Mord in Sussex

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Sussex Downs Murder

- aus dem Englischen von Eike Schönfeld

- ursprünglich erschienen: 1936

- Leinen-Einband, 304 Seiten

 

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Michael Drewniok
Blanke Knochen in brennendem Kalk

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Washington liegt zwischen den ‚Gipfeln‘ der Downs und der Nordseeküste in der südostenglischen Grafschaft Sussex. In diesen frühen 1930er Jahren ist hier die Welt (aus konservativer Sicht) noch in Ordnung: Alle wissen, wo sie in der komplexen Sozialhierarchie stehen, und verhalten sich oben wie unten entsprechend.

Für Janet Waring wurde dies zuletzt zum Problem. William Rother hat sie geheiratet, doch eigentlich machte - und macht - Schwager John ihr schöne Augen. Die Brüder Rothert bewohnen gemeinsam das Bauernhaus Chalklands, das seinen Namen nicht nur den Kreidefelsen verdankt, auf denen das Land ruht, sondern auch einer einträglichen Kalkbrennerei, die beide Brüder gemeinsam betreiben.

Kurz nachdem sich John Rother auf eine beruflich bedingte Reise begeben hat, wird sein Wagen nur wenige Kilometer von Chalklands entfernt gefunden. Die Polster sind blutverschmiert, der Fahrer ist verschwunden. Superintendent Meredith übernimmt den Fall, doch voran geht es erst, als zehn Tage später in diversen Kalklieferungen der Firma Rother zersägte und verbrannte Menschenknochen gefunden werden: John ist wohl endlich aufgetaucht, obwohl sein Schädel weiterhin fehlt.

Es geht also um Mord, und die Gruppe der Verdächtigen scheint klein genug für eine schnelle Aufklärung zu sein: Entweder William oder Janet oder beide gemeinsam haben den lästig gewordenen John umgebracht. Meredith und vor allem Major Forest, sein bärbeißiger, aber gewitzter Vorgesetzter, sind allerdings nicht überzeugt von dieser Theorie, die ohnehin ins Wanken gerät, als William tot in seiner Kreidegrube liegt …

Die Moderne als Ausschlussfaktor

Für die deutschen Liebhaber des klassischen englischen Rätselkrimis ist die Veröffentlichung dieses Romans ein Rundum-Sorglos-Paket. John Bude (alias Ernest Carpenter Elmore, 1901-1957) musste hierzulande viel zu lange im Schatten allgegenwärtiger, weil ständig neu aufgelegter Autorinnen und Autoren stehen, obwohl diese keineswegs durchgängig die besseren Vertreter/innen des Genres waren.

Selbst in Großbritannien war Bude lange von der Bildfläche verschwunden, bis die British Library in London eine Reihe ins Leben rief, die lange zu Unrecht vergessene Kriminalromane einem neuen Publikum nahebrachte. Die Resonanz war überaus positiv, und man kann nur hoffen, dass der Verlag Klett-Cotta weiterhin auf diese gehobenen Schätze zurückgreift.

Als Krimi wirkt Mord in Sussex manchmal wie eine Parodie. Autor Bude selbst betont in seiner Einleitung, die gleichzeitig geschickt über Land und Leute der sich anschließenden Handlung informiert, die Nischenstellung eines Ortes, der in der ‚Gegenwart‘ der 30er Jahre eigentlich ein Museum ist: Die Bürger von Washington konservieren ein Weltbild, das - sollte es so überhaupt jemals existiert haben - vor dem Ersten Weltkrieg sein Ende gefunden hatte.

„Cozy“-Rezept mit sämtlichen erforderlichen Zutaten

Bude liefert buchstäblich sämtliche Klischees, für die der „Whodunit“ berühmt (und bei seinen Gegnern berüchtigt) ist. Dabei profitiert er von seiner Gegenwart: Mord in Sussex erschien 1936. Was heute „Klassik“ und „Klischee“ ist, war zu seiner Zeit (halbwegs oder noch) aktuell, auch wenn sich bestimmte Genre-Regeln bereits zu verfestigen begannen. So war Bude eindeutig ein Anhänger des „fair play“, dessen Regeln Ronald Knox - selbst ein talentierter Schriftsteller - 1928 niedergeschrieben und dem sich die Mitglieder des „British Detective Club“ verpflichtet hatten. (Martin Edwards, der ein informatives Nachwort für diesen Roman schrieb, steht dem weiterhin existierenden „Club“ seit 2015 als Präsident vor.)

Zwar war Bude nie Mitglied dieses Clubs (aber 1950 ein Gründungsmitglied der „Crime Writer’s Association“), doch die Regeln des „fair play“ hatte er verinnerlicht; sie waren ihm so wichtig, dass er sie ausgiebig zur Sprache bringt, indem er Schriftsteller Aldous Barnes Superintendent Meredith fragen lässt, was aus Polizeisicht einen ‚guten‘ Krimi ausmacht: „… lassen Sie ihre Leser nur so viel wissen, wie auch die Polizei weiß. Das wäre nur fair. Dann kann ein cleverer Leser der Polizei um eine Nasenlänge voraus sein und vor ihr eine Verhaftung vornehmen.“ [S. 143]

Erwartungsgemäß hält sich Bude an die eigenen Worte: Er hat nicht nur das Genre im Griff, sondern erweitert seine Geschichte, indem er der Landschaft eine eigene Rolle zukommen lässt. Die Kreidefelsen von Sussex sind seit Äonen berühmt; sie leuchten weiß, wenn man sich der Küste vom Meer aus nähert. Washington liegt zudem zu Füßen der von Hügeln dominierten Downs. Für einen Krimi ist dies ein Idealbiotop - nicht nur wunderschön, sondern auch wild und topografisch tauglich für Mord und Totschlag. Bude weiß beide Aspekte zu würdigen, weshalb nicht wundert, dass Mord in Sussex zumindest in Sussex nie gänzlich vergessen wurde.

