Mieses Spiel um schwarze Muscheln

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 416 Seiten

- Bd. 3 [Piet van Houvenkamp]

Couch-Wertung:

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Sabine Bongenberg
In Zeeland fällt ein hübsch verpackter Sack Muscheln um

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2021

Inspecteur Piet von Houvenkamp, Liebhaber von gutem Essen und alten behäbigen Vehikeln, sehnt im zeeländischen Frühjahr insbesondere noch eine Sache herbei - und das ist das Angeln. Endlich ist wieder die Saison für den eleganten Hornhecht eröffnet, und schon stehen die Angler säuberlich aufgereiht am Ufer. Dennoch ist es nicht der Hornhecht, der für Aufsehen sorgt, sondern die Leiche des Muschelfischers Jacobus Schouten, die hier, ordentlich in einen Sack verpackt, an Land gezogen wird. Vor seinem Ableben war er ein unbequemer Zeitgenosse, der gerne auf Konfrontationskurs ging – und das nicht nur mit seinen Söhnen, sondern auch mit anderen Fischern und überhaupt so einigen, die nicht seiner Meinung waren. Es gibt daher nicht allzu viele, die sein Ableben betrauern dürften. Bei einer so großen Menge potentieller Verdächtiger ist es aber natürlich für einen einzigen Inspecteur eine Herkules-Aufgabe, diesen Mordfall zu klären – das meint zumindest eine Truppe deutscher Camper, und lässt sich nicht davon abhalten, ihm hilfreich zur Seite zu springen. Auch wenn Piet sie gar nicht gefragt hat, unter keinen Umständen ihre Hilfe will und auch nicht die besten Erinnerungen an ihre Einmischungen beim letzten Verbrechen hat. Es hilft nichts: Wenn die deutschen Camper einen Fall gewittert haben, dann gibt es für sie kein Halten mehr …

Kleine holländische Fluchten

Bernd Stelter grüßt in seinem dritten Buch über Morde im beschaulichen Zeeland und über die besondere Hilfsbereitschaft einer Kölner Campergruppe verschmitzt lächelnd vom Buchtitel. Wer genauer hinschaut, dem fällt sicher auf, dass der Autor auf höchstens 40 Jahre gephotoshopt und hinter einem großen Pott der namensgebenden schwarzen Muscheln platziert wurde. Ein bisschen zusätzliche Dramatik sollen vermutlich die ebenso eingebauten Fingerabdrücke und das mehr als lieblos eingefügte Austernmesser bringen, doch dürften hier keine Zweifel herrschen: Bernd Stelter stellt wieder eine hübsche Erzählung aus dem holländischen Yerseke und um seinem Lieblingscampingplatz „de Greveling“ rund um den bärbeißigen Piet van Hovenkamp und die umso besser gelaunte Campingtruppe aus dem Kölner Umfeld vor.

Die Betonung des neuen Krimis liegt dann auch tatsächlich in der Bezeichnung „hübsch“, denn atemlose Spannung ist sicherlich nicht Stelters Sache; sein Metier sind vielmehr die zahlreichen - und manchmal sogar witzigen - Geplänkel der deutschen Camper. Hier hatte  ich manchmal das Gefühl, dass Stelter bei einigen Unterhaltungen nur andächtig zugehört und mitgeschrieben hat - auch wenn ich mir natürlich nicht vorstellen kann, dass sich selbst ein langjähriges Ehepaar in der Öffentlichkeit mit Kosenamen anspricht, die jedem Zuhörer sofort die Fremdschamröte ins Gesicht steigen lassen (ich sage nur „Mein zärtlicher Oktopus“). Nicht abzusprechen ist Herrn Stelter auch die Begeisterung für die holländischen Restaurants oder generell für die holländischen Spezialitäten, die hier oft und gerne erwähnt und aufgezählt werden. Das warf aber auch neue Fragen auf: Wenn die niederländische Polizei solche Spitzengehälter zahlt, dass sich der ermittelnde Inspecteur morgens, mittags und abends in Restaurants verpflegen lassen kann und auch oft und gerne noch ein Gläschen zwischendurch drin ist, dann müssten deren Beamte samt und sonders zu den Spitzenverdienern Europas gehören. Neben diesen anschaulichen und durchweg sympathischen Restaurant-Ratschlägen, die vermutlich so manchen Reiseführer ersetzen können, überraschten dagegen die diversen und nervigen Erwähnungen von Markennamen bei der Camping- oder auch Freizeitausstattung. Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass Herrn Stelter hier ein Nebenkommen winkt, aber was das Ganze sollte, erschloss sich mir auch nicht.

Sieht man von den ganzen Schilderungen der leckeren zeeländischen Speisen und Getränke und den Nickligkeiten zwischen den Campern ab, blieb die eigentliche Mordsache allerdings zu blass und für meinen Geschmack auch zu konturlos. Stelter konnte bei mir weder ein besonderes Interesse am Leben (und Sterben) des Fischers erwecken, noch war ich von der Aufklärung dieses Falls besonders gefesselt. Als zu stark überzeichnet empfand ich auch die Figur eines beteiligten Foodbloggers, der möglicherweise hier die neue moderne Schickeria-Seite der „Nahrungsaufnahme“ vertreten sollte, aber letztendlich nur als eitler Fatzke dargestellt wurde. Auch die Liebesgeschichte, die Piet van Houvenkamp mit seiner „großen“ Liebe Isabelle und seiner „alten“ Liebe Juliana verbindet, konnte mich nicht überzeugen. Von den Darstellungen des Camperlebens konnte man das allerdings nicht behaupten: Hier ist Bernd Stelter im sicheren Fahrwasser, und wer schon einmal gecampt hat und das Ganze ein bisschen mochte, der wird den Geschichten über die Verbesserungen im Zeltaufbau und die Tücken beim Zusammenbasteln des schicken Grills, der angeschafft werden musste, weil die Nachbarn auch einen haben, mit einem wissenden Schmunzeln folgen.

Fazit

Neben einem blässlichen Krimi führt Bernd Stelter den Leser zum Osteraufenthalt an der holländischen Küste - und vermutlich kann kein Rheinländer eines gewissen Alters von sich behaupten, das noch nie gemacht zu haben. In den schweren Zeiten von Infektionsschutzverordnungen, Kontaktsperren und drohenden Quarantänen, die immer wieder und möglicherweise auch in diesem Jahr das Reisen verbieten, ist das immerhin eine kleine lebendige Erinnerung und eine Hoffnung darauf, die Mosselen, Fritjes, Frikandel und Satè alsbald wieder vor Ort genießen zu dürfen. Dieses Gefühl kann Bernd Stelter glaubhaft vermitteln, und wer sich insbesondere wegen den kleinen holländischen Fluchten in seine Bücher stürzt, der dürfte hier – einmal mehr – richtig sein.  
 

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