Der verschwundene Revolver

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The American Gun Mystery“

- New York : Grosset & Dunlap 1933

- Gütersloh : Humanitas-Verlag 1962 (Signum-Kriminalroman 136). Übersetzung: Heinz F. Kliem. 155 Seiten.

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Michael Drewniok
Toter Cowboy im Großstadtstaub

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Buck Horne ist noch ein echter Westmann, ein Zeitgenosse Billy the Kids und anderer zweifelhafter Helden. Aber der Wilde Westen ist tot, und Buck ging ins Showbusiness. Filmstar ist er gewesen, doch nun wird er alt. Der Ruhestand liegt ihm freilich nicht; er hat seinen alten Freund „Wild Bill“ Grant gebeten, ihn in dessen berühmter Rodeo-Show auftreten zu lassen, die gerade im Kolosseum in New York City gastiert.

Der alte Haudegen wird begleitet von seiner Pflegetochter Kit, die ein Auge auf ihn werfen soll. Das ist gut so, denn Hornes Auftritt an prominenter Stelle sorgt für viel Unmut im übrigen Ensemble, das sich zurückgesetzt fühlt. Besonders der einarmige Cowboy Woody wird dabei beobachtet, wie er wüste Drohungen ausstößt.

Kit ist abgelenkt, denn der schneidige Curly, Wild Bills Sohn, macht ihr den Hof. Ihm stellt wiederum die berühmt-berüchtigte Filmschauspielerin Mara Gay nach, die mit dem zwielichtigen Nachtclub-Besitzer Julian Hunter verheiratet ist. Buck Horne ist froh, den Wirren hinter den Kulissen ins Rampenlicht zu entkommen. Dort trifft ihn allerdings eine Kugel mitten ins Herz, als er eine 40-köpfige Horde wüst feuernder Cowboys anführt.

20.000 entsetzte Zuschauer haben es gesehen. Unter ihnen: Inspektor Richard Queen und sein Sohn Ellery, Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv, der dem Vater auch dieses Mal bei den Ermittlungen zur Seite steht. Diese bringen einige dunkle Punkte aus Old Bucks Vergangenheit ans Tageslicht. Ein Motiv findet sich aber ebenso wenig wie die Mordwaffe. Deshalb darf das Kolosseum erneut die Pforten öffnen - und wieder fällt ein Schuss aus der unsichtbaren Waffe. Jetzt fühlen sich die Queens bei der Ehre gepackt, und dieses Mal hat der Mörder einen Fehler begangen ...

Der Leser sitzt mit im Publikum

1929 debütierte die Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971) mit „The Roman Hat Mystery“ (dt. „Das Geheimnis des Zylinders“) als Krimi-Schriftsteller unter dem Gemeinschaftspseudonym „Ellery Queen“. Dieser Roman war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers gleichen Namens, dem noch viele weitere folgen sollten. „Der verschwundene Revolver“ ist der sechste Band der sog. „ersten Periode“. Sie umfasst die neun Queen-Romane aus den Jahren 1929 bis 1935, die stets das Wort „Mystery“ im (Original-)Titel tragen.

Es sind klassische „Whodunit“, zum Mitraten konzipiert. „The American Gun Mystery“ macht da keine Ausnahme. Der Leser weiß stets genauso viel (oder wenig) wie Ellery Queen. Freilich sind einige der zu erschließenden Fakten - sie werden hier natürlich nicht verraten - so bizarr, dass beim besten Willen niemand den Täter erkennen dürfte. Der Purist mag das Finale sogar als unfair bezeichnen.

Ungewöhnlich ist auch die Kulisse: Der Wilde Westen, das scheinbar ursprüngliche Amerika, wird in die große Stadt transportiert. Doch selbst Buck Horne, der ihn noch real erlebt hat, weiß, dass er mausetot ist. Alles ist nur noch Legend bzw. Show und transportiert eine Historie, die Hollywood neu erschaffen hat. Damit ist die gewählte Umgebung eine angenehme Abwechslung vom immer gleichen, einsamen Landhaus, in dem Verdächtige und Mörder hocken und darauf warten, vom Detektiv sortiert werden.

Luftblasen im Krimi-Vergaser

Ungeachtet dessen zählt „Der verschwundene Revolver“ nicht zu den besten Ellery Queen-Werken. Zwar steht es immer noch hoch über vielen anderen Krimis dieser Zeit, aber es teilt das grundsätzliche Problem vieler früher Queen-Romane: Die Handlung kann dem Plot nicht das Wasser reichen, sie ist langsam, wirkt schematisch.

Veränderte Lesegewohnheiten mögen ihren Teil dazu beitragen. Irritierend (aber auch innovativ) wirkt heute der Schluss. Er präsentiert nicht die typische finale Konfrontation von Detektiv, Verdächtigen und Schuldigem, sondern setzt plötzlich einige Monate später ein, als die Ereignisse bereits Vergangenheit sind. Ellery Queen erzählt die Auflösung einem Freund.

1933 ist Ellery Queen noch nicht der smarte Lebenskünstler späterer Jahre. Weiterhin tritt er als „ausgestopfte Hemdbrust“ auf, wie ihn die angelsächsische Kritik so kurios wie zutreffend charakterisierte. Ellery ist ein blasierter junger Mann mit Hausdiener und Monokel, der sich stets überlegen gibt und mit seinem Wissen bis zur triumphalen Offenlegung des Falls knausert. Allerdings kann es dabei zu unerwarteten Zwischenfällen kommen; auch hier siegt die Gerechtigkeit auf recht bittere Weise. Ellery ist das durchaus bewusst. Solche für einen Detektiv eher ungewöhnlichen Anwandlungen werden ihn später noch oft überkommen und erst wesentlich menschlicher, aber schließlich seifenoperlich schwammig wirken lassen.

Nur Figuren in einem Stück

Vater Richard Queen wird als ausgefuchster Polizist dargestellt, der sich nicht für dumm verkaufen lässt. Tatsächlich wirkt er wie ein netter, alter, meist ratloser Mann, dessen raubauzige Freundlichkeit offenbar die behauptete Tüchtigkeit ersetzen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir ihn niemals bei normaler Polizeiarbeit sehen, sondern stets in Zusammenarbeit mit Sohn Ellery, was einen vertrackten Kriminalfall außerhalb der Norm signalisiert.

Die übrigen Figuren entsprechen in ihrer charakterlichen Eindimensionalität den Standards des „Whodunits“, der primär auf den Fall und dessen Auflösung zentriert ist. Hier sind es immerhin anachronistische Cowboys, die auf Schritt und Tritt markige Naturverbundenheit verströmen und dabei auf erheiternde Weise lächerlich wirken.  Nachtclub-Besitzer und Sportveranstalter sind so zwielichtig wie es ihre im realen Verbrechen wirkenden Berufskollegen ganz bestimmt nicht sind. Ein weiblicher Filmstar muss selbstverständlich auch außerhalb des Kameralichts als leibhaftige Sünde auftreten.

Der Vorwurf des billigen Klischees greift indes nicht bei einem Kriminalroman, der mehr zahlreiche Jahrzehnte alt ist. Ohne schlechtes Gewissen aufgrund literarischer Vorbehalte (und im Wissen um eine gekürzte Übersetzung) darf und sollte man sich diesem nostalgischen Lesevergnügen hingeben.

Fazit

Skurriler Großstadt-Krimi im Western-Milieu, besetzt mit den üblichen scheinbar Unschuldigen, auf die man als Leser besonders scharf achten sollte; die Lösung ist trotzdem kaum zu erraten und reichlich bizarr.

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