Eigenleben der elektronischen Helfer setzt sich fort, wird dramatischer, und treibt die labile Jo immer weiter in psychische Ausnahmezustände. Ihr Vater hat einst Stimmen aus dem Fernseher gehört, ist zunehmend wahnsinniger geworden, und hat schließlich Suizid begangen, um seine Familie und Freunde nicht weiter in Nöte zu bringen. Jo befürchtet nun, unter ähnlichen Krankheitssymptomen zu leiden, und geht zu einer Nervenärztin. Die sagt ihr jedoch, die Anzeichen für eine Geisteskrankheit seien noch viel zu gering, und schickt Jo ohne Behandlung wieder weg. Der einzige Rat der Ärztin lautet, dass Jo ihren Medikamentenkonsum kontrollieren und regulieren solle.

Die Attacken durch die Künstliche Intelligenz (KI) der kleinen Helferlein nehmen aber zu und verschärfen sich noch. Electra sagt Jo, sie müsse sich umbringen, sonst werde jemand geschickt, der das erledigen kann. In Jos Namen werden von ihrem Mail-Account bitterböse Hass-Briefe verschickt; ihr kompletter Freundeskreis, ja sogar ihr Bruder, wenden sich von ihr ab. Der Gipfel sind dann Tweets über einen Fake-Account, mit dem auch noch ihre berufliche Existenz als Journalistin komplett vernichtet wird.

„JotheJournalist beziehungsweise JotheNazi geht viral; nicht mehr lange, und sie ist global. Ich bin eine sensationelle Hassfigur, aus dem Nichts entstanden, ein dunkler Shootingstar, berühmt durch Niedertracht, an ein und demselben Tag geboren und durch den eigenen zerstörerischen Ruhm erledigt.

Sarah hatte recht. Als Journalistin bin ich am Ende. Ich bin ein Paria. Ich habe keine Freunde. Ich habe kein Geld. Ich habe keinen Job.“

S.K. Tremayne baut in dieser Mischung aus Mystery- und Psycho-Thriller von Beginn an enorme Spannung auf. Es wird schnell deutlich, dass Josephine Ferguson der Situation in keiner Phase gewachsen ist. Alle ihre Versuche, den Attacken der KI zu entkommen, rufen nur noch neue Eskalationsstufen hervor. Und auch ihre verzweifelten Anstrengungen, bei Freunden irgendeine Art von Hilfe zu bekommen, scheitern zunächst.

Der rätselhafte - oder genauer gesagt, der mit Rätseln gespickte - Plot dürfte bei vielen Lesern eine Gänsehaut hervorrufen. Schließlich gibt es zahlreiche Kritiker der elektronischen Assistenten und jeder Form von Smart Home. Diese Menschen wollen selbst bestimmen, ob sie ihre Kühlschranktür zu lange auflassen, und sich auch selbst das Badewasser einlassen oder die Heizung regulieren. Die Grundskepsis gegenüber dem Einsatz von künstlicher Intelligenz im persönlichen Umfeld dürfte mit der Lektüre dieses Buches noch weitere Nahrung erhalten. Dazu würde ich gerne mehr schreiben - aber das geht leider nicht, ohne hier zu spoilern.

S.K. Tremayne hat hier auf jeden Fall ein ziemlich heißes und aktuelles Thema aufgegriffen und hervorragend umgesetzt. Der Psychoterror wird in zunächst kleinen Dosen gesteigert, später wird es immer heftiger. Die wachsenden Selbstzweifel der Protagonistin tragen einiges dazu bei, den Leser immer weiter in Verwirrung zu stürzen. Die Geschichte fasziniert ungemein, entwickelt einen geradezu unheimlichen Sog.

Fazit

In der Rezension zu Stiefkind  habe ich S.K. Tremayne bescheinigt, ein guter Geschichtenerzähler zu sein. Das hat er in seinem neuen Buch wieder eindrucksvoll bestätigt. Anders als damals hat sich der Autor hier aber nicht in zu detailgenaue Schilderungen seiner Locations verstrickt, sondern sich auf die psychologischen Aspekte des Plots konzentriert. Jo Ferguson geht durch die Hölle, und der Leser begleitet sie dabei hautnah. Die Ich-Erzählerin leidet unter dem Psychoterror der Maschinen - bis hin zu Selbstmordgedanken. Ein überaus fesselnder Thriller, nichts für schwache Nerven - und dadurch hochgradig unterhaltsam.

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