Der Wahrsager und die Wahrheit

Erschienen: Januar 1961

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Till Death Do Us Part“

- London : Hamish Hamilton 1944. 224 S.

- New York : Harper & Brothers 1944. 235 S.

- Rüschlikon/Zürich – Stuttgart – Wien : Albert Müller Verlag 1948. Übersetzt von Ilse Leisi-Gugler. 192 S.

- Gütersloh : Sigbert Mohn Verlag 1961. Übersetzt von Ilse Leisi-Gugler. 185 S.

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Michael Drewniok
Blausäure-Mord im von innen verschlossenen Raum

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Richard Markham ist verliebt: Im Dörflein Six Ashes freit er heftig um die schöne Lesley Grant. Zwar ist sie erst vor kurzer Zeit zugezogen und hält sich mit autobiografischen Auskünften zurück. Trotzdem hat der Autor erfolgreicher Theaterstücke seine alte Flamme Cynthia Drew zum wohligen Entsetzen der Bürgerschaft für Lesley verlassen.

Ebenfalls neu im Ort ist Sir Harvey Gilman, ein berühmter Gerichtsmediziner, der sich für den Sommer ein Landhaus gemietet hat. Als ein Wohltätigkeitsbasar geplant ist, lässt sich Sir Harvey nicht lumpen und tritt als Wahrsager auf. Zufällig gerät Lesley in sein Zelt. Was sie hört, verwirrt sie offenbar so stark, dass sie kurz darauf an der Schießbude ihr Gewehr versehendlich in die falsche Richtung abfeuert - und Sir Harvey trifft. Der ist nur leicht verletzt und enthüllt dem schockierten Markham kurz darauf, dass dieser ‚Unfall‘ keiner war. Gilman hat in Lesley Grant eine Mörderin erkannt, die dem Gesetz bereits dreimal aus Mangel an Beweisen entwischen konnte. Sie pflegt mit Blausäure zu töten, und Richard soll ihr viertes Opfer werden.

Markham will Gilman nicht glauben, aber am nächsten Morgen ist er es, der Sir Harvey in dessen von innen verriegelten Arbeitszimmer und auf die bekannte Weise vergiftet findet. Scotland Yard schickt Inspektor Hastings, aber Dorfarzt Middlesworth alarmiert den nicht weit entfernt sommerfrischenden Gideon Fell. Das unkonventionelle Ermittler-Genie sorgt umgehend für helle Aufregung: Der angebliche Sir Harvey Gideon ist ein Betrüger, seine Geschichte ein Märchen. Dennoch geht ein Mörder um, und Gideon Fell gehen die Verdächtigen nicht aus …

Was du siehst ist nicht, was wirklich war

Mit dieser Überschrift lässt sich das Prinzip des „Whodunit“ gut definieren. Auch John Dickson Carr lässt sich scheinbar tief in die Karten schauen. Jedes Detail am Schauplatz eines Mordes, der ein unmögliches „locked room mystery“ ist, stellt er uns ausführlich vor. Gleichzeitig arbeitet Carr wie ein Bühnenmagier, der mit der einen Hand sein Publikum ablenkt, während er mit der anderen seine Wunder trickst. Ohne der hier vorgestellten Geschichte ihre Spannung zu nehmen, sei darauf hingewiesen, dass die Chronologie zum entscheidenden Faktor wird. Carr manipuliert die Reihenfolge sich schrittweise zum Gesamtgeschehen addierender Ereignisse so, dass die Indizien sich in ihr Gegenteil verkehren.

Die logische Erklärung im klassischen „grand finale“ wird zur Nagelprobe: Beherrscht der Verfasser das „Whodunit“-Handwerk? Mysteriöse Vorfälle zu schildern ist einfach; sie in einen überzeugenden Tathergang zu integrieren eine Herausforderung. 1944 hielt ein noch junger und gesunder John Dickson Carr die Fäden fest in der Schreibhand. Geradezu vorsätzlich bürdet er sich immer neue Rätsel auf, bis eine den Gesetzen der Realität folgende Auflösung unmöglich zu werden scheint.

Weit gefehlt: Carr weiß sehr gut, wie weit er gehen kann. Der Knoten wird im Finale keineswegs durchschlagen, sondern sorgfältig aufgedröselt. Schritt für Schritt erläutert Gideon Fell, auf welche Weise was wann geschehen ist. Dass mancher Leser sich dabei enttäuscht oder gar gefoppt fühlt, liegt in der Natur des „Whodunits“: Das Rätsel ist interessanter als die Lösung. Dafür kann der Autor nichts.

Krimi im zeitfreien Vakuum

Der Wahrsager und die Wahrheit entstand als 15. Band der Gideon-Fell-Serie. Vom längst ausgebrochenen II. Weltkrieg lesen wir in dieser Geschichte kein Wort. Er wird ausgeblendet, denn die Realität ist kein Substrat, auf dem der „Whodunit“ gedeiht. Kriegsgrauen und hochkomplizierte, primär der Unterhaltung verpflichtetes Verbrechen harmonisieren schlecht. Carr nennt gar keine Jahreszahl und ignoriert auch die Landkarte. Six Ashes mag ein Dorf im Südosten der britischen Hauptinsel sein, doch bleibt dies reine Annahme.

