Das umgekehrte Kreuz

Erschienen: Januar 1952

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Below Suspicion“

- New York : Harper & Brothers 1949. 241 S.

- London : Hamish Hamilton 1950. 250 S.

- Bern : Alfred Scherz Verlag 1952. Übersetzt von N. N. 192 S.

- Frankfurt/Main - Berlin - Wien : Ullstein Verlag 1973. Übersetzt von N. N. 141 S.

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Michael Drewniok
Hier steckt tatsächlich der Teufel im Detail

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Die alte, selbstgerechte und vor allem reiche Mrs. Mildred Taylor hat das Zeitliche gesegnet. Ursache waren weder ihr Übergewicht oder ihr Hang, Pillen wie Bonbons zu vertilgen, sondern eine gewaltige Überdosis des Giftes Antimon, mit dem Mildreds Verdauungssalz ausgetauscht wurde. Der Verdacht fällt auf Joyce Ellis, Mildreds vielgeplagte Gesellschafterin, mit der sich ihre Herrin am Vortag heftig gestritten hatte; Mildred drohte Joyce aus ihrem Testament zu streichen.

Hier sieht die Polizei den Auslöser der bösen Tat und verhaftet Joyce. Da sich Charles Denham, Mildreds Anwalt, für die junge Frau interessiert, bittet er seinen Freund, den Star-Verteidiger Patrick Butler, um Hilfe. Der sagt zu, obwohl er persönlich von der Schuld der Angeklagten überzeugt ist - eine Herausforderung, die ihn anstachelt, sie im Rahmen einer aufsehenerregenden Gerichtsverhandlung freizubekommen.

Noch am Tag des Freispruchs wird Denham abermals bei Butler vorstellig: Lucia Renshaw, Mildred Taylors Nichte, soll ihren ehebrecherischen Gatten Richard umgebracht haben, weil dieser einer Scheidung nicht zustimmen wollte. Wiederum kam Antimon zum Einsatz, doch dieses Mal ist Butler von der Unschuld seiner Klientin überzeugt, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat.

An diesem Punkt mischt sich Dr. Gideon Fell, der berühmte Privatermittler, in den Fall ein. Er sieht zumindest den Mord an Richard Renshaw als Steinchen eines bizarren Mord-Mosaiks: In den vergangenen drei Monaten sind neun Menschen durch Gift umgekommen! Fell sieht einen Serienkiller am Werk, der Mordlust und Geldgier auf geschickte Weise zu kombinieren weiß. Gemeinsam mit Butler begibt er sich auf die Suche nach dem oder der Unbekannten, doch wie es seine Art ist, erzählt er seinem Mitstreiter längst nicht alles und bringt diesen dadurch in Lebensgefahr …

Exotischer Mord wird zunehmend infam

Mit dem Zweiten Weltkrieg neigte sich die Ära des klassischen Rätselkrimis dem Ende zu. Zwar verschwand er niemals, aber er rückte in den Hintergrund. Bereits in den 1930er Jahren hatte der „Hard-Boiled“-Krimi das Element der oft wenig romantischen Realität in den Kriminalroman gebracht. Der Krieg und die damit einhergehenden Umwälzungen förderten die Desillusionierung. Der „schwarze“ Krimi der Nachkriegszeit vertrat eine beinahe zynische Weltsicht. Verrat, Gier, Bosheit um der Bosheit willen: Mit der „Whodunit“-Gemütlichkeit hatten diese Geschichten nichts mehr am Hut.

John Dickson Carr war 1949 einerseits ein Großmeister des Krimi-Rätsels. Ihm verdankte das Genre einige seiner abenteuerlichsten, wunderbarsten und spannendsten Plots. Anderseits war Carr als Autor ein buchmarktorientierter Profi sowie noch jung genug, etwas Neues auszuprobieren. Das umgekehrte Kreuz dokumentiert, wie dieser Versuch gleichermaßen gelang wie missglückte.

Im Fernsehen wird eine neue Serie oft im Rahmen einer bereits ausgestrahlten Reihe ausprobiert. So etwas nennt man „Backdoor-Pilot“: Man nutzt einen zuschauerbeliebten Rahmen, um Interesse für einen ‚Ableger‘ zu wecken. Möglicherweise plante Carr mit Das umgekehrte Kreuz Ähnliches. Er stellte dem etablierten Dr. Gideon Fell eine gleichwertige Figur an die Seite. Das war neu: Selbst wenn Fell sich oft rar machte und erst in der zweiten Handlungshälfte in Erscheinung trat, war er bisher der Platzhirsch am Tatort. Das änderte sich nun deutlich.

Neuer Held für neue Zeit

Patrick Butler war ein zeitgemäßer Charakter: jung, dynamisch und auch moralisch so flexibel, wie es die neue Zeit erforderte. Butler ist ein Frauenheld, der ganz sicher nicht daran denkt, seinen weiblichen Begleitern umgehend die Ehe anzudienen; umgekehrt sind diese Frauen nicht mehr ganz so passiv und fügsam wie in früheren Carr-Werken, in denen sie vor allem gerettet werden mussten.

Dank des jüngeren Helden geht es mehrfach sogar dramatisch zur Sache: Butler muss sich aus einem gaunerverseuchten Nachtclub freikämpfen, es gibt Verfolgungsjagden, und das ebenfalls actionbetonte Finale findet in einer brennenden Kapelle statt. Für solche handfeste ‚Action‘ war Dr. Fell viel zu alt und zu unbeweglich.

