Das Gespenst der Gezeiten

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Witch of the Low-Tide“

- New York : Harper & Row 1961. 215 S.

- London : Hamish Hamilton 1961. 247 S.

- Bern - München - Wien : Scherz Verlag 1962. Übersetzt von Margret Haas. 191 S.

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Michael Drewniok
Spuren im Sand sind trügerisch

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Nervenarzt Dr. David Garth genießt im London des Jahres 1907 einen guten Ruf. Auch in der Gesellschaft ist er wohlgelitten und hat viele hochgestellte Freunde. Freilich wissen selbst diese nichts von der schönen Betty Calder, mit der Garth im Badeort Fairfield-on-Sea ein Strandhaus bewohnt. Die heimliche Beziehung fliegt auf, als die Polizei gegen Betty ermittelt. Der grobschlächtige Inspektor Twigg enthüllt dem ungläubigen Garth deren Vorgeschichte als ‚Schönheitstänzerin‘, Erpresserin und Satanistin. Noch bevor der Arzt seiner Geliebten zu Hilfe eilen kann, gilt diese zu allem Überfluss als hauptverdächtig im versuchten Mord an Mrs. Montague, der Hausdame von Oberst John Selby.

Als Betty verhaftet zu werden droht, enthüllt sie eine gut verschwiegene Familientragödie: Nicht sie, sondern ihre skrupellose, kriminelle Schwester Glynis ist die gesuchte Übeltäterin. Seit Jahren tritt diese unter Bettys Namen auf, wenn es ihr nützt, und nistet sich bei ihr ein, wenn sie ein Versteck benötigt. Um ihren Ruf zu wahren,

verschweigt Betty sowohl der Polizei als auch Garth auch dieses Mal, dass Glynis derzeit in Fairfield untergeschlüpft ist. Der ahnungslose Doktor, der sich mit Betty verabredet hat, findet sie erdrosselt in einem kleinen Badehaus. Dorthin führen freilich nur seine Fußspuren - und Bettys, die ihm kurz darauf folgte, weil sie ihn am Strand gesehen hatte.

Nun stecken Garth und Betty in der Klemme. Sie sind die beiden Personen, die am meisten von Glynis‘ Tod profitieren. Inspektor Twigg würde sie am liebsten sofort verhaften. Dem schiebt vorerst Cullingford Abbot, sein Vorgesetzter, einen Riegel vor, da ihm dieser Fall gar zu eindeutig vorkommt …

Der ‚unmögliche‘ Mord …

Jahrzehnte hatte der Rätsel-Krimi das Genre dominiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er zwar niemals völlig, doch er wurde mit aktuelleren Formen gemischt und zur Nischen-Literatur. Auch John Dickson Carr hatte 1960 seine besten Zeiten hinter sich. Zwar traf ihn jener Schlag, der ihn halbseitig lähmte und sein schriftstellerisches Talent zusätzlich schwächte, erst im Herbst 1963, doch zu viel Alkohol, zu viele Zigaretten und zu viel Arbeit hatten ihm bereits zugesetzt. War das Genre bis in die 1950er Jahren von ihm mitgeprägt worden, verließ er sich nun auf Routinen und variierte bekannte Vorlagen.

Wohl auch um dies zu bemänteln, trat Carr mit Das Gespenst der Gezeiten die Flucht nach vorn bzw. zurück in die Goldene Ära des Rätselkrimis an. 1907 war selbst Sherlock Holmes noch aktiv, weshalb eine ohnehin altmodische Geschichte in dieser Vergangenheit gut aufgehoben war.

Dies hielt Carr nicht davon ab, das Wissen über die reale Zukunft zu nutzen. Das Gespenst der Gezeiten hätte 1907 so nicht geschrieben oder gar geplottet werden können. Zwar stützt sich Carr auf die zeitgenössischen Gesellschaftsregeln, um die Auflösung jedoch ausdrücklich außerhalb des historisch Gestatteten und Tolerierten zu verorten. Sexuelle ‚Verirrung‘ war kein Thema im Kriminalroman des frühen 20. Jahrhunderts, das vor allem in England noch unter den Folgen der mehr als 60-jährigen Regentschaft einer sittenstrengen Monarchin litt. Höchstens Andeutungen waren gestattet, während Carr im Finale unverblümt ausspricht, welche Perversionen die kriminellen Ereignisse auslösten.

… und wie er trotzdem funktioniert

Dieses Konzept ist keineswegs unredlich, doch es wird von Carr schlecht umgesetzt. Obwohl Hauptfigur Dr. Garth ein Nervenarzt und vertraut mit den Theorien von Sigmund Freud ist, lässt ihn der Verfasser tief in altmodischen und dummen Vorurteilen verharren. Geradezu perfide ist die Schlussfolgerung, dass eine von ihrem Vormund verführte Minderjährige die treibende, weil „von Geburt an verdorbene“ Kraft hinter der Affäre sein kann.

