Jener Sturm

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

Stephen Tree (Übersetzer)

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Michael Drewniok
Kriegshysterische Jagd auf Macht und Gold

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2020

Nachdem die japanische Luftwaffe Anfang Dezember 1941 den Flottenstützpunkt Pearl Harbor angegriffen hat, erklären die USA Japan und kurz darauf dem verbündeten Nazi-Deutschland den Krieg. Während in Übersee gekämpft wird, bereitet sich die „Heimatfront“ auf die vermuteten Attacken japanischer und deutscher Saboteure vor. Japanischstämmige US-Bürger werden als potenzielle Spione interniert und in Lager getrieben; dabei halten sich kriminelle, aber durch die allgemeine Kriegshysterie geschützte Polizisten, Soldaten u. a. ‚Ordnungshüter‘ am beschlagnahmten Eigentum schadlos.

Auch die Beamten des durch und durch korrupten Los Angeles Police Department nutzen die Gunst der Stunde; vor allem der psychopathische Sergeant Dudley Smith treibt es auf die Spitze, ‚verleiht‘ gefangene Japaner als Arbeitssklaven, verbündet sich mit faschistoiden Interessengruppen und begleicht alte und neue Rechnungen. Im gerade beginnenden Jahr 1942 konzentriert sich Smith auf einen Raub, bei dem elf Jahre zuvor eine große Goldmenge verschwand; sie sollte offenbar einen aberwitzigen Pakt zwischen deutschen Nazis und sowjetischen Kommunisten finanzieren, die sich von Hitler bzw. Stalin distanzieren und eine gemeinsame Nachkriegs-Diktatur planen.

Nicht nur Smith, sondern auch seine Feinde erfahren von dem Schatz. Sergeant Elmer Jackson sieht eine Möglichkeit, den verhassten Rivalen in die Irre und ins Verderben zu führen. Einige von Smith verratene oder enttäuschte Männer und Frauen schlagen sich auf seine Seite. Doch Bündnisse sind brüchig: Ständig verschieben sich die Interessen, Konflikte werden mit brutaler Gewalt gelöst, und immer neue Leichen säumen den Pfad einer Jagd nach Macht und Gold, die in diesem aufgeputschten Umfeld absurde Blüten treibt …

Irrsinn bietet fantastische Möglichkeiten

1.000 Seiten James Ellroy: Erfahrene Leser/innen wissen, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Also folgt ein inhaltlich wie formal wüster Parforceritt, der dorthin führt, wo die Welt nicht grau, sondern nur noch tiefschwarz ist. Jener Sturm ist die Fortsetzung von Perfidia; ein ebenso seitenstarkes Garn. Zwei weitere, sicherlich ziegelsteindicke Bände sollen folgen und Ellroys „zweites L.A.-Quartett“ vervollständigen, das wiederum Teil einer fiktiven US-Geschichte ist, die der Autor zwischen 1941 und 1972 spielen lässt.

Zwischen diesen Werken gibt es unzählige Querverweise; das Figurenpersonal ist so umfangreich, dass Ellroy seinem Roman ein mehrseitiges Verzeichnis anfügt, das Auskunft darüber gibt, wer wo auftritt. Man behält nur schwer den Überblick, was eines der Probleme mit dieser Lektüre ist: Man sollte die Personalverflechtungen mindestens grob im Hinterkopf behalten, um Figuren im Gesamtgeschehen einordnen zu können.

Schon das ist eine echte Herausforderung, wobei Ellroy in einem Punkt Übereinstimmung zeigt: Es gibt nicht eine Figur mit nur einigermaßen weißer Weste! Ellroy ist ein Nihilist, der an menschliche = moralische Werte nicht glaubt. Auch Jener Sturm ist daher eine brachiale Lektion in Sachen Eigennutz, wobei auf ‚Kollateralschäden‘ keine Rücksicht genommen wird. Wichtiger als der Plot ist die Parade krimineller Männer und Frauen, die aufgrund einer Krise jegliche Hemmungen fallenlassen und sich bereitwillig in ein Inferno stürzen, das ihnen eine Selbstverwirklichung der besonders rücksichtslosen Art ermöglicht.

Krieg als Katalysator für das bisher nur theoretisch Böse

Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg ist nach Ellroy der Startschuss für legalisiertes Unrecht auf allen erdenklichen Ebenen: Wer sich vor dem Fronteinsatz drücken kann, macht in der Etappe Karriere und scheffelt Geld. Der Versuchung erliegen keineswegs nur jene, die schon vorher korrupt und verlogen waren. Gelegenheit macht Diebe, was sich nunmehr bewahrheitet, als die Internierung kollektiv zu Staatsfeinden erklärter US-Bürger japanischer Herkunft den Zugriff auf deren Vermögen ermöglicht; sie werden zu „Japsen“, die man verhöhnen, berauben, versklaven, umbringen darf.

Ellroy übertreibt schamlos, aber es steckt mehr als ein Körnchen trauriger Wahrheit dahinter: Noch heute drückt man sich in den USA um eine objektive Anerkennung begangenen Unrechts. Die Erniedrigung der „Japsen“ fügt sich bei Ellroy in eine allgemeine Verachtung ethnischer Minderheiten: „Mexe“, „Tintentaucher“, die Juden oder Homosexuelle - sie sind Freiwild für die ‚guten‘ = weißen, konservativen US-Amerikaner, die ihre Opfer im Schutze fragwürdiger ‚Gesetze‘ terrorisieren. Polizei, FBI, Militär, Politik, Wirtschaft und Kirche sind nach Ellroy nur Brüderschaften rassistischer, korrupter, rücksichtslos ihre Interessen vertretender Männer (und sie begleitender Frauen), die nach Macht und Geld gieren.

Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg lässt sie jegliche Zurückhaltung aufgeben. Während der Plot wie schon erwähnt eher schemenhaft bleibt, füllt Ellroy Seite um Seite mit den Niederträchtigkeiten der Kriegsgewinnler. Sein Einfallsreichtum ist unendlich, obwohl die schier endlose, oft geradezu delirierende Reihung von Folter und Mord, die ständigen Intrigen, die ewigen Bündnisse und ihr garantiertes Zerfallen ungeachtet (oder gerade wegen) der Wucht, mit der sie der Verfasser uns präsentiert, allmählich ermüdend wirkt. Doch Ellroy kennt kein Pardon: Er schwelgt in seiner enthemmten Welt, deren Favoriten die beste Zeit ihres Lebens haben.

Ideologie als reiner Treibriemen

Über die historische Akkuratesse von Jener Sturm darf man keine Illusionen hegen. Für Ellroy ist die Geschichte eine Folie, die er nach Bedarf biegen und brechen darf, historische Realität nur Mittel zum Zweck, der in der Klarstellung der Tatsache liegt, dass es das Gute nicht gibt bzw. seine angeblichen Vertreter es systematisch missbrauchen. Ellroy treibt es aberwitzig auf die Spitze, wenn er einen Pakt zwischen Nazis und Kommunisten postuliert, die um den Erhalt ihrer Macht willen eine ideologisch unmögliche Einheit bilden. Hier bedient sich Ellroy jener These, dass totalitäre Regimes ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung kompatibel sind: Im Vordergrund steht die Herrschaft einer selbst ernannten Elite mit Zuckerbrot und Peitsche, während die Ideologie nur ein Instrument ist.

Abermals entwirft Ellroy ein Panoptikum heuchlerischer Nutznießer; auf „political correctness“ pfeift er dabei ausdrücklich. Um des nackten Lebens und/oder finanzieller Vorteile willen sitzen Nazis, Kommunisten, Juden, Politiker, Geheimdienste, Polizisten bzw. die Vertreter sämtlicher Gruppierungen, die Ellroy auftreten lässt, problemlos im selben Boot. Man intrigiert, verrät, schließt Bündnisse, wechselt die Seiten: Der gemeinsame Faktor bleibt der individuelle Egoismus. Dabei schießt der Autor - auch dies ist üblich - weit übers Ziel hinaus, suhlt sich förmlich in fetischistischen Totalitarismus- und Sado-Maso-Fantasien, erbricht exzessive Metzeleien und feuert kurze Satzsalven ab, die atemlose Dauer-Action (und das Wüten eines vom Thema besessenen Schriftstellers) widerspiegeln.

Wer in diesem ‚Spiel‘ nicht mithalten kann, bleibt auf der Strecke: Es trifft nicht nur unzählige Pechvögel, die als Spitzel, ‚Zeugen‘ oder Kanonenfutter grausame Tode sterben, sondern auch Hauptfiguren. Der fieberhafte Irrwitz verschont niemanden, was Ellroy auch dadurch unterstreicht, dass er seinen vierfach (!) gestaffelten Plot im wahrsten Sinn des Wortes auflöst: Die aufwendigen, opferreichen Aktionen der Hauptfiguren enden chaotisch im Nichts. Terror und Tod sind umsonst, die Karten werden einmal mehr neu gemischt. Gelernt haben die Überlebenden daraus nicht; ihr Treiben werden sie fortsetzen. Das von Ellroy geschaffene Paralleluniversum, in dem Gesetz und Verbrechen verschmelzen, wird den Krieg überleben, sich verzweigen und sich bis zum Präsidentenmord entwickeln - die entsprechenden Bücher hat Ellroy bereits geschrieben. Sie sind mehrheitlich besser als Jener Sturm (oder Perfidia), weil Ellroy inzwischen die literarische Breite vorzieht, statt auf den Punkt zu kommen. Wollen wir wirklich noch zweimal über 1.000 Seiten Gewalt und Bosheit erleben, die sich manisch im Kreis dreht?

Fazit

Ein Stakkato realer und fiktiver Verbrechen entführt in eine rabenschwarze Welt (selbst-)süchtiger Glücksritter, die Ämter und Privilegien als Freibrief für Selbstbereicherung und die Erfüllung perverser Gelüste betrachten. Die nie nachlassende Wucht einschlägiger Bosheiten wirkt bald ermüdend bzw. deprimierend, doch der Autor ist zu keinen Kompromissen bereit und konfrontiert seine Leser mit einem weit gesponnenen Netz miteinander verknüpfter Gräuel, wobei er sich in den Wiederholungen letztlich wenig handlungsrelevanter Gemeinheiten verliert.

 

 

Anmerkung d. Verf.: Der Titel ist ein Zitat aus einem Gedicht von W. H. Auden (1907-1973): „This storm, the savage disaster …“ Ellroy orchestriert den Sog des entflammten Bösen, der durch den Weltkrieg in nie gekannter Weise angefacht wird.

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