Schließlich macht Butler aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er stößt die würdigen Repräsentanten älterer Generationen für ihre ranzig gewordenen Gewohnheiten und Ansichten gern vor die Köpfe. Außerdem empfindet Butler seinen Beruf als Verteidiger nicht als Verpflichtung, dem Recht zu dienen, sondern als sportliche Herausforderung. Eindeutig schuldige Klienten sind ihm gerade lieb, denn sie stacheln seinen enormen Ehrgeiz an. Er bekommt sie frei, ohne sich über die moralische Seite seines Tuns Gedanken zu machen. Notfalls biegt er das Gesetz, manipuliert Aussagen oder manövriert unsichere Zeugen aus. Der Sieg ist Butlers Lebenselixier.

Raum für den alten Meister

In dieser Hinsicht gibt es eine Übereinstimmung mit Dr. Fell. Dieser sinniert an einer Stelle selbst laut darüber nach, dass er notfalls Indizien so arrangiert, dass sie den von ihm gewünschten Effekt zeitigen. Allerdings trickst Fell aus moralischen Gründen: Ihm geht es stets um die Gerechtigkeit, die - Patrick Butler beweist es - mit dem niedergeschriebenen Recht nicht immer korrespondiert und zu kurz kommt. Fell urteilt archaisch, und ihm ist der Aspekt der Rache keineswegs unbekannt. Dieser Charakterzug macht ihn gefährlich, wo Butler sich nur an seinem taktischen Geschick erfreut. Er will Lucia Renshaw aus persönlichen Motiven helfen, Fell dagegen einen Fall lösen. Auch er hält Lucia für unschuldig. Wäre sie es nicht, hätte er kein Problem damit, sie an den Galgen zu bringen - es wäre nicht der erste Schurke, den er dorthin schickt!

Über zwei Drittel der Handlung behält Carr sehr gut die Balance zwischen Fell und Butler, zwischen Krimi-Klassik und Moderne. Dann jedoch verlässt ihn entweder sein Mut oder sein Einfallsreichtum. Die Geschichte macht eine Rolle rückwärts in die Zeit, verliert die Bodenhaftung und verwandelt sich in ein Schauermärchen, denn plötzlich geht es um die Machenschaften eines serienmörderischen Satanisten-Zirkels!

Das war keine gute Idee und sorgt für Verwunderung. Carr liebte alte Burgen und einsame Landsitze, denen er gern mit gruseligen Anekdoten düstere Vergangenheiten schuf. Nie ließ er jedoch den Kriminalfall ins Übernatürliche abgleiten, so unheimlich es in stürmischen Nächten auch umgehen mochte. Auch die in Kollegenkreise sehr beliebten Geheimtüren oder -gänge verschmähte Carr spätestens dann, wenn die finale Auflösung anstand: Menschen begehen Verbrechen, und sie bedienen sich dabei diesseitiger Methoden.

Das Problem der Übertreibung

„Satanisten“ gibt es zwar, doch sie sind realiter weder so gut organisiert noch so böse (oder helle) wie von Carr hier postuliert. Der von ihm enthüllte Zirkel zerbricht jenen Ernst, den selbst ein Rätselkrimi benötigt, um seine Wirkung zu entfalten. Carr steht zudem vor dem Problem, die Verworfenheit dieser Organisation nur andeuten zu können: Deutliche Worte waren in der zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur unmöglich. Schon die Erwähnung einer nackten Frau als ‚lebendiger Altar‘, zur Sprache gebracht durch Dr. Fell, lässt die Zuhörer empört einen Themawechsel verlangen.

Nie gelingt es Carr, die Aspekte des ‚Satanismus‘ mit den mörderischen Aktivitäten des Zirkels in Einklang zu bringen. Deshalb wirken die schließlich demaskierten Teufelsanhänger eher lächerlich als gefährlich oder gar böse. Unfreiwillig konterkariert Carr selbst dieses Wunschbild, indem er beispielsweise einen satanistischen Buchhalter die Untaten der Gruppe sorgfältig dokumentieren lässt. Das Finale ist zwar turbulent, aber trotzdem lau: In der brennenden Teufels-Kapelle rauft Butler mit einem Schergen der höllischen Brut, während Fell und seine Begleiter ahnungslos im Freien warten. Die Hauptfigur einer eingeführten Serie lässt man nicht so dumm dastehen. Da hilft es nicht, dass Dr. Fell nachträglich ausführlich erklären darf, was eigentlich geschehen ist. Der eigentliche Schaden ist ohnehin angerichtet: Der Plot eines Rätselkrimis darf und sollte kurios und kompliziert sein, aber er muss in eine ‚realistische‘ Handlung eingebettet werden!

Falls Carr an eine Übergabe des Staffelholzes gedacht hatte, besann er sich klugerweise eines Besseren und gab dem altmodischen, aber profilstarken Fell den Vorzug vor dem jungen, beim Publikum wohl nicht sehr gut ankommenden Butler. Ganz von ihm lassen wollte Carr aber nicht und ließ ihn 1956 in Patrick Butler for the Defense (dt. Der Zauberer) noch einmal auftreten.

Fazit

Dies geschieht auf gewohnt geheimniskrämerische Weise, wobei Fell in seinem 18. Fall ausnahmsweise eine gleichstarke Figur zur Seite steht; die zwar logische, aber groteske Auflösung beschädigt einen ansonsten lesenswerten Rätselkrimi.

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