Die Tat und die Verdächtigen

Agatha Christie und Co. haben hierzulande den Mord ganz im Sinn von Thomas de Quincey als „schöne Kunst“ zelebriert, wobei die eigentliche Tat sowie die manchmal blutigen Folgen ausgeblendet wurden; dies galt der Literaturkritik lange als Qualitätsmerkmal, war aber keineswegs genretypisch, wie nun John Bude schön scheußlich verdeutlicht: Pechvogel John Rother wurde erschlagen, die Leiche dann zerlegt. Die Teile wanderten schubweise ins Feuer der Kalkbrennerei und schließlich in das Endprodukt, was auf verschiedenen Baustellen für Aufregung und Entsetzen sorgt, das Bude wiederum mit Wonne und einem schwarzem Humor in Szene setzt, der auch sonst zum Einsatz kommt. So diskutiert Merediths 17-jähriger Sohn Tony gern mit dem Vater über dessen Fälle: „Er schloss mit der Frage, ob er denn bitte die blutige Mütze [des Mordopfers John Rother] für sein neu gegründetes Kriminalmuseum haben könne (falls sie nicht mehr gebraucht werde).“ [S. 82]

Die Schar der Verdächtigen ist klein, der Fall jedoch angenehm vertrackt. Mehrfach glaubt Superintendent Meredith die Lösung in greifbarer Nähe, doch dann wirft eine Neuinformation seine Theorie wieder über den Haufen: So soll es sein in einem ‚richtigen‘ Rätselkrimi! Glücklicherweise ermittelt Meredith in einer Ära, als Arbeitszeit noch kein Spielball für Rationalisierungsmaßnahmen war - über Wochen widmet er seine ganze Aufmerksamkeit diesem einen Fall.

Neben der einfallsreichen Schilderung der wendungsreichen Indizieninterpretation lebt die Geschichte von den Befragungen diverser Zeugen und Verdächtiger, unter denen sich der Mörder (oder die Mörderin) verbirgt. Bude schöpft auch hier aus dem Vollen und kreiert Figuren, die man objektiv völlig überzeichnet bzw. karikiert nennen kann. Hier agieren Archetypen, was der Autor wiederum offen für anschauliche Charakterzeichnungen nutzt, indem er beispielsweise den Auftritt des Arztes Dr. Hendley vor dem Untersuchungsgericht so zusammenfasst: „Das Landvolk bestehe in der Mehrzahl zwar aus Deppen, er jedoch sei die goldene Ausnahme.“ [S. 157]

Die Gerechtigkeit siegt, das Schicksal springt ein

Das Frauenbild muss verständlicherweise zeitgenössisch bewertet werden. Witwe Janet trifft es tragisch: Major Forest, der aus seinem Herzen nie eine Mördergrube macht, weist seinen Untergebenen Meredith u. a. auf diesen verdächtigen Umstand hin: „Sie wirkt intelligent und sieht auch noch außerordentlich gut aus. Fast schon eine kriminelle Mischung.“ [S. 59] Ansonsten stechen Frauen durch ihre Schwatzhaftigkeit („Miss Kingston vom Postamt hätte sich betrogen gefühlt, wenn sie nicht die Angelegenheiten aller genauso wie ihre eigenen hätte erörtern können“,S. 201) und ihre Fixierung auf häusliche Ordnung (Mrs. Meredith) hervor.

Der Fall wird nach systematischer, vom Verfasser geschickt verwirbelter Ermittlung - was nicht dem „fair play“ widerspricht, sondern die Aufmerksamkeit des Lesers fordert – gelöst; sämtliche Rätsel werden gelüftet. Es kommt es sogar zu mehreren Überraschungen, wobei Bude dem Finale jede Tragik (1936 wurden Mörder gehenkt) nimmt und die still-vergnügliche Stimmung bewahrt, die Mord in Sussex durchdringt.

Das generelle Vergnügen an diesem alten bzw. im positiven Sinn altmodischen Kriminalroman wird durch die deutsche Ausgabe beträchtlich erhöht. Schon optisch ist sie eine Augenweide, trotz des günstigen Preises fest gebunden und auf gutes Papier gedruckt. Hervorzuheben ist aber vor allem die ausgezeichnete Übersetzung, die auf dem schmalen Grat zwischen Mord und Witz nie ins Stolpern gerät.

Fazit

Absolut klassischer, inhaltlich wie formal formvollendet umgesetzter „Whodunit“ - Band 2 der (insgesamt 23-teiligen) Serie um Superintendent Meredith - aus der Glanzzeit dieses Genres; unterhaltsam, witzig und dank einer fabelhaften Übersetzung nur in positiver Hinsicht (= nostalgisch)  angestaubt.

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