Stiefkind

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2016, Übersetzt: Vera Teltz, Hans Jürgen Stockerl, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Andreas Kurth
Ist die Welt so klein - oder gibt es doch unglaubliche Zufälle?

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2017

Sie kennen sich noch nicht lange, aber Rachel, eine Frau aus der britischen Unterschicht, und der wohlhabende Jurist und Grundbesitzer David Kerthen haben geheiratet. 178 Tage vor Weihnachten zieht Rachel in den mondänen Landsitz der Familie, Carnhallow House, ein. Aber über den großen Hallen liegt noch der Schatten von Davids erster Frau. Eine düstere Aura geht auch von den Minen aus, die viele Generationen lang für den Wohlstand der Kerthens gesorgt haben. Dort ist Davids erste Frau Nina ums Leben gekommen - und ihr Sohn Jamie spricht jetzt gegenüber seiner Stiefmutter düstere Prophezeiungen aus. Rachel wächst der Junge sofort ans Herz, und sein Verhalten führt sie darauf zurück, dass er vom Tod seiner Mutter traumatisiert ist. Als Jamie vorher sagt, sie werde Weihnachten tot sein, schwankt Rachel zwischen Mitgefühl, Wut und Angst. Das Verhältnis zwischen David und seiner Ehefrau wird dadurch enorm belastet, und die Lage spitzt sich weiter zu, je näher das durch die Prophezeiung unheilvoll belastete Weihnachtsfest rückt.

Psychologischer Tiefgang ist da, beim Thrill hapert es etwas

"Stiefkind" ist der zweite Psycho-Thriller von S.K. Tremayne, und immerhin wird das Buch dem ersten Teil der Bezeichnung gerecht, psychologische Tiefe hat die Handlung - beim Thrill hätte ich mir etwas mehr Dynamik gewünscht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Rachel, und ihre ständig wachsende Angst, den Verstand zu verlieren. Das wird vom Autor gut erzählt, der Leser kann mitfühlen und -leiden. Wenn Rachel zuweilen Stimmen hört, bewegt sich der Plot am Rande zum Mystery-Roman, aber nach meiner Auffassung bleibt das in akzeptablen Grenzen.
Die Spannung wird erhöht, indem mehrfach angedeutet wird, dass auch Rachel ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit verschweigt. Die junge Frau ist insofern eine Protagonistin mit verschiedenen Gesichtern - mehr sei hier aus dramaturgischen Gründen nicht verraten. Im anschwellenden Konflikt zwischen den Ehepartnern ist der Leser geneigt, sich gegen David zu entscheiden, zumal etliche seiner Charakterzüge nach und nach enthüllt werden - nicht zu seinem Vorteil.

Zu viele und zu lange Ausflüge in die Geschichte des Bergbaus

Die Nebenfiguren wie Davids Sohn Jamie und seine Mutter Juliet bleiben leider etwas blass. Das ist bei der Seniorin des Hauses nicht weiter schlimm, denn sie ist tatsächlich nur eine Randfigur. Jamie hat für den Fortgang der Geschichte eine Funktion zu erfüllen, das ist auch in Ordnung, aber darüber hinaus bleibt er als Figur doch eher blass. Die Psyche dieses zutiefst traumatisierten Kindes zu schildern hätte in meinen Augen - anstelle der ausufernden Beschreibung der Verhältnisse im Bergbau der Region - für zusätzliche Spannung gesorgt.

Der Autor nutzt einige dramaturgische Kniffe, um seinen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, immer gerade rechtzeitig, wenn es zu langatmig zu werden droht. Tremayne ist ein guter Geschichten-Erzähler, aber seine Ortskenntnisse haben ihn zu einigen Abschweifungen verleitet, die er besser vermieden hätte. Aber das kann man sicherlich auch ganz anders sehen.
Träume und Visionen der Hauptperson sollen hier Nervenkitzel erzeugen, das gelingt auch hier und da. Die hauptsächliche Spannung entsteht jedoch durch das Näherrücken des Weihnachtsfestes, weil man als Leser wissen will, wie das Finale dieser an sich interessanten Geschichte ausgeht. Wie schon festgestellt, da hätte ich mir etwas mehr Thrill gewünscht, aber Stiefkind ist dennoch ein lesenswerter Roman, auch wenn er mit den Spitzen-Produkten des Genres nicht mithalten kann.

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