Tennisspieler und Seilakrobaten

Erschienen: Januar 1969

Bibliographische Angaben

- New York : Harper & Brothers 1939

- London : Hamish Hamilton 1940

- Zürich : Alfred Müller Verlag 1941 [unter dem Titel „Mord am Netz“] (Auswahl-Bd. 14). Übersetzung: Rudolf Hochglend. 198 S. [keine ISBN]

- Bern - Stuttgart - Wien : Scherz Verlag 1962 [Die schwarzen Kriminalromane 172]. Übersetzung: Karl Hellwig. 190 S.  [keine ISBN]

- Frankfurt/Main - Berlin : Ullstein Verlag 1969 [unter dem Titel „Mord am Netz“] (Ullstein -Kriminalroman 1254). Übersetzung: Rudolf Hochglend. 155 Seiten. [keine ISBN]

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Michael Drewniok
Mord auf allseits umzäunten Tennisplatz

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Jim Rowland, ein redlicher Anwalt, aber leider ein Habenichts, hat sich unsterblich in Dr. Nicholas Youngs Mündel, die junge, natürlich schöne Brenda Scott verguckt. Leider war Frank Dorrance, ein ebenso reicher wie arroganter Widerling, in der Minne schneller. Brenda kann der Verlockung des Geldes nicht widerstehen, was den braven Jim zur Weißglut bringt. Frank verfolgt ihn mit Hohn und Spott, doch unter Gentlemen wahrt man die Form, und so verabreden sich die Rivalen und die Umworbene zum Tennisspiel. Das gemischte Doppel komplettiert die nicht mehr ganz so junge Kitty Wilcroft, deren Gatte vor Jahren unter etwas mysteriösen Umständen sein Ende fand.

Nach dem Spiel bricht erneut Streit zwischen Frank und Jim aus, was dieser bald bereuen wird. Zwar hat ihn Brenda endlich erhört, aber leider findet Jim seine Holde auf dem Tennisplatz und über die Leiche des Rivalen gebeugt, der sehr offensichtlich erdrosselt wurde. Nur zwei Spuren führen zum Ort der Untat: Franks und Brendas, obwohl diese ihre Unschuld beteuert und Jim ihr natürlich Glauben schenkt. Wird die Polizei ebenso vertrauensvoll sein? Davon sind die neuerdings Liebenden nicht überzeugt und beschließen Brendas Spuren zu verwischen, um so den Anschein zu erwecken, sie habe sich dem Opfer nie genähert.

Natürlich geht das schief. Jim und Brenda werden beim Frisieren der Indizien ertappt. Oberinspektor Hadley müht sich trotzdem, die verworrenen Spuren objektiv zu deuten. Dabei unterstützt ihn der Privatgelehrte und Amateurdetektiv Dr. Gideon Fell. Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen bildet die Frage, wie Frank eigentlich umgebracht wurde. Waren es weder Jim noch Brenda, kann es eigentlich nur ein Artist gewesen sein. Siehe da, es wäre möglich: Der fiese Frank hatte seine Braut mit einem Mannequin betrogen und dieses dann schnöde sitzen lassen, was die Dame in einen Selbstmordversuch und ihren gehörnten Bräutigam zu wüsten Drohungen trieb. Dieser Arthur Chandler ist ein berühmter Trapezkünstler, und er war am Tatort ...

Ein weiterer ‚unmöglicher‘ Mord

Zum elften Mal ernennt sich Gideon zum Fell zum Werkzeug der Gerechtigkeit. Wer ihn kennt, weiß genau, dass man dies so pompös ausdrücken kann und muss, denn Fell liebt große Auftritte, wenn er es ist, der sie absolvieren kann. Einen möglichst verzwickten Mord aufzuklären und in einem großen Finale dem Täter die Maske vom Gesicht zu reißen, ist ihm das Liebste auf der Welt.

Die Gelegenheit wird ihm geboten, denn sein geistiger Vater John Dickson Carr ist der Großmeister des eigentlich unmöglichen Mordes im verschlossenen und ebenfalls Raum. Zwar spielt der Verfasser in Mord am Netz mit den Regeln des Genres, indem er die Bluttat an einem allseits zugänglichen Ort geschehen lässt. Doch dieses Tennisplatz ist allseits hoch eingezäunt und ein Zugang prinzipiell nur durch den Eingang möglich.

Dr. Fell taucht erst sehr spät in der Handlung auf. Als er dann zu ermitteln beginnt, sind wir Leser ihm scheinbar ein gutes Stück voraus: Wir wissen, dass die Spuren, die Polizei und Detektiv vorfinden, zu einem Gutteil manipuliert wurden. Dies wurde von Carr ebenso kundig wie unterhaltsam dargestellt. Erst die Tücke des Objekts hilft einerseits dem Mörder, während sie andererseits Unschuldige in arge Nöte bringt. Statt den Ermittlern einen wunschgemäß präparierten Tatort zu präsentieren, haben Jim und Brenda die Beweise heillos und endgültig verwirrt. Das gereicht ihnen zum Nachteil, aber da ist glücklicherweise Dr. Fell, der dort erst recht zur Höchstform aufläuft, wo die Polizei zufrieden die Akten und die Zellertür hinter dem Verdächtigen schließen will.

Nostalgie und Lesespaß

Wie Fell dieses Mal die Fäden entwirrt, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Carr zieht jedenfalls wieder alle Register, um wider jede Wahrscheinlichkeit (und obwohl er fair alle echten und falschen Indizien offenlegt) eine möglichst unerwartete Lösung aus dem Hut zu zaubern.

Gänzlich verzichtet er dieses Mal dagegen auf die von ihm so geliebte Kulisse spukiger Schlösser oder verwunschener Dörflein. Stattdessen spielt Mord am Netz ganz im Hier & Jetzt des Jahres 1939; fast jedenfalls, denn natürlich war die Story bereits in ihrer Entstehungszeit ein wenig angestaubt. Das schmälert das Vergnügen an diesem lupenrein klassischen Krimi nicht im Geringsten.

Da eine Neuveröffentlichung - modern übersetzt und womöglich ungekürzt - in den Sternen steht, muss sich der ungeduldige Krimi-Freund mit dieser altmodischen Version begnügen. Um den guten, alten Fell in ein vermeintlich zeitgemäßes Gewand zu kleiden, verpasste der Ullstein-Verlag der Neuausgabe von Mord am Netz ein unangemessenes, ja geschmackloses Titelbild, von dem man sich jedoch nicht in die Irre führen lassen sollte: Die Lektüre lohnt sich allemal, und besonders teuer dürfte das Bändchen im Antiquariat oder auf dem Flohmarkt auch nicht kommen! Für die Love-Story darf man den Übersetzer nicht verantwortlich machen; die heute eher lästigen als lustigen Verwicklungen waren zeitgenössischer Stil und eine Zugabe, die Carr zeit seines Autorenlebens nicht in den Griff bekam.

Fazit

Der 11. Roman der Fell-Serie bietet klassische Krimi-Kost vom Feinsten: Der Plot ist herrlich verwickelt, die Lösung absurd aber logisch, und die Figuren erfüllen jedes altmodische Rätsel-Krimi-Klischee.

Tennisspieler und Seilakrobaten

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