Ohnehin ist Six Ashes - schon der Name zeigt es - eine typische „Whodunit“-Schöpfung. Der Landhaus-Krimi liebt solche idyllischen, von verschrobenen Adeligen, drall-dreisten Bauersfrauen, knorrigen Ex-Soldaten und anderen schrägen Gestalten bevölkerten Winkel. Für einen US-Amerikaner legt Carr ein bemerkenswertes Gespür für jene urbritische Szenerie an den Tag, der ‚einheimische‘ Autor/inn/en wie Agatha Christie, Ronald Knox oder Anthony Berkeley ihren Ruhm verdanken.

Carr fügt dem eine besondere Note hinzu. Seine Liebe zur Schauergeschichte schlägt sich beispielsweise in der Existenz eines „Galgenwegs“ nieder. Gern nutzt er Nacht und Wetter, um eine unheimliche Atmosphäre zu schaffen, in der Spuk förmlich in der Luft liegt, ohne dass es dazu kommt, denn Carr ist durchaus Purist: Wie Weltkriege haben auch Geister in einem Rätselkrimi nichts verloren!

Kontinuität in wichtigen Details

Gideon Fell ist nicht nur eine Figur, sondern auch eine Naturgewalt. Als solche muss er maßvoll eingesetzt werden. Die Hälfte dieser Geschichte ist bereits verstrichen, bevor er zum ersten Mal leibhaftig erscheint - eine Formulierung, die der barocken Fülle des feisten, keuchenden, schnaubenden aber nicht als sprichwörtlicher „armchair detective“ auftretenden Unikums geschuldet ist. Zuvor wurde mehrfach ehrfurchtsvoll von Fell gesprochen und sein Kommen auf diese Weise subtil vorbereitet. Sein Auftritt ist spektakulär, sein Benehmen bizarr. Auch deshalb darf Fell nicht zu früh die Szene betreten. Er beherrscht sie, er reißt die Handlung an sich. Neben Fell kann sich keine Figur entfalten.

Wie üblich hüllt sich Fell während seiner deduktiven Aktivitäten in geniales Schweigen, ohne dabei den Mund jemals wirklich zu halten. Er liebt sensationelle Ankündigungen, die er gern zur Hälfte in der Luft hängen lässt. Erklärungen beginnt Fell, um sofort einen Exkurs oder einen Rückblick einzuschieben. Erst im Finale bequemt er sich dazu, mit Details aufzuwarten. Dann ist er allerdings nicht mehr zu stoppen.

Die Selbstgefälligkeit ist keineswegs oberflächliches Element dieses Charakters. Fell stellt sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen. Das Gesetz schließt Fell dabei ein. Nicht zum ersten Mal warnt er den Täter, macht ihm die Aussichtslosigkeit seiner Situation klar und gibt ihm die Möglichkeit zum Selbstmord: Fell ist Detektiv und Richter in einer Person. Mit der Unvereinbarkeit dieser Positionen hat er keine Schwierigkeiten. In dem weichen Mann steckt ein harter Kern.

Liebe mit Hindernissen

Fell ist eine Denkmaschine. Über sein Privatleben äußert er sich nicht, sein persönliches Gefühlsspektrum ist schmal. Das Herz seiner Leser kann er keinesfalls gewinnen: Gideon Fell mag man bewundern und sich über ihn amüsieren, aber mögen wird man ihn nicht. Der Leser - und die Leserin - fordert jedoch (angeblich) Identifikationsfiguren. Carr führt deshalb Richard Markham und Lesley Grant als junges Liebespaar ein.

Carr ist auf der Hut: Zwar wirkt die Liebe in seiner Schilderung reichlich schmalzig, doch anders als (schrecklich) viele seiner schreibenden Nachfahren pfropft er die Love Story der Geschichte nicht auf, sondern integriert sie. Dabei geht er sehr geschickt vor: Der Bräutigam muss damit rechnen einen weiblichen Serienkiller zu ehelichen, was bei den Treffen des Paars für zusätzliche Spannung sorgt. Als diese Unterstellung aufgelöst werden kann, macht sich Lesley umgehend anderweitig verdächtig.

Damit unterwirft sie sich dem strengen aber nie unerbittlichen Diktat eines Verfassers, der über den Krimi den Humor nie verliert. Der Wahrsager und die Wahrheit mag in einem zeitlichen und örtlichen Vakuum spielen. Gerade das hat diesem Roman einen nostalgischen Goldschimmer beschert, der ihn weiterhin lesenswert erhält - auch in Deutschland, wo sich der Leser mit einer hüftsteifen Übersetzung aus dem Jahre 1948 begnügen und zuvor auf die übliche Irrfahrt durch reale oder digitale Antiquariate begeben muss …

Fazit

In seinem 15. Fall ist der exzentrische Gideon Fell auf der Höhe seiner Kunst; die psychologischen Aspekte der Tat/en klar dem Krimi-Rätsel unterordnend, gelingt dem Verfasser ein unterhaltsam verwirrender aber fugenlos konstruierter, ebenso klassischer wie zeitloser „Whodunit“.

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