Venusfluch

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 448 Seiten

- Bd. 2 [Stein & Wuttke]

Couch-Wertung:

75°
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Sabine Bongenberg
Gute Geschichte, ein wenig zu trockene Charaktere

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Apr 2021

Berlin 1949: Der Krieg ist vorbei, dennoch gehört der gewaltsame Tod immer noch zur Tagesordnung. Immerhin: Mittlerweile ermittelt die Polizei bei diesen Fällen und kommt oft zum Ergebnis, dass der Verstorbene selbst mit seinem Leben nicht mehr zurechtkam und diese endgültige Lösung wählte. Ein solcher Schluss wird dem leitenden Kommissar Hans-Joachim Stein aber regelrecht aufgedrängt, als ein Arzt in einer Privatklinik vom Dach stürzt und die Klinikleitung die Einstellung der Untersuchungen fordert. Stein und sein erprobtes Team, bestehend aus dem Kommissar Max Wuttke und der Stenotypistin Lore Krause, der das bloße Abtippen von Berichten auf Dauer doch zu langweilig ist, lassen sich von dieser Forderung nicht beeindrucken. Schnell finden sie heraus, dass sehr eigenartige Aspekte bei diesem vermeintlichen Selbstmord in eine ganz andere Richtung weisen. Überhaupt scheint in dieser Klinik, die wohl auf die Behandlung der Syphilis spezialisiert ist, Seltsames vorzugehen. Möglicherweise könnte das mit einem neuen Mittel im Zusammenhang stehen - aber dieses Mittel ist teuer und vor allem sehr, sehr knapp ...

In dem zweiten Buch über neue Verbrechen und alte Geschlechtskrankheiten führt das Autorenduo Liv Amber und Alexander Berg die Leser wieder in das kriegszerstörte Berlin. Seit dem letzten Buch ist immerhin schon ein wenig Wiederaufbau geleistet worden, einige Trümmer sind beseitigt, und auch die Menschen beginnen, ihr Leben zu ordnen: Max Wuttke, die rechte Hand des Kommissars, hat im Großen und Ganzen seine Drogensucht überwunden, wenngleich sich zu Beginn dieses Buches zeigt, dass auch hier die gute alte „Panzerschokolade“ Pervitin, die so manchen Landser zu Höchstleistungen antrieb, noch immer nicht die bedingungslose Kapitulation erklärt hat. Hans-Joachim Stein wiederum hat sein eigenes Päckchen zu tragen: Da ist immer noch der Schmerz über eine kurze Liebe, die im ersten Band der Berlin-Saga geschildert wurde, und die Trauer um die Frau, die ihn ursprünglich dazu brachte, sein britisches „Exil“ zu verlassen. Auch das Thema „Familie“ ist nicht das einfachste, arbeitet doch sein Vater, Kommissar Stein Senior, unverdrossen auf der russischen Seite der Stadt und wird nicht müde, ihm die schönsten Verschwörungstheorien zu unterbreiten. Auch Lore Krause findet nicht alles in der neuen Zeit dufte - denn bei einer attraktiven, jungen Frau fällt es einigen ihrer Kollegen offensichtlich schwer, die Finger bei sich zu behalten und zu akzeptieren, dass sie sich auch nach einer anderen Rolle als der einer Schreibkraft sehnt. Es menschelt also doch ein wenig zwischen den Akteuren, und das macht den Krimi ein gutes Stück sympathischer als den ersten Band. Fast hatte ich im direkten Vergleich der beiden Bücher das Gefühl, dass das Autorenduo sich bei seinen Helden erst ein wenig einrichten und sich an sie gewöhnen musste.

„Und warum wird es nicht in ausreichender Menge auch bei uns produziert?“

Dennoch ist es Amber und Berg noch nicht gelungen, diese neue Lebhaftigkeit seiner Figuren auf die handelnden Personen generell zu übertragen. Viele von ihnen bleiben immer noch ein wenig scherenschnittartig und schwarz/weiß gezeichnet. Wer einmal zu den „Bösen“ gehört, scheint das „Böse“ im Prinzip schon als Selbstzweck zu akzeptieren und hat keinerlei Ambitionen, sein Leben dann doch irgendwann einmal zu ändern. Mit dieser Struktur aber bleiben die zwangsläufig in jedem Krimi neu auftretenden Bösewichte, Opfer oder Mitläufer immer ein wenig distanziert und die Handlung damit mit einem gewissen Grad steril. Was bei diesen Personen allerdings manchmal ein wenig zu kühl ist, könnte meiner Einschätzung nach bei der Stenotypistin Lore Krause – gefühlt auf jeder Seite einmal als „Schreibkraft“ tituliert – ein wenig heruntergekühlt werden; ihre permanente Suche nach einer Profilierungsmöglichkeit als Polizistin und die Missachtung jeglicher Gefahren, die die Polizeiarbeit nun doch tatsächlich mit sich bringen kann, fingen irgendwann an, gewaltig zu nerven. Meiner Meinung nach hätte auch sicher nur ein Hinweis ausgereicht, dass Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei der Polizei allenfalls bei der Jugendfürsorge eingesetzt wurden. Nicht sonderlich phantasievoll ist das Duo auch bei der Entwicklung des Krimis oder bei der Konstruktion des Spannungsbogens: Wird eine wichtige Zeugenbefragung auf den nächsten Tag verschoben, so ist durch die Bank nicht mehr damit zu rechnen, dass die zu befragende Person tatsächlich noch einmal die Sonne aufgehen sieht.

Fazit

Vor dem Hintergrund des zerstörten Berlins mit seinen besonderen Problemen und seinen Menschen, die sich langsam aus dem erlittenen Trauma lösen, zeichnen Liv Amber und Alexander Berg einen Krimi, der in den speziellen Problemen der Nachkriegszeit wurzelt, aber auch aktuelle Themen berührt. Wenn es dem Autorenduo jetzt noch gelingt, seine neuen Protagonisten ähnlich menschlich oder sympathisch aufzubauen, wie es bei dem Gespann Stein/Wuttke/Krause mittlerweile gelungen ist, dann wird der nächste Krimi spannungsmäßig durch die Decke gehen.

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