Ärgerlich wirkt Carrs Postulierung einer Gesellschaft, die in ihren Konventionen so erstarrt ist, dass die Menschen, die sich ihnen unterwerfen, der „Schande“ jederzeit den Tod verziehen. Das geht so weit, dass Betty Calder irgendwann nur noch „gestehen“ will, um ihre „Ruhe“ zu haben - im Gefängnis offenbar, obwohl sie unschuldig ist. Beweise, die für diese Tatsache sprechen, muss man allerdings förmlich aus ihr herausprügeln. Solche Figuren zerren an den Leser-Nerven, sie wirken jederzeit unwirklich: So tief kann die Liebe zur weißen Weste einfach nicht sein!

Über der Handlung liegt jederzeit eine Dunstwolke kaum gebändigter Hysterie. Männer und Frauen stecken erstarrt in ihren jeweiligen Rollen. In diesen Kreisen ist die Wahrung der Form alles. Die schrecklichste Beleidigung liegt anscheinend in der Erkenntnis, den groben Polizeibeamten Twigg nicht von den Hunden aus dem Dienstboteneingang jagen zu dürfen, sondern sich seinem Verhör aussetzen zu müssen. Schon die Befragung durch einen in der Welt des Pöbels vielleicht nützlichen, in der High Society jedoch degoutanten Emporkömmling ist ehrenrührig. Twigg ist kein Gentleman, weshalb ihn Garth ständig vor den Kopf stößt und sich lieber dem weltgewandten, ihm ‚gleichwertigen‘ Scotland-Yard-Mann Cullingford Abbot anvertraut.

Eine Gruppe merkwürdiger Typen

Was durchaus für einen Historienkrimi thematisiert werden kann, gerinnt Carr zur Farce. Twigg ist schon vom Namen her eine Parodie, wie sie Charles Dickens ins literarische Leben gerufen haben könnte. Er ist anmaßend, dreist und aufdringlich bis über die Grenze zur Lächerlichkeit hinaus. Freilich wirkt er nicht komisch, sondern boshaft und gefährlich, weil er sich mit der ihm kraft seines Amtes verliehenen Macht für die schlechte Behandlung rächt. Man kann Twigg freilich verstehen, denn es sind unglaublich steife und stetig vor verlorener Ehre zitternde Pappkameraden, mit denen er (und die Leserschaft) es zu tun bekommt. Es existiert nicht eine sympathische Figur in dieser Geschichte, was schade ist, denn sobald sich Carr auf seine Kernkompetenzen besinnt, sorgt er endlich für Unterhaltung.

Die Auflösung des ‚unmöglichen‘ Mordes ist „Whodunit“-Kunst auf hohem Niveau. Überraschend und dabei völlig logisch lüftet Carr das Rätsel der fehlenden Fußspuren, die plötzlich nicht mehr fehlen, sondern gar nicht existieren dürften. Der Purist wird allerdings (und mit Recht) bemängeln, dass Zufall und Glück über Gebühr beansprucht werden müssen, um dem Mörder den notwendigen Vorsprung zu verschaffen.

Vielleicht sollte man dem originalen Untertitel - der von der deutschen Übersetzung allerdings unterschlagen wird - mehr Aufmerksamkeit zollen: An Edwardian Melodrama heißt es auf der US-Ausgabe von 1961. Carr wollte also offensichtlich nicht ‚nur‘ einen ‚normalen‘ Krimi schreiben. Wie im 1962 veröffentlichten The Demoniacs (dt. Die schmutzige Stadt) versuchte er sich an einem zeithistorischen Panorama, das er auf die Gesellschaftsverhältnisse zuspitzte.

Freilich mutet es seltsam an, dass Carr seine Geschichte ausgerechnet in das Jahr 1907 verlegt. Damals herrschte nicht mehr Queen Viktoria, sondern ihr ungleich lebenslustigerer Sohn Edward VII., ein Bonvivant, der zum Missvergnügen seiner Mutter in manchen Skandal verwickelt war. Beim Volk trotzdem oder gerade deshalb recht beliebt, symbolisiert Edward eher das Ende viktorianisch allzu überspitzter Ethik-Ideale, was Carrs mögliche Intentionen allerdings nicht so stark konterkariert wie die nur leidlich gelungene Rekonstruktion einer zeitgenössischen Grauzone zwischen Sittenkodex und Verbrechen.

Fazit

„Whodunit“ im historischen Ambiente des Jahres 1907, was für die Logik des Geschehens von Bedeutung aber wenig unterhaltsam ist: einer der späten Carr-Krimis, die mit den Frühwerken nicht mehr mithalten